Mindestens haltbar bis siehe Ende.

Texte von Hans Georg Hildebrandt, mehr oder weniger aktuell.

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Ein Herz fürs Böse – Unfair Trade auf dem Vormarsch

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Nach fünf Jahren Bauzeit und zahlreichen Selbstunfällen wird im Walliser Dixence-Tal auf die Sommersaison hin ein neuer Schweizer Erlebnispark eröffnet. Lanciert wird das Bruchpilotprojekt für treue Kunden des kürzlich eingeführten Handelslabels «Unfair Trade». Ein Hintergrundbericht.

Wie jedermann weiss, wird das menschliche Gewissen in Momenten grossen Zweifels sichtbar und nimmt die Form eines Engels auf der rechten Schulter an, welcher meist erfolglos gegen das lustbetont agierende Selbst in Form eines Teufels auf der linken Schulter argumentiert. In der Folge gewinnt der Teufel (enge, sexy Sportklamotten) und der Engel (flatterndes weisses Gewand) zieht sich unter Tränen zurück in die Welt des Feinstofflichen.

Beim Abbau dieser Tränen entstehen schädliche Rückstände, welche gemäss gut abgesicherten Studien die Lust am Konsum hemmen, was «der Wirtschaft schadet», wie Manuel Stahlberger in seinem Song «Mier schaded de Wirtschaft» schlüssig festgehalten hat.

Als Mittel gegen dieses Hemmungen wurden in den vergangenen Jahren zahlreiche Labels im Stil von «Max Havelaar» (Bananen, Kaffee) und «Fair Trade» (Bananen, Kaffee, seltene Erden für Handy-Bildschirme) ins Leben gerufen. Wer «Fair Trade» einkauft, beruhigt sein schlechtes Gewissen und schützt seinen Körper vor den schädlichen Rückständen, welche das «Scheiss-Memmen-Geflügel» (von Christoph Mörgeli in seinen Vorlesungen vor Medizinstudenten jeweils so bezeichnet) beim Abbau seiner Tränen hinterlässt.

Neuste Forschungsergebnisse legen nun jedoch nahe, dass auch Leute, die beim Einkaufen keinerlei Gewissensregungen empfinden, gerne ein eigenes Label hätten. «Sie fühlen sich gegenüber den Käuferinnen und Käufern von ‚Fair Trade’ benachteiligt, insbesondere, was Regalmeter und Einkaufsvergnügen angeht», sagt Erwin Frobischer, obersterer Honcho des zentralen Einkaufsdirektorats beim nationalen Einheitskaufwesen des Grossversorges Almigroopoli. «Es reicht ihnen einfach nicht mehr, mit Produkten wie ‚Oreo’ oder ‚Rafaello’ zum Abholzen von Regenwald für Palmfettplantagen beizutragen.»

Als Reaktion auf zahlreiche Wortmeldungen insbesondere in den Kommentarspalten von «Blick» und «20 Minuten» setzte sich die Erkenntnis durch, dass «mündige Konsumenten aktiv etwas für die Verbreitung des Bösen auf der Welt tun möchten.» Wer nichts dagegen unternehmen könne, dass wegen ein paar Fröschen auf dem Weg zum Laichteich alljährlich im Frühjahr die Quartierstrasse gesperrt werde, sehe es als moderne Lösung des Dilemmas an, lästige Amphibien und hässliche Baumbewohner (Orang Utan, sehr unsympathisch und im Zoo ohnehin besser aufgehoben) in einem anderen Erdteil effektiver zu bekämpfen. «Wir haben zunächst bei der Industrie Produkte mit einem höheren Anteil an Palmfett geordert, das auf garantiert brandgerodetem Regenwaldboden produziert wurde.»

Damit aber nicht genug. Direktionsdirektor Erwin Frobischer setzte auf Anregung der Konzernleitung des nationalen Grossversorgers Mooldigraps deshalb eine Arbeitsgruppe ein, welche alsbald mit einem Lösungsvorschlag auf der Matte stand. «Wir müssen das Böse regional erlebbar machen», bringt der smarte Top-Manager den neuen, Ansatz auf den Punkt. «Die Lösung ist unser neues Label ‚Unfair Trade’, dem wir beispielsweise die Palmfett-Plus-Produkte zuordnen.» Weitere Produkte seien beispielsweise Wegwerf-Kämme, geschnitzt aus den Zehennägeln von Pandabären «die leider dem rücksichtslosen Strassenverkehr in China zum Opfer gefallen sind», wie Frobischer mit nur schlecht unterdrückter Häme zu Protokoll gibt. Echtheitsgarantie gäbe es keine – «wo kämen wir denn da hin, wenn wir jeden Tigerpimmel zertifizieren müssen?» Er mache kein Geheimnis daraus, dass er bei der Konzeption des neuen Labels «wenn nicht federführend, so doch untergründig inspirierend mitgewirkt habe», sagt der mehrfach geschiedene und kinderlose Topmanager.

Unter grösster Geheimhaltung und direkt unter der imposanten Wölbung der «Grande Dixence»-Staumauer wurden in den vergangenen fünf Jahren wuchernde Alpenrosenbüsche mit Roundup vernichtet, Murmeltiere zu Paaren getrieben und zu Ragout verarbeitet sowie die Staumauer mit Haarrissen versehen. «Das sorgt für einen zusätzlichen Kick, wenn die Kunden von ‚Unfair Trade’ hier ihre Bonuspunkte aus dem zum Label gehörigen Treueprogramm verballern kommen.»

Ja, verballern ist in diesem Zusammenhang wörtlich zu nehmen, denn bekanntlich sind im Wallis Luchse, Wölfe und Bären ohnehin nicht speziell beliebt. Im «Unfair Trade Erlebnispark», der sagenhafte zwölf ausgesprochen schlecht bezahlte Arbeitsplätze schaffen wird, können diese überzähligen Wildtiere mit Paintball-Markern gejagt werden. «Da diese Waffen keine besonders gute Verteidigung bieten, ist echter Survival-Spass für unsere Unfair-Trade-Kunden garantiert, und zwar hundertpro», sagt Erwin Frobischer. Für den Fall, dass die Tiere den Stress nicht aushalten sollten, ist bereits vorgesorgt: «Wir werden sie durch billige, ausfransende Hologramme ersetzen, alles easy», kündigt der mehrfache Letzplatzierte am Engadiner Skimarathon lässig lächelnd an.

Wer beim Einkaufen von einem schlechten Gewissen geplagt wird und gerade deshalb öfter mal zum bösen Produkt greift, hat mit dem «Unfair Trade»-Sortiment in Zukunft echte Optionen. Dank dem Treueprogramm, finanziert durch die unanständig hohen Preisaufschläge als Prämie für das Mehrwert-Label, ist ein zusätzlicher Erlebnissimo-Faktor garantiert – die Punktejagd kann losgehen.

Service: Das sind die Frühlings-Hits im «Unfair-Trade»-Sortiment

  • Mohrenkopf «extra» mit Lockenperücke aus Echthaar (2500 Bonuspunkte)
  • «ob»-Tampons mit lebendgerupftem Kaninchen-Angora (1500 Bonuspunkte)
  • Kaffee «Kopi Luwak» zum Selbermachen (Set mit frischen Kaffeebohnen und Zibetkatze, wird lebend mitgeliefert (8200 Bonuspunkte, nur online erhältlich)
  • «Inder-Überraschung», Überraschungs-Eier mit Echtholz-Schnitzereien, gefertigt in Kinderarbeit aus illegal gerodetem Tropenholz
  • Sonnencrème «de Luxe» mit echtem Einhornsperma (nur 500 Bonuspunkte, da Herkunft «zweifelhafter als üblich»)
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Written by hghildebrandt

20. April 2015 at 9:46 am

Veröffentlicht in im Vorbeigehen

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