Mindestens haltbar bis siehe Ende.

Texte von Hans Georg Hildebrandt, mehr oder weniger aktuell.

Und alle haben es da oben | Ein Bericht zur Lage des Flüchtlingswesens

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Dieser Text entstand 1990 im Rahmen eines Reportage-Workshops, der vom damals noch existenten Reisebüro SSR durchgeführt und von Niklaus Meienberg geleitet wurde. Aufgrund technischer Probleme schaffte es der Text leider nicht in die – in jenen Tagen Maßstäbe setzende – «Weltwoche», was mich sehr belastete. Weil es noch kein E-Mail gab, ich zuhause keinen Drucker hatte und meine Story von Niklaus gegenlesen lassen wollte, traf mein Manus einen halben Tag zu spät bei Margrit Sprecher ein. Es herrschte gerade «Asylnotstand» in der Schweiz. Aus Aktualitätsgründen beschloss Niklaus, den Workshop in Kreuzlingen durchzuführen, wo eines der Verteilzentren für Asylbewerber steht, von denen aus die Menschen auf die Kantone verteilt werden. Es war meine erste journalistische Arbeit und meine letzte politische. Die Arbeit scheint mir heute nicht besonders gut, weil die Perspektive der Asylbewerber fehlt. Aber in den vier Tagen hatten wir auch kaum Zeit und schon gar nicht die Erlaubnis, mit den Menschen zu sprechen. Ich poste die Story aus aktuellem Anlass, weil mich das derzeitige gigantische Flüchtlingselend bedrückt und traurig macht. 

 

Und alle haben es da oben | Ein Bericht zur Lage des Flüchtlingswesens

von HG Hildebrandt/Kreuzlingen 1990

 

Montagnacht in einer Grenzstadt am Bodensee. Der donnernde Lastwagenverkehr hat nachgelassen, der Staub setzt sich, Kreuzlingen geht zu Bett. Nur unten beim Bahnhof bietet sich, von weitem sichtbar, ein seltsames Bild: Etwa 50 Menschen haben sich um ein viel zu kleines Feuer gesammelt und versuchen, ihre klammen Hände zu wärmen. Nicht weit davon steht eingezäunt eine Holzbaracke mit Lichtstreifen hinter Lamellenstoren – eine der vier Empfangsstellen des Delegierten für das Flüchtlingswesen.

 Mischrechnung

Im Restaurant Hotel St. Gallerhof – alle Zimmer besetzt – hängen persische Teppiche an den Wänden und orientalisch anmutende Lampen an der Decke. Hier lässt sich bestens über die Asylantenfrage und ihre Lösungen diskutieren. Seit drei Jahren wirtet hier ein Türke, darum die exotische Einrichtung. Aber „er ist ein lieber Kerli und seit achtzehn Jahren in der Schweiz…“ sagt der rein zufällig anwesende Stadtpolizist, „sonst würd‘ ich ja nicht hier meinen Kaffee trinken.“ Persönlich hat er mit den Asylbewerbern in der Baracke nichts zu tun. Für die sprunghaft angestiegenen Ladendiebstähle sei die Kantonspolizei zuständig, für die illegalen Einwanderer der Zoll und für die Politik Bern. Als erster von vielen hebt er die flache Hand an den Schnauz und sagt: „Ich has do obe, oder.“ Es gebe zu viele, sie seien faul, und gar keine echten Flüchtlinge. Fast verlegen bedankt er sich für den Kaffee und sagt Adieu. Vielleicht war es keine gute Idee, dem Wirt des St. Gallerhofs auch noch eine Frage stellen zu wollen. Aber Herr Arbenz habe doch in den Hotelzimmern Asylbewerber einquartiert, ob die kurz zu sprechen wären? Sein Widerstand ist um einiges kräftiger als sein Händedruck, und er lehnt ab. „Schlechte Erfahrungen, tut mir leid“, sagt er und verschwindet in der Küche. Kein Wunder – erst kürzlich stand in der Regionalzeitung zu lesen, die Asylbewerber seien halt für die Hotels am Ort ein gutes Geschäft. Franken zwanzig pro Nacht, Franken neun pro servierte Mahlzeit und das bis Ende Jahr mal die Anzahl Flüchtlinge…dass sich so „eine interessante Mischrechnung machen lässt“, wie der zweite Hotelier sagt, ist leicht auszudenken. Und schliesslich zahlt der Bund, denn der ist zuständig.

 

Nacht im Freien

Ja, in Kreuzlingen brennt ein Feuerchen, und an der Tür zur Empfangsstelle steht „geschlossen“ in vier Sprachen. Denn sechs Uhr ist längst vorbei, es geht schon eher Richtung Mitternacht, und nach sechs kommt niemand mehr hinein. Es sind halt wieder einmal zuviele, wie schon letztes Jahr, als das Zeltlager und ein Typhusfall Anlass zu einem kleineren Skandal gaben. Damals kam Hilfe von den verschiedensten Seiten: Hilfswerke, die Kirchen, Privatleute engagierten sich für einen menschenwürdigen Alltag in der Empfangsstelle. Jetzt ist es wieder soweit, 50 Leute werden die Nacht im Freien verbringen, einige schon zum dritten Mal hintereinander. „Kommt morgen wieder“, hat es schon um halb drei Uhr geheissen, „the house is full.“ Wo die Leute schlafen sollen ist unklar. Aber Herr Beringer ist der Vizeammann von Kreuzlingen und findet es nicht schlimm, im Oktober draussen zu übernachten, das habe er auch schon gemacht im Militär. Nett, dass er gekommen ist, um das zu sagen. Der Chef der Empfangsstelle heisst René Joerg und ist nicht da. Aber sein Stellvertreter weiss genau, was er zu tun hat: Abwimmeln. „Nein, für die Luftschutzräume ist die Gemeinde zuständig, die muss das mit Bern abmachen.“ Der katholische Pfarrer Schmid von Kreuzlingen ist der einzige, der nicht auf jemand anderen verweist. Er komme sofort, verspricht er telefonisch, man könne doch die Leute nicht draussen schlafen lassen. Er kommt auch, aber erst um halb neun Uhr morgens. Vielleicht hat er sich in seinem geräumigen Pfarr- und Kirchgemeindehaus verlaufen.

 

 Keine Wolldecken

In Kreuzlingen brennt ein Feuerchen, aber nicht mehr lange. Herr Joerg hat die Lage telefonisch unter Kontrolle und sagt zum Beispiel, dass die stapelweise vorhandenen Wolldecken schön in der Baracke bleiben, oder wie man auf Journalisten zu reagieren habe (nämlich gar nicht). Gegen halb zwölf Uhr schickt er dann zwei Securitaswächter und ein Hündli vorbei. Die sollen das Feuer löschen, da könnte ja jeder kommen, und das Holz sei erst noch geklaut. Vor dem Haufen von „schwarzen Grinden“ bringen die beiden Steifmützen dann aber die erforderliche Autorität nicht auf, das Hündli knurrt vergebens, und schliesslich steht die Polizei auf dem Plan, mit einem Eimer Wasser und ermahnenden Worten. Herr Joerg wohnt in Unterengstringen, und von dort fällt er souverän seine „Frontentscheide“. Also: Heute Biwak. Ein paar Private belegen noch die zwölf freien Betten in der Jugendherberge mit Libanesen; die andern 38 stehen vor einem Häufchen nasser Kohle.

 

Natürlich, die Wirtschaft 

Woanders mottet es allerdings munter weiter, weiss ein uniformierter Zöllner zu berichten. In der Volksseele nämlich, die demnächst überkochen werde. Der Zivile neben ihm nickt. „Wir brauchen endlich jemanden mit ein bisschen Mut“, stimmt er zu. „Sonst kommt nämlich bald die nächste Ueberfremdungs-Initiative, und wenn der Herr Blocher sich mit der ANUS dahinterstellt, kommt die auch durch.“ Er sagt tatsächlich ANUS – dem Herrn scheint die Neutralität wichtiger zu sein als die Unabhängigkeit. Trotzdem hat der Gedanke etwas für sich – die AUNS, auch bekannt als „Gruppe für eine Schweiz ohne Nachbarn“ ist sicher richtig für solche Anliegen. Blocher kann auch mit der Volksseele sein Süppchen kochen.. Die Zöllner würden die Grenze am liebsten einfach dichtmachen. Auch sie reiten auf der unseligen Unterscheidung zwischen „echten Asylsuchenden“ und Wirtschaftsflüchtlingen herum. Und aus wirtschaftlichen Gründen seien eben 95 % hier, und die würden darum auch wieder zurückgeschoben. Ist ja klar. Natürlich begreifen die beiden Beamten, dass die Schweiz ein Ziel sei für Leute, denen es zuhause schlecht geht. Sie sagen nicht ohne Stolz: „Dort wo die herkommen ist halt nichts, und hier eine ganze Menge…“. Giftmüll aus Basel gegen angeeckte Somalier zu tauschen, oder Panzer aus Oerlikon gegen Kurden mit Folternarben, ist nicht nach ihrem Sinn. Fluchtursachen beheben gut und recht, aber vorerst die flache Hand unter die Nase und: „Mer hends do obe.“

 

Der Hauptmann führt

Man begreift also – aber man schafft auch aus. „Das war auch mit den Polen so“, erklärt der wohlwollende Herr Joerg anderntags in der Empfangsstelle. „Die wären ohne weiteres integrierbar gewesen, aber eben keine politischen Flüchtlinge, ohne Aussicht auf Asyl.“ Er ist nicht schuld. Es ist das Gesetz. Und weil die Polen so klug und gebildet waren, haben sie sein Flugticket und die 200 Franken akzeptiert und sind wieder nach Hause gegangen. Herr Joerg ist der Chef hier. „Wissen Sie“, sagt der Konditor mit Erwachsenenmatur und einem dubiosen Harvard-Diplom, „Ich führe halt meine ES wie damals meine Grenadierkompanie.“ Auf dem Tisch in seinem Büro türmen sich duftende Gipfeli, schüchterne Sekretärinnen huschen herum und brauen Kaffee für ihren Chef und seine Zuhörer. Es herrscht eine angenehme Arbeitstemperatur von etwa 24 Grad. „Uebrigens könnte man ohne Bewilligung von Bern die ES gar nicht besichtigen…“ Aber Herr Joerg will offen und ehrlich informieren. Und dann erklärt er seine beiden Strategien. Die „Schwamm-Strategie“ habe sich als grundfalsch herausgestellt. Wer heute 50 Asylbewerber aufnehme, habe übermorgen 100 vor der Tür. Es werde dann nach Haus telefoniert, es werde gesagt, wie man durchkomme, und es gebe kein Ende. Die „Repressions-Strategie“ hingegen bewähre sich, und dazu gehöre eben, dass ab und zu mal ein paar Leute draussen übernachten. Selbst wenn, wie gestern, noch rund 80 Betten frei wären. Da werde dann auch telefoniert, und nach Beirut durchgegeben, dass in Kreuzlingen gerade nichts frei sei, man solle noch ein bisschen warten. „Jenseits der Grenze ist der Stauraum, und wenn wir hier Betten frei haben, wissen das die Leute dort.“ Woher sie es wissen, könne er auch nicht sagen, aber es funktioniere. Die Nacht im Freien taucht auch in den Medien auf – versehen mit ungnädigen Kommentaren aus dem Büro Arbenz – und von Joerg als kollektive Strafmassnahme wegen Randalierens kaschiert. Das Wissen um die „Repressions-Strategie“ scheint nicht für eine breitere Oeffentlichkeit bestimmt.

 Asylanten-Pingpong

Chiasso, Genf, Basel und Kreuzlingen heissen die vier Empfangsstellen in der Schweiz. Mit Frankreich, Deutschland und Oesterreich bestehen sogenannte Schubabkommen, so etwas wie Asylantenpingpong. Wenn der Schweizer Zoll einen illegalen Einwanderer erwischt, wird im Normalfall davon ausgegangen, dass der Kerli schon länger (Ermessensspielraum) im Nachbarland gewesen ist, sich dort ein neues Gebiss hat verpassen lassen und damit unter die Erstasylklausel fällt: Ein Neunzehner, benannt nach dem Paragraphen 19 des Asylgesetzes. Es ist nämlich keinem Flüchtling erlaubt, in mehr als einem Land um Asyl zu bitten. Weil aber mit Italien kein Abkommen besteht, gibt es in diesem Pingpong auch einen Spielverderber. Denn wer beweisen kann, über Italien gekommen zu sein, wird nicht ausgeschafft . Die „Neunzehner“ wie die „Sechzehner“, Geflohene aus „Safe Countries“ wie Bulgarien oder Polen werden ohne weitere Abklärungen vor die Grenze gestellt. Wer zu den Glücklichen andern gehört, kann zumindest den Entscheid über sein Asylgesuch abwarten und wird einem Kanton und dann einer Gemeinde zugewiesen. Und die Behandlung kann dauern: Fast 50’000 Asylgesuche sind hängig.

 

Effizienz 

Das Papier, vor dem Herr Joerg referiert, ist mit Schlachtplänen und Konzepten bemalt. Er rückt ein paar Magnete in eine Reihe und plädiert für Menschlichkeit. Er habe auch schon einer Nachbarin bei der Auffangstelle Graneck gesagt, sie solle doch die spielenden Kinder auf der Wiese „nicht gleich mit dem Hund erschrecken.“ Im übrigen sei die Empfangsstelle Kreuzlingen die Effizienteste von den Vieren und setze im Tag bis zu 70 Asylbewerber um. Und die Effizienz ist allein dem Konditor mit Harvard-Englisch zu verdanken. Früher seien da ja alle gekommen und hätten sich eingemischt, von Privatleuten mit selbstgebackenem Brot über die Hilfswerke mit Kleidern bis zur Kirche mit Suppentöpfen. Aber er wolle die Bevölkerung, die Leute in der ES und die Helferinnen und Helfer auf eine Harmonieebene bringen. Und darum sei jetzt alles anders. Er wolle koordinieren, organisieren und kontrollieren. Ohne ihn geht hier nichts mehr, und das wissen alle. „Wienechli im Militär, wüssedsi.“ Der Vergleich kommt öfters. In der Strafanstalt Regensdorf war er Zuständiger für das Urlaubswesen, dort habe es „auch sehr viel Menschlichkeit gebraucht“, und beim Unternehmensberater Egon Zehnder hat er Erfahrungen gesammelt, die ihm heute zugute kommen. Auch eine persönliche Dimension ist der Geschichte inne: Den ledigen Joerg verbindet nämlich mit Brigadier Arbenz eine innige Freundschaft aus Militärdienstzeiten. Und der Herr Arbenz, den er über alle Massen schätze, habe ihn hier eben gebraucht. Und er habe Ja gesagt, es sei ein Challenge, und das schlechte Salär störe ihn vorderhand nicht, es sei der pure Idealismus. Jawohl.

 

Hoher Besuch

Es geht wirklich ordentlich zu in der Empfangsstelle. Erst kürzlich ist der Herr Bundesrat Koller dagewesen mit einem Haufen Diplomaten und die haben sich dann ein wenig umgesehen. Gut, dass der Chef zusammen mit drei Rumänen den „ganzen Laden neu gestrichen hat“, dass ganz neue Teppiche ausgelegt wurden (keine roten) und dass alles noch sauberer war als sonst. „Schliesslich wollten die einen schönen Tag haben“, und der Bundesrat hängt jetzt als Schwarzweissfoto in der Prominentengalerie des Herrn Joerg, in seinem Chefbüro neben dem Daktyloskopieraum. Dort drin sind keine Promis, dort werden die Asylsuchenden erkennungsdienstlich behandelt, sie geben ihre Fingerabdrücke ab – Finger locker lassen, steht in neun Sprachen auf einer Tafel – werden fotografiert, gemessen und bekommen eine Identität, nach der dann in den andern Ländern gefragt wird. Und wenn einer schon einmal irgendwo um Asyl gebeten hat, merken das die Kantönler aus Frauenfeld und stellen ihn vor die Grenze.

 

Verlorene Plüschelefanten

Auch in den Schlafräumen herrscht Ordnung. Draussen steht ein Wäscheständer, damit nichts aus den Fenstern hängt. Drinnen sind die Leute, untätig und gelangweilt, froh um jede Abwechslung. Die ethnischen Gruppen vertragen sich nicht. Im Libanon gilt ein Tamile etwa so viel wie hier – schwierig für die Libanesen, sich mit ihnen plötzlich in einem Boot zu finden. Streit ist an der Tagesordnung. Ein paar beschlagnahmte Messer liegen in einer grauen Schachtel, eine Flasche Schnaps aus Kosovo, ein verlorener Plüschelefant. Bei der Portierloge drücken sich die Flüchtlinge die Nasen platt und warten auf ihren Befragungstermin, der oft genug hinausgeschoben wird. Weil der Tag zu kurz ist, weil es zuwenige Dolmetscher gibt, weil dringende Fälle zu behandeln sind. Ein Abwart mit rotem Kopf bringt Essensreste zu einem Schweinemäster. Hasserfüllt wuchtet er die Tansen in sein Lieferwägelchen – abends ist er im Restaurant Bahnhof/Post an einem johlenden Stammtisch anzutreffen. Drei Monitoren überwachen das eingezäunte Gelände, rund um die Uhr. „Wissen Sie“, sagt René Joerg, es muss etwas geschehn. Das Volk macht nicht länger mit. Der Sack ist voll, und wenn’s so weitergeht, dann knallt’s. Sie hend’s do obe.“ Der Sack ist voll. Die Volksseele kocht. Vor einiger Zeit wollte der Delegierte Arbenz in Melchthal – der innersten Innerschweiz – mehr Asylanten unterbringen, als das Dorf Einwohner hat. Strategie?

 

Wirtschaftsflüchtling

Joerg stösst die Tür zum Befragungsbüro auf. Eine resolute Frau befragt mittels eines adretten Dolmetschers den Asylbewerber aus dem Punjab. „Warum haben Sie ihre Heimat verlassen? War Ihr Leben in Ihrer Heimat bedroht? Waren Sie in Ihrer Glaubensfreiheit eingeschränkt?“ Und der Mann aus dem Punjab gibt Antworten, die mühselig übersetzt und von der Befragerin ratternd niedergeschrieben werden. Er war Lebensmittelhändler, Mitglied einer muslimischen Sekte und hatte nichts Böses im Sinn. Doch die andern Muslime hielten ihn für einen Ungläubigen und boykottierten ihn zuerst. Später verfolgten sie ihn schlugen und bedrohten ihn. Seine Existenz war in Gefahr, aber er wird zu den 95 % abgewiesener Asylbewerber gehören. Ein Mann auf der Flucht vor einem unerträglichen Leben, immer in der Hoffnung Ruhe zu finden. Die Maschine rattert. Die Szene wird noch bizarrer, weil der Dolmetscher die Ich-Form braucht. Er ist Student in der Schweiz und spricht fliessend deutsch. Er stammt aus der selben Region wie der Befragte, er ist einfach ein bisschen privilegierter. Sein weisses Hemd ist bis oben zugeknöpft, sein Haar ist gepflegt. Und wenn man ihn fragte, ob er in der Schweiz Asyl brauche, wäre seine Antwort: Wozu? Aber jetzt übersetzt er: Sie meinen, ich sei ein Ungläubiger. Sie verfolgten mich. Ich konnte meinen Beruf nicht ausüben und auch meinem Glauben nicht nachgehen. Der Mann aus dem Punjab blinzelt in das helle Fensterviereck mit der Silhouette der Befragerin und denkt an all die Regeln die er befolgen sollte, um in diesem abgekarteten Spiel nicht zu verlieren. Alle kennen die Regeln, aber die, welche sie gemacht haben, kennen sie am besten. Sie gewinnen, sie geben nichts ab. Draussen fährt ein Zug an und rollt Richtung Zürich. Der Dolmetscher grinst, der Flüchtling schwitzt, die Befragerin befragt. Ein Herbsttag in Kreuzlingen, kurz vor dem Beginn des Golfkriegs.

 

 

 

HG Hildebrandt

Martastr. 125

8003 Zürich

P 451 22 08

G 491 22 70

 

 

Written by hghildebrandt

11. August 2014 at 9:49 am

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«Gents» : un goût rond et amer

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Avec sa boisson tonique fabriquée à l’inclusion de racines de gentiane helvètes, le zurichois Hans Georg Hildebrandt a ouvert une niche dans le marché. Son Tonic concurrence les incontournables comme Schweppes.

Neue Zürcher Zeitung, Jeroen van Roojen, 4 Janvier 2013

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Certains boivent leur eau tonique et amère pure mais la plupart la mélange avec du gin ou de la vodka et confèrent ainsi le rôle principal à l’alcool. A la commande d’un Gin Tonic, on s’enquière auprès du client s’il souhaite un Tanqueray, un Bombay Sapphire ou un Monkey 47 mais rarement on le questionne sur son choix de tonic.

Cette donne pourrait changer avec l’arrivée de « Gents », la boisson tonique qui se profile comme un David contre les Goliath Schweppes ou Canada Dry. « Gents » a été créée par le journaliste et entrepreneur zurichois Hans Georg Hildebrandt qui a décidé de se lancer après avoir découvert les eaux toniques artisanales en Espace (par exemple Fever Tree ou Fentiman). Un ami photographe qui torréfie du café a encouragé l’envie de Hildebrandt de se lancer dans la« vente de produit plutôt que de services ».

Subtil et amer

 Pour développer sa boisson tonique typiquement helvète, Hans Georg Hildebrandt a sollicité des spécialistes pour trouver une source d’amertume alternative à la quinine utilisée habituellement. Le choix s’est porté sur une préparation de racines de gentiane (gentiana lutea) cultivées dans le Jura et élaborée à Appenzell. Hildebrandt explique sa volonté d’utiliser la gentiane jaune : « un Tonic suisse doit contenir un ingrédient suisse. » La gentiane a ainsi donné son nom à la boisson : « Gents ».

L’essence de gentiane est un agent d’amertume intense. Hildebrandt lui a associé des arômes de citrons de Sicile et la douceur du sucre de betterave pour créer une boisson plus subtile que les Tonics disponibles sur le marché mais avec une note d’amertume plus intense. Son créateur la décrit comme « corsée et mieux équilibrée, agréablement dense en bouche ». « Nous avons apprécié sa capacité à se mélanger à des gins de caractère » raconte Ralph Schelling, un jeune chef ayant participé aux premiers « cobayes » goûtant les échantillons de « Gents ».

Un bon réseau

Depuis l’été dernier, les petites bouteilles d’eau tonique zurichoise sont sur le marché avec un logo simple et une illustration du dirigeable « Albatros » tiré du livre « Robur le Conquérant » de Jules Verne ornant les étiquettes. Le premier lot produit en Autriche manquait un peu de gaz carbonique mais depuis que le producteur de boissons Schlör remplit les bouteilles de 2dl à Menziken en Argovie, le mélange est abouti. La boisson a conquis les épiceries fines et bars en vogue de Zürich et alentours, notamment grâce au réseau étendu d’expert culinaire de Hans Georg Hildebrandt.

Ce dernier s’amuse encore pour l’instant à livrer lui-même son Tonic à vélo.  75’000 bouteilles ont déjà été produites et une nouvelle série est prévue pour février 2013. Les 5’000 bouteilles écoulées par mois devraient bientôt être rejointes par d’autres inventions de la même famille de produits comme par exemple un soda au gingembre. « Il faudra être patient mais j’ai de bonnes choses en réserve » se réjouit Hildebrandt.

 www.gents.ch ou http://thegentsblog.wordpress.com/

Written by hghildebrandt

9. Januar 2013 at 9:17 am

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«Gents», a rounded kind of bitterness

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Hans Georg Hildebrandt from Zurich has bridged a gap in the market with a tonic water made with swiss Gentian root. «Gents», conceived in Zurich, is mixing up the bar scene.

© Neue Zürcher Zeitung, January 4 2013, by Jeroen van Rooijen

Raygrodski

Tonic water. A few crotchety eccentrics drink the bitter, colourless beverage straight, but most people mix is with gin or vodka – the alcohol often playing the more important role. When ordering a gin tonic in Switzerland, one is asked if it’ll be a Tanqueray, Bombay Sapphaire, or even a Monkey 47. Yet the preferred tonic water is hardly ever a subject of enquiry.

This could all change now, for «Gents», a dwarf of a tonic water, is taking on titans like Schweppes or Canada Dry. The man behind «Gents» is Hans Georg Hildebrandt, a lifestyle journalist and entrepreneur from Zurich who, upon discovering boutique or «artisan» tonics in Spain (such as Fever Tree or Fentiman’s), decided to try to create something like that himself. A friend of his, a photographer who roasts coffee, encouraged Hildebrandt in his intention to «sell products instead of services».

Subtler and more bitter

The path to a distinct, intrinsincally Swiss tonic water led Hans Georg Hildebrant to experts with whom he searched for a bitterness other than the one from commonly used quinine. He found a tincture made from Gentian root (Gentiana lutea), grown in the Jura mountains and processed in the Appenzell region. His choice fell on yellow Gentian (Gentiana lutea), «because I wanted a Swiss Tonic water to contain Swiss ingredients», says Hildebrandt. The Gentiana also gave the tonic its name, «Gents».

The essence of Gentian is a very strong bitterness. Hildebrandt couples it with the aroma of Sicilian lemons and the sweetness of beet sugar, in order to create a beverage that is more subtle than the commonly available tonic waters, yet at the same time, has a more intense bitter tang. «Full-bodied and better balanced, pleasantly dense to the palate» is how the creator describes his tonic water. «We liked the combination with a characterful gin best», says the young top chef Ralph Schelling, who was one of the «guinea pigs» who tested advance samples of «Gents».

Well-connected

The Zurich tonic water has been on the market since the summer of this year. Plain lettering and a peculiar kind of blimp – the «Albatross» from Jule Verne’s book «Robur le Conquérant» – adorn the small bottle’s lable. The first batch, which was processed in Austria, didn’t have quite the right level of carbonation. But ever since the «Getränkerei» (beverage company) Schlör in Menziken, Aargau, started filling the drink into 2-dl bottles, the mix is spot-on, and the tonic water is conquering delicatessens and hip bars in and around Zurich – not least thanks to professional networker and culinary authority Hans Georg Hildebrandt’s excellent list of contacts.

The aforementioned is – for the moment, anyway! – having fun delivering his tasty brew himself, using a bicycle trailer. 75’000 bottles have been decanted, a next batch is planned for February 2013. Currently, he is selling around 5000 bottles a month, but of course, if all continues to go well for the inventor, the tonic should become part of a family, perhaps with a ginger ale. «It takes patience – but I’m in good spirits», says Hildebrandt happily.

Availability and contact: http://thegentsblog.wordpress.com

Written by hghildebrandt

5. Januar 2013 at 4:54 pm

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Gents Swiss Roots Tonic Water

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Gents Swiss Roots Tonic Water

© Thomas de Monaco

Written by hghildebrandt

12. Juni 2012 at 8:27 am

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Mannsein und andere Überlieferungen

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Eine Kolumne, verfasst für das Format «Vaterland» in «Wir Eltern» 2011 (leicht ediert)

Im Sommer 2010 ging ich mit meinem damals neunjährigen Sohn ans Feldschiessen, das «grösste Schützenfest der Welt». Allährlich pilgern Sportschützen, Armeeangehörige und Ausgediente in die Schützenhäuser der Schweiz, um 18 Schuss auf B-Scheiben (siehe oben) abzufeuern, Entfernung 300 Meter, Punktemaximum 72, keine Probeschüsse. Ich schoss mit dem Gewehr eines Freundes, meine Waffe habe ich abgegeben, als ich wegen Asthma ausgemustert wurde.

Gemäss Reglement hat das Feldschiessen «den Charakter einer vaterländischen Kundgebung». Ich verschoss (52 Punkte), schob die Schuld aufs Gewehr und genoss die Stimmung: Frühsommerliche Hitze, Festbänke, Pulverdampf und die Fachsimpelei suburbaner Subarufahrer in der Luft. Es gab Wurst und Bier, vermutlich war jeder zweite Mann herzinfarktgefährdet.

Nein, ich fand nicht, dass sie oder die Jungs vom Schützenverein mit Schweizerkreuz-Aufnähern auf Faserpelzjacken gute Vorbilder für meinen Sohn abgaben. Aber mir war wichtig, mit ihm zu erleben, wie laut ein Gewehr knallt, wie intensiv das Pulver riecht, und wie heiss eine Patrone ist, wenn sie aus dem Verschluss fliegt (autsch!-heiss). Die «vaterländische Kundgebung» nahmen wir ebenfalls mit; Faserpelzbuben gehören zur Schweiz wie die Migros mit Frau Vukovic an der Kasse, die Steuererklärung, das Vrenelisgärtli.

Bei der Heimfahrt ging mir durch den Kopf, dass ich auf meinen Sohn wirken muss wie mein Vater auf mich, als ich klein war, schmal und ein Kopfmensch wie mein Sohn heute. Auch ich sah öfters nicht ein, weshalb man durch jenes Museum ging zum Bildergucken, an diesen See zum Fischen, an jenen Stand zum Schiessen (irgendwoher hab’ ich es ja). Mein Vater kam mir vor wie von einer anderen Art, so breit, in sich gekehrt, mit Falten um die Augen, über deren Entstehung man mit neun nichts weiss.

Der Gedanke, als Vater wie mein Vater geworden zu sein, fühlt sich zwiespältig an, weil ich als Junge nicht verstand, wie jemand kurz angebunden oder rechthaberisch sein kann und gleichzeitig warmherzig und beschützend. Ich musste selbst so werden, um es zu verstehen; die unerkundeten Kontinente meiner Fantasie durch das profane GPS der Erfahrung ersetzen.

Ich sehe mich als Vorbild meines Sohnes, finde es aber in Ordnung, auch mal unzugänglich zu wirken; bin halt ein Mann und es scheint mir normal, seine Emotionen im Zaum zu halten. Bis mein Sohn selbst ein Mann ist, wird sich daran nicht so viel geändert haben. In der Familie von heute und hoffentlich morgen geht es um Ausgleich der Interessen und der Machtverhältnisse. Dass sich über diesen Verhandlungen die Geschlechteridentitäten angleichen, scheint mir keine gute Idee, weil das zu Überdruss führt. Das Zusammenleben von Mann und Frau in einer Familie mit Kindern sollte auch in einer Zeit des Ausgleichs etwas Rätselhaftes haben, sogar etwas Abgründiges, denn der Eros ist eine Naturgewalt und eine Paarbeziehung kein Gumpizimmer.

Werde ich ein guter Vater gewesen sein? Der Versuch ist wie das Feldschiessen: Man hat keine Probeschüsse, man trifft auch mal daneben und nur wenige werden ausgezeichnet. Egal: Dabei zu sein, ist grossartig. Das sollte aber unter uns bleiben.

Nachtrag: Über die Schützenhäuser in den Schweizer Land- und Agglomerationsdörfern hat der Fotograf Stefan Baur eine schöne Fotoarbeit produziert. Mein Abschnitt über die Melancholie dieser Gebäude fiel leider dem Platzmangel in «Wir Eltern» zum Opfer, wird aber bei Gelegenheit in einen längeren Text eingebaut nachgereicht.

Written by hghildebrandt

12. April 2012 at 7:41 am

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Tanzen zu Architektur? Toi, Toi, Toi!

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Ein oberflächlich satirisch angenebeltes Referat, gehalten zur Eröffnung des
Architekturbüros Mozzatti Schlumpf im Oktober 2010

Frank Zappa hat gesagt: Schreiben über Musik ist wie Tanzen zu Architektur. Ich habe den schönen Job gefasst, noch etwas Schwereres zu tun, als Sie zu Architektur zum Tanzen zu bringen – ich soll Sie wenn möglich darüber zum Lachen bringen.
Manche Architektur bringt einen zum Weinen. Über diesen leider grossen, traurigen Teil der Architektur wollen wir heute Abend ganz schweigen. Man kann sogar zum Sterben eines Dignitas-Mitglieds im Endstadium schöner tanzen als zu trauriger Architektur – und der schweizerische Fachmann für Totentänze bin nicht ich, sondern ist bekanntlich Christoph Mörgeli.
A propos Mörgeli, da kommt mir in den Sinn, dass ich kürzlich bei einem neuen Friseur sass. Die Coiffeuse, zu der ich üblicherweise gehe, hatte ein Kind bekommen. Der neue Mann fragte mich, was ich so mache und meinte dann, er hätte noch einen anderen Chefredaktor als Kunden, dessen Magazin er auch nicht gekannt habe.

Bevor ich herausfinden konnte, wer das wohl sein mochte (Sex-Anzeiger? Tierwelt? Kassensturz? Neue Ideen?) schnitt mich der neue Friseur mit der Schere kräftig ins Ohr. Da wusste ich gleich, dass der gesuchte Chefredaktor Roger Köppel sein musste, der entsprechend kein Ohr für vernünftige Argumente hat, auch wenn er noch so oft in Diskussionssendungen rumsitzt.
Ich teile nicht nur den Coiffeur mit einem anderen Chefredaktor, sondern auch den Schneider mit einem berühmten Architekten, nämlich Max Dudler. Ich kann aufgrund der Indiskretion eines bestimmten Modegeschäftsinhabers aus Zürich zuverlässig sagen, dass Herr Dudler einen verdammt teuren Geschmack hat.
Etwas vom Eigenartigsten an der Mass-Schneiderei ist ja, dass man sich sein Monogramm ins Jackenfutter sticken lassen kann. Kürzlich dachte ich sogar, dass manche Leute sich jetzt ihren ganzen Namen in die Jacke schreiben lassen. Ein ziemlich beleibter Herr liess sich an meinem Tisch nieder, und wie es bei gewissen Körperformen üblich ist, gewährte seine Jacke tiefen Einblick in ihr Innenleben. Als Hobbydetektiv versuchte ich seinen Namen zu entziffern und merkte ihn mir sofort, um ihn später googeln zu können, den vorgestellt wurden wir einander nicht. Ich stutzte dann allerdings, als ich schon mein iPhone zückte und merkte, dass es keinen grossen Sinn haben würde, nach jemandem mit dem Namen „Natural Stretch“ zu suchen.
Aber immerhin, Max Dudler ist jedenfalls ein Architekt, dessen Werke man gerne sieht und der mit Max Frisch den Vornamen gemeinsam hat. Und mit mir die Anzüge, was mir ausreichend Autorität gibt, vor Ihnen über Architektur nachzudenken.
Als Architekten sind Sie in einer derzeit boomenden Branche tätig. Im Moment könnte man meinen, Bauland würden schon von sich aus immer wertvoller, man brauche nicht mal etwas darauf zu bauen. Ist aber nicht so. Es wird viel gebaut. Wenn man an Schweizer See-Ufern entlang unterwegs ist, gibt es so viele Baugespanne, dass man die Häfen mit den Segelschiffen nicht mehr vom Bauland unterscheiden kann.


Verschiedene Grossdenker haben sich seit Aristoteles schon dahingehend geäussert, dass es in der Herstellung von Architektur mehr Qualitätsbewusstsein geben muss als zum Beispiel in der Herstellung von Flip-Flops oder Touristen-T-Shirts, die einem peinlich sind, wenn man zurück von der Ferienreise den Koffer auspackt, und die sich deshalb gnädigerweise gleich in ihre Bestandteile auflösen. Denn Architektur ist etwas Öffentliches, öffentlicher als zum Beispiel Architektenwitze, die man im Internet immerhin finden kann, seien sie auch noch so schlecht.
Architektur sollte inspirierend wirken, statt traurig zu machen. Sie ist „Verpflichtet, Freude zu bereiten“, so wie die Schweizer Fussballnationalmannschaft gemäss Alex Frei in einem Interview nach dem Spiel gegen Montenegro 2010. Die Öffentlichkeit hat ein Recht auf gute Architektur, denn es wird ja ihr Gesichtsfeld, also das der Öffentlichkeit, Ihres, Ihres, meines in Anspruch genommen.
Ich wurde sehr nachdenklich, als ich kürzlich von einem Bauherrn hörte, dass er sein Richard-Neutra-Haus nicht in den Medien sehen wollte. Der Grund, ich zitiere den Mediensprecher: „Es wird Architekturtourismus befürchtet.“ Hier wird gute Architektur, die eigentlich allen gehört, kurzerhand enteignet. Manche sehr spannenden Häuser werden sogar von Google Maps getilgt, damit kein Architekturtourist mehr den Weg dorthin finden kann.
Wobei ich das nicht ganz un-okay finde, denn wer nur ein paar Geodaten in sein Navigationsgerät eingeben muss, um zum nächsten Architekturspektakel zu finden, bewegt sich für mich eher auf dem Niveau eines Schnitzeljägers denn auf jenem eines Menschen, der in Architekturerlebnissen nach Inspiration und Verbesserung seiner Wahrnehmung sucht.

Etwas allerdings ist an der Architektur in der letzten Zeit viel besser geworden: Die Bauarbeiter haben mobile Toiletten bekommen. Eine Mobiltoilette gehört heute zu einer Baustelle wie ein Paar Gummistiefel in den Kofferraum des Architekten!
Sie erinnern sich bestimmt an die Vergangenheit: Das berühmte Bild von Max Frisch und Bertolt Brecht auf der Baustelle: damals trug der Architekt keine Gummistiefel, sondern Veloklammern und ein soziales Gewissen zur Schau.
Die Frage, wohin sich die Bauarbeiter vor der Einführung der knallblauen Bioreaktor-Mobiltoilette erleichtert haben, gibt dem Begriff „Bausubstanz“ jedenfalls eine ganz neue Tiefenschärfe. Ich sähe gern eine Untersuchung der ETH über die objektive Verbesserung der Arbeitsbedingungen auf den Baustellen durch die Allgegenwart mobiler Toiletten.
Und einen allfälligen Einfluss dieser Verbesserung auf die Qualität der Architektur.
Heute sieht es ein bisschen aus, als würde es reichen, den Arbeitern mobile Toiletten von Toyloy zur Verfügung zu stellen und schon kriegt man ein Super-Gebäude.
Entschuldigung. Toyloy hiess die Miss Schweiz 2008 und ToiToi heissen die mobilen Klos.
Auf der Webseite des Unternehmens wird diese Kabine übrigens als „Design-Klassiker unter den Mobilen Toiletten“ angepriesen. Vielleicht werden am Zürcher Escher-Wyss-Platz solche Design-Klassiker aufgestellt, nachdem kürzlich ein goldenes WC auf Abstimmungsplakaten dafür sorgte, dass ein Kunstprojekt von den Stimmbürgern kurzerhand gespült wurde. Christoph Mörgeli würde das sicher freuen!
Wie auch immer – ich muss zum Schluss kommen.
Unter den Architekten gibt es meines Wissens keine Tabus, wenn man sich zu einer Premiere Glück wünscht. Sie wissen ja, unter Schauspielern wünscht man sich nicht Glück, sondern „Hals- und Beinbruch“.
Weil wir aber hier nicht unter Schauspielern, sondern unter Baumeistern sind, und Sie ganz sicher zur Verbesserung der Architektur jenseits des Aufstellens von Designklassikern beitragen möchten, wünsche ich Ihnen zu Ihrer Firmenlancierung Toi Toi Toi!
Für ein erfolgreiches Herstellen von Architektur, die mich, ihre Bewohner und Sie selbst zum Tanzen bringt! Und zwar am liebsten jetzt gleich.

Das Bild stammt von Helene Weigel und ist im Buch «Jetzt: Max Frisch» (Suhrkamp) abgedruckt.

Written by hghildebrandt

11. April 2012 at 11:48 am

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Wie Dieter Bohlen kochen würde

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Eine Polemik zum Kochstil von Jamie Oliver, erschienen in der SonntagsZeitung 2003. 

Salat aus Birnen, Rucola und Brunnenkresse mit Parmesan – er nennt ihn «Parmo»: Das ist ein typisches Rezept von Jamie Oliver, dem britischen Fernsehkoch, der seit Jahren in seinem Heimatland erfolgreich ist und seit neustem auf ORF 1 die Olivenölflasche schwingt.
Mit nichts im Schulsack als einigen Jahren Tätigkeit in Londoner Lokalen wie dem Neal Street Restaurant unter Antonio Carluccio oder im River Café wurde Oliver zu einem der grössten Profiteure vom andauernden Boom der Kochsendungen auf allen Fernsehkanälen.
Die Freude darüber ist nicht überall gleich gross. Und das nicht erst, seit man am britischen Institute for Environmental Health festhielt: «Jamie Oliver sprüht Speichel über die Speisen und steckt die Finger in den Risotto, nachdem er sie abgeleckt hat.» Jamie Oliver geht manchen Leuten richtig auf die Nerven. Zum Beispiel einem britischen Webforum-Autor, der dem Koch die schlimmste aller Anbiederungen nachweist, nämlich die an die «Working Class» oder Arbeiterschicht. «Es ist nur Stil und keine Substanz hinter seinem imitierten Cockney-Slang», schreibt Andrew Feathers in 3ammagazine.com. «Ich hasse Jamie Oliver und alles, wofür er steht.»

Da gibt es eine Menge zu hassen. Zum Beispiel steht Jamie Oliver für die wahllose Weiterempfehlung irgendwelcher Musik und Kleider, die ihm von einschlägigen Anbietern geschenkt worden sind, wobei er diese Promotion noch als kumpelhaft dargebotene Stilberatung camoufliert.

Das Schlimmste an Jamie Oliver ist aber seine Küche und der Erfolg, den sie bei Hobbyköchen auch hier zu Lande in wachsendem Ausmass geniesst. Denn Jamie Oliver preist in seinen Sendungen und Büchern Gerichte an, die auf Zufallsbasis zusammengestoppelt sind und bei denen kaum je der reine Geschmack eines Produkts im Vordergrund steht.

Es wirft ein schlechtes Licht auf Kontinentaleuropas Küche, wenn ein Engländer sich an seinen Herden breit macht, der sich einzig dadurch auszeichnet, dass er «die Hände immer voller Kräuter und stets eine Flasche Olivenöl Extra Vergine zur Hand hat», wie ein Buchbesprecher den schwatzenden Dampfkochtopf lobte.

Klar: In England findet man es lustig, wenn einer pro Sendung sechsmal die lustige Wortkombination «extra virgin» in den Mund nimmt und sich in Sauglattismus ergeht, wie einen Lachs für die Zubereitung im Ofen in Zeitungspapier einzuwickeln. Aber die Schweiz wohnt Tür an Tür mit der gesündesten und simpelsten Küche der Welt, nämlich der italienischen. Genau jener Küche, die von Jamie Oliver pausenlos geplündert und auf schludrige Weise den Kochgewohnheiten überarbeiteter und vereinsamter Endzwanziger angepasst wird.

Im Sinn einer Verteidigung unseres guten Verhältnisses zu Italiens Herden sollte man der Oliver-Küche das Vertrauen entziehen: Wir haben sie nicht nötig. Wer je mit etwas Ambition am Herd stand und für seine Freunde kochte, wird Gram empfinden, wenn er im Gegenzug zu einem Menü aus Jamie Olivers Holzhammerkombüse eingeladen wird: Was der Brite während seiner schnoddrig präsentierten Kochereien zubereitet und in den Ofen schiebt, sieht vielleicht halbwegs lecker aus. Die Realität ist aber kein Ort, an dem gleich um die Ecke ein Food-Stylist zur Verfügung steht, um etwas wie den eingangs erwähnten Birnensalat schön anzurichten.

So wirkt die Oliver-Küche schmuddlig und schmeckt Leuten, die von der hiesigen Küche verwöhnt sind, kaum so gut wie dem Vorrat an Freundeskreis-Darstellern, die in den Kochsendungen jeweils Olivers Kreationen verspeisen und eine aufgeräumte Dinnerparty simulieren müssen. Viele Anhänger von Jamie Olivers Küche führen an, dass er immerhin «Spass am Kochen» verbreite. Aber Kochspass ist kein Selbstzweck, und den Speisen nicht ihren Geschmack zu lassen, keine moderne Küche.

Überhaupt nicht mehr zu trauen ist Jamie Oliver, seit der «Naked Chef» seine neuste Sendung lanciert hat: Dafür eröffnete er in London ein Restaurant namens «15», wo er fünfzehn Jugendliche aus minderprivilegierten Kreisen unter den Augen der Fernsehkameras zu Küchenchefs ausbildete. Die stehen jetzt für Londons Hipsters am Herd eines boomenden Lokals. Jamie Oliver entwickelte sich damit zu einem kochenden Dieter Bohlen. Und von denen reicht einer locker.
© Erschienen in der SonntagsZeitung vom 16.03.2003

Written by hghildebrandt

4. April 2011 at 2:36 pm

Veröffentlicht in im Vorbeigehen, Kulinarik