Mindestens haltbar bis siehe Ende.

Texte von Hans Georg Hildebrandt, mehr oder weniger aktuell.

Archive for the ‘im Vorbeigehen’ Category

Tschau Tschau, Slawe des Rhythmus

leave a comment »

Weitere mäandernde Gedanken zum Thema Mohrenkopf und fieser Sprache

Als früh dilettierender Wortklauber fand ich es in der Schule spannend, wie die Italienischlehrerin ausführte, der Gruss «Ciao» komme von «Schiavo». Man begrüsst und verabschiedet sich bei uns also, indem man dem anderen versichert, dass man des anderen Sklave oder Diener sei, bekannt auch aus Bayern und Österreich, wo man zum Abschied leise «Servus», also etwa «Ihr Diener» sagt.

Nichts Genaues weiss man nicht
Aber woher kommt eigentlich das Wort Sklave – da musste ich die Wiki konsultieren, zum wiederholten Mal, weil ich solchen Kram jeweils wieder vergesse. Zitat: «Die heute gängige Herleitung geht von der Entlehnung aus dem lateinischen sclavus für die ethnische Gruppe der seit dem Mittelalter so genannten Slawen aus.[2] Rumänisch şchiau, Plural şchei, und albanisch shqa – beides veraltete Bezeichnungen für die (süd-)-slawischen Nachbarn, insbesondere Bulgaren und Serben – stammen aus derselben Quelle, denn beide Wörter konnten einst auch ‚Diener‘, ‚Sklave‘ bedeuten.» Zitatende. Demnach haben die Römer offenbar umfangreiche Gebiete Südosteuropas als unerschöpfliche Quelle von Gratis-Arbeitskräften angesehen.

Die Wiki ist furchtbar unkonzis
Interessant, wenn man dann im Gegenzug die Wortherkunft von «Slawe» ebenfalls auf Wiki nachsieht und findet: «Der Ursprung des Namens Slawen ist in der sprachwissenschaftlichen Forschung noch ungeklärt. Im Allgemeinen wird angenommen, dass er entweder vom gemeinslawischen *слŏвŏ (heute slóvo) „Wort“ abgeleitet wird, womit sich die Sprechenden oder Beredeten selbst von den „Stummen“ (némec) abgrenzten, wobei das Wort Némec sich zur Bezeichnung für die Deutschen entwickelt hat. Als von Seiten romanischer Historiker im Barock Slawen, ohne sich intensiver mit ihrer Geschichte auseinandergesetzt zu haben, als Barbaren und unkultivierte Völker allgemein als vergleichsweise minderwertige Völker beschrieben wurden, mit der die vermeintliche etymologische Herkunft der Eigenbezeichnung aus dem lateinischen sclavus gerechtfertigt wurde[19], entwickelte sich in Gegenreaktion unter einer großen Zahl gelehrter slawischer Humanisten die Ausarbeitung eigener Historien, in denen sie den Volksnamen auf slawa (dt. „Ruhm“) zurückführten und dies ebenso klar ausformulierten und publizierten.»

Umschreibung der Geschichte, Änderung der Realität durch Sprachpolizei
Schön zu sehen, wie die Eigenbezeichnung Slovo auch schon als Aus-/Abgrenzung konzipiert war. Wie auch immer, offenbar haben die slawischen Forscher versucht, die von den Siegern geschriebene Geschichte umzuschreiben und Bezeichnungen umzudeuten. Gut verständlich, denn wer will schon ein Volk von Sklaven sein? Lieber ein Volk von Ruhmreichen, ganz klar. Genauso nachvollziehbar, wie manche lieber hätten, dass keine «Mohrenköpfe» mehr verspiesen würden, besonders, wenn man selbst schwarz ist und mit hoher Wahrscheinlichkeit in der Familienvergangenheit oder in der eigenen Gegenwart auf krasse Benachteiligungen gegenüber weissen Leuten wird verweisen können.
Wenn ich mich von dir verabschiede, sage ich gewissermassen «Ich bin dein Slawe». Finde das eine interessante Sitte in einem Land, in dem Menschen aus Südosteuropa (neben jenen aus Portugal) in grosser Zahl zu den Brigaden zählen, die an Abenden und Samstagen die Treppenhäuser der Büro-Einöden putzen und Papierkörbe leeren; ihren Kindern begegnen wir bereits als VersicherungsagentInnen, MobiltelefonieberaterInnen, ArztgehilfInnen und ein guter Teil von ihnen dürfte dereinst Kinder haben, die ÄrztInnen oder im oberen Management tätig sind und schweizerischer empfinden als Trauffer und Gölen zusammen, aber ohne den unterschwelligen Faschogroove.
Warum ist mir das durch den Kopf gegangen; nun, Rechts wird immer argumentiert «Wenn wir diese Umbenennung zulassen, dann dürfen wir bald gar nichts mehr so bezeichnen, wie es uns passt.» Es folgen dann bizarre Auflistungen von random Dingen (Mohrrüben), die umbenannt werden müssten. Und ich bin fürwahr auch kein Freund von Sprachpolizeiereien. Spüre sogar oft selbst den dringenden Zwang, grausige und «verbotene» Sachen zu sagen. Aber was sollen erst die Slawen sagen, deren Stammesbezeichnung offenbar so untrennbar mit Sklaverei verbunden ist wie die Geschichte der African Americans (möchte hier keinen Slawen beleidigen, gäll)?


Dein Problem ist keine Schraube, sondern der Akku

Es ist kompliziert und ich habe nicht den ganzen Tag zum Nachdenken Zeit. Und ich glaube natürlich, dass wir uns noch mehr dessen bewusst sein sollten, was wir den ganzen Tag so von uns geben. Das Problem ist aber, dass Arbeit mit und an der Sprache bei gewissen Wahlberechtigten ein schlechtes Image bekommen hat. Die politischen Interessenvertreter dieser erwähnten Wahlberechtigten, oft selbst ganz ordentlich gebildet, profitieren gerne davon, dass diese Wahlberechtigten AUS GRÜNDEN (siehe weiter unten) ungern zur Schule gegangen sind (und irgendwie auch ungern mit Leuten aus anderen Ländern zusammenleben). Es heisst dann, die Einflussnahme auf Sprache sei «Umerziehung» im schlimmsten kommunistischen Stil; und es ist leider ein bisschen was dran. Denn links politisieren oft Leute, die nur mit Sprache arbeiten und deshalb glauben, man könne die Welt auch nur mit Sprache verändern. Aber es ist eben so, wenn dein einziges Werkzeug ein Akkuschrauber ist, sieht für dich jedes Problem vordergründig wie eine Schraube aus, aber eigentlich ist dein Problem der Akku. Er ist eine Blackbox, die ein Ingenieur für dich gebaut hat und über die du nichts weisst. Wenn man weit genug zurück geht, wird mit dem Verspeisen eines Mohrenkopfs plötzlich der heilige Mauritius geehrt. Oder je nachdem war der «Tête de Nègre» tatsächlich eine Süssigkeit, die Mitte des 19. Jahrhunderts erstmals in Frankreich hergestellt wurde und sich von da aus verbreitete. Wer kann es genau sagen? Geschichte wird von Siegern geschrieben, und wir sind noch mitten im Gefecht.

Mr. Piketty, übernehmen Sie
Wohin mich dieser etwas konfuse Gedankengang geführt hat: Der Slawe wurde zum Sklaven und der wurde wieder zum Slawen, worauf er innerhalb von etwa 30 Generationen zur Mindestlohn-Arbeitskraft wurde, die von rechts als Bedrohung an die Wand gemalt werden kann. Das hat aber nur damit zu tun, dass Arbeit generell zu schlecht bezahlt wird; und mit gigantischen Ungerechtigkeiten/Ungleichheiten im System der «privilegierten» Weissen. Wir Weissen in den reichen Ländern sind aber nicht alle gleich privilegiert, und so lange es krasse Ungleichheiten gibt, wird mit Rassismus und Verachtung von einzelnen Menschengruppen immer Politik gemacht werden können. Die USA zeigen das ja ganz gut auf im Moment.

Besseres Leben für alle, wirkliche Fairness für weniger Hass
Der einzige Weg, das zu verhindern, ist, dass es mehr Menschen besser geht, gefragt sind bessere Saläre und ein insgesamt besseres Lebensgefühl auch für untere, weisse, «privilegierte» Schichten, denen grösste Freude und Teilhabe am Kapitalismus es derzeit ist, Benzin zu verbrennen und andere Menschengruppen zu verachten sowie Frauen zu hassen. Und das Wort Mohrenkopf zu verwenden. Vorschlag für schlaue linke Politik: Aufgrund einer gut organisieren Umfrage eine Liste von Worten erstellen, die gemein sind und deren Verwendung in Frage gestellt werden sollte. Und das Versprechen abgeben, dass über diese Liste hinaus auf die nächsten 10 Jahre hinaus nichts geändert wird; ausdrücken, dass man das Widerstreben der Menschen respektiert, ihre Wahrnehmung der Welt grossmassstäblich via Sprache ändern zu wollen. Dann kann auch von Rechts nicht mit Parolen à la «Sozialismus ist, wenn es allen gleich schlecht geht» gearbeitet werden. Sprache ist auch für die von links verachtungsvoll als «unterkomplex» bezeichneten Menschen Identität, selbst wenn diese Identität implizit teilweise menschenverachtend ist (so menschenverachtend und unehrlich wie der Euphemismus «unterkomplex» für «ich finde dich strohblöd»).


Enttäuschung nach der Erziehung zur Fairness

Man kann sich nicht darüber wundern, dass diese Leute ein Mindset der Enttäuschung haben, denn unser ganzes System basiert nicht auf Fairness, obwohl man das in der Schule so lernt – wir sollten uns gerade deshalb nicht mehr darüber wundern, dass die Schule bei vielen Menschen eher ein traumatischer Ort ist und nicht einer, an dem das Licht der Aufklärung die Dunkelkammern der Seelen erleuchtet. Deshalb trauen Mohrenkopfsager der Linken nicht. Und die Linke versteht das nicht und führt statt sich anzustrengen ein Scheingefecht um Köpfe, die man auf diese Weise niemals gewinnen kann. Stop it. Ciao.

Written by hghildebrandt

14. Juni 2020 at 3:20 pm

Veröffentlicht in im Vorbeigehen

Gegenlicht

leave a comment »

Das Leben sei nicht fair, so sagt der Neoliberale. Ungleichheit sei normal. Man soll verdammt nochmal damit dealen. Alles andere sei Mumpitz.

Und ja, niemand Vernünftiges erwartet Fairness vom Leben.

Aber steht nicht in vielen Verfassungen, auch unserer, die Gleichheit vor dem Gesetz festgeschrieben? Und das wiederum ist doch Ausdruck der Hoffnung auf eine Entwicklung der Zivilgesellschaft hin zu mehr Fairness, gewünscht von der konstituierenden Mehrheit? Platonische und neutestamentarische Grundlagen unserer Staatswesen und so? Das ist doch ein Versprechen auf eine Zukunft als freier Mensch.

Der Neoliberalismus und die Libertären als dessen Dogmatiker wollen dieses Versprechen zurücknehmen und nur noch das Recht des Stärkeren gelten lassen. Ein Zurück ins Zeitalter vor der französischen Revolution. Die Ungleichkeit exzessiv ausufern lassen, einen Absolutismus der Lautstärke und Brutalität.

Die Libertären sehen das Gemeinwesen mit allen Schwachen – eigentlich der grossen Mehrheit, wenn diese mit sich ehrlich wäre, ich zähle mich auch dazu – als reinen Kostenfaktor und deren Wohlergehen als unverdient, sollte das Gemeinwesen dazu beitragen müssen.

Es ist seltsam. Jeder Trumpist, jeder libertäre Gross-Sprecher ist einst dem Bauch einer Mutter entschlüpft, die in diesem Moment so ausgesetzt und schutzbedürftig war wie irgendeiner der schwachen Menschen, die im libertären System dem finanziellen Faustrecht unterworfen werden sollen. Jeder kann also Ausgesetztsein verstehen.

Woher kommt dann der irre Wunsch, dass jeder Mensch nur eine wirtschaftlich berechenbare Leistung darstellen soll und sonst nichts; wer hat diesen Leuten warum eingeimpft, dass es keine Daseinsformen gibt ausser der des Kunden und der des Verkäufers? (Rhetorische Frage, du merkst.) Warum sind Steuern plötzlich Raub und die regellose, irre Verschwendung der Lebensgrundlage von hunderttausenden Arten ein verdammtes Recht unserer ohnehin privilegierten Kultur?

Können sich diese Leute nicht vorstellen, dass sie irgendwann auch einmal schwach sein und Schutz benötigen werden? Es ist seltsam, wie auch Frauen begeistert dabei sind, wenn es gegen die SRG oder gegen sozial Schwache geht, sind doch Frauen überall benachteiligt und die wenigsten ihrer Männer dazu in der Lage, sie davor zu schützen.

All diese Verdrängung kann nur den Hass auf den eigenen Ursprung in Blut und Schmerz zur Ursache haben, und die Enttäuschung darüber, dass man diesen Planeten allzu bald in Blut und Schmerz wieder verlassen wird, allein und im Dunkeln.

Wer mit dieser einzig sicheren Tatsache nicht umgehen kann, wird natürlicherweise jedes Gemeinwesen zerstören wollen, das dem Zweck dient, „fremden“ Menschen das Leben zu erleichtern/zu ermöglichen. Wer mit dieser einzig sicheren Tatsache nicht umgehen kann, ist Stimmvieh für die gierigen Verfechter des Nachtwächterstaates.

Jeder Ansatz eines – natürlich immer möglichen – Missbrauches wird aus dieser Sichtweise zum zwingenden Grund für totalen Rückbau. Jedes Anzeichen dafür, dass jemand aus dem Gemeinschaftlichen Trost oder gar Sinn bezieht, erfüllt den Libertären mit Abscheu. Er will nur auf seine Fahne stolz sein, und nicht darauf, dass er in einem erfolgreichen Gemeinwesen zu vielen gelingenden Leben beitragen kann; denn der Fahnenstolz kostet nichts. Die Wirkung des eigenen Beitrages ans Gemeinwesen dagegen ist nicht messbar, weil nicht fassbar – man nennt das Leben in einem funktionierenden Gemeinwesen übrigens Glück, aber davon «hat niemand gefressen.»

Also, ich erwarte keine Fairness, aber zumindest die Bestrebung, alle nach der Verfassung leben zu lassen, die den Erfolg eines Gemeinwesens daran misst, wie gut es dessen schwächsten Mitgliedern geht. Oder diesen Scheiss mit der Demokratie ehrlicherweise ganz abzuschaffen. Man würde dafür viele Stimmen bekommen. Denen, die nicht mal abstimmen würden, wäre es so egal wie der Tod eines Pelzkragenhundes in Sibirien.

Wir wären dann so ein bisschen Hongkong-au-Lac. Werden wir mittelfristig eh sein. Aber eine Schweiz, auf die man „stolz“ sein kann, wird es dann nicht mehr geben.

Libertarismus ist antidemokratisch.

Ich möchte weiterhin eine Schweiz gemäss ihrer Verfassung. Hoffentlich behält die Bewegung gegen die zunehmende Wut vieler auf das Gemeinwesen die Oberhand; der Ursprung dieser Wut liegt wohl im Nichtwahrhabenwollen bevorstehender Änderungen hinsichtlich Jobs, globaler Machtverhältnisse und Umwelt. Ungewissheit macht bitter.

Aber sich deswegen Christian Constantin zum Vorbild zu nehmen, ist mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht zielführend.

Das nächste Jahr wird ein weiteres Entscheidendes in dieser endlosen Schlacht bergaufwärts mit Gegenlicht.

Aber immerhin: es gibt Licht.

Written by hghildebrandt

16. Februar 2018 at 1:29 pm

Veröffentlicht in im Vorbeigehen

Es zählt nur einer, und zwar ich. Aus einer FB-Debatte mit einem Libertären

leave a comment »

HG: «Mir geht es vor allem darum, dass eure Verständnis von Staat und Politik die Umwelt einfach ignoriert, weil sie keinen Preis für sich durchsetzen kann. Wann immer man mit Libertären über das Klima oder die an Plastik erstickenden Ozeane redet, kommt nur noch Quark. Ansonsten finde ich den Ansatz gut, dem Menschen möglichst viel Verantwortung für sich selbst zu geben. Es funktioniert nur einfach nicht.»

Replik: «Keine Ahnung, wen du mit «ihr» meinst. Wahrscheinlich ist die Gruppe, die landläufig als Libertäre bezeichnet wird, viel zu heterogen, als dass man alle über einen Kamm scheren kann.

Was denn Umweltschutz, speziell den Plastik in den Ozeanen angeht, ist es einfach so, dass es kein Plastiksäckli weniger im Pazifik hat, wenn man hier alle Plastiksäckli aus dem Verkehr zieht. Mit dem Klima verhält es sich ähnlich. Ausserdem ändert sich das Klima so oder so, unabhängig davon, was der Mensch tut oder lässt.

Aber ich rede hier nur aus meiner persönlichen Sicht. Es gibt sicher Libertäre, die das anders sehen. Für mich ist die Menschheit nur eine Episode auf dem Planeten Erde. Schon mal überlegt, wie lange es Dinosaurier gegeben hat, bevor sie ausstarben und warum? Seit wann gibt es denn die Menschen und wie lange noch? Die Erde wird das überleben und es wird andere Lebensformen geben. Einfach nicht so selbstsüchtig sein.

Was genau funktioniert nicht? Dem Menschen viel Verantwortung zu geben oder kann der Mensch damit nicht umgehen?

Natürlich funktioniert es nicht, weil in diesem Fall, gewisse Menschengruppen viel zu viel Macht abgeben müssten. Und das macht leider niemand freiwillig.

Diese Erkenntnis ist leider noch nicht zu allen libertären Träumern durchgedrungen.»

HG: «Wenn die Zeiten nicht so nationalistisch wären und die Leute mit ihrem Müll nicht so viele, wäre das alles wunderbar. Aber in der heutigen Welt verhindert das weder einen Krieg gegen Länder mit einem Gemeinschaftsgefühl noch eine rasch schlechter werdende Lebensqualität schon für die Generation unserer Kinder. Wie du sagst – Träumereien, die aber doch in der Lage sind, dringend notwendige Veränderungen aus Egoismus zu blockieren.»

Replik: «Wenn ich deinen Text richtig interpretiere, hast du überhaupt nicht verstanden, was ich geschrieben habe.»

HG: «Das Gefühl ist gegenseitig.»

Written by hghildebrandt

8. Februar 2018 at 11:04 pm

Veröffentlicht in im Vorbeigehen

Trumpismus: Von der Unmoral verspiesene Zivilgesellschaft

with one comment

IMG_8541

 

Warum sollte man jemanden respektieren, der einen Populisten wählt? Diese Leute haben ganz klar keine Moral und keine Empathie, beides Grundlagen eines zivilisierten Zusammenlebens.

Der Trumpismus wird als Beginn des Endes der Demokratie (oder dessen, was wir dafür hielten) in die Geschichte eingehen. Als der Zeitpunkt, ab dem das Faustrecht des Kapitals endlich als selbstverständlich akzeptiert wurde. Unter den Populisten-Anhängern gibt es einen Teil, der autoritär beherrscht werden möchte und einen Teil, der einfach nur seine mehr oder minder grossen Privilegien wahren will. Aus diesen ergibt sich eine beträchtliche Schnittmenge. Sie fühlt sich bereits jetzt in der Mehrheit, auch wenn sie noch in der Minderheit ist, erwartet aber ein rasches zahlenmässiges Wachstum und hofft, es den aktuell mächtigen «Eliten» dann so richtig geben zu können.
Den Mitgliedern der Populisten-Schnittmenge ist gemeinsam wichtig, dass es unter ihrer Schicht eine Schicht von Schwachen gibt, die geknechtet und gedemütigt und im Extremfall vernichtet werden darf. Diese unterste Schicht war schon immer da und es ging ihr in der Demokratie schon immer schlecht, aber in Zukunft wird sie ausfindig gemacht und bewusst gepeinigt, um die Wählermassen durch gemeinsames Begehen von moralischen Abgründigkeiten zusammenzuschweissen.

Auch Frauen dürfen von Trumpisten gedemütigt und verachtet werden, einfach für ihr Frausein und ihre körperliche Unterlegenheit. «Know your Place», wie es immer heisst, wenn jemand Aufmüpfiges weiblichen Geschlechts oder sonstwie tief in der Nahrungskette Stehendes zurechtgewiesen wird. In der Faustrecht-Society kann jeder diesen Satz irgendwann mal sagen, denn es gibt immer einen Schwächeren. Sogar, wenn man eine Frau ist (ich erinnere daran, dass es eine Frau war, die Michelle Obama einen «Ape in Heels» (Affen auf Absätzen) nannte).

Die beherrschten Schichten imitieren die moralischen Abgründigkeiten, welche von der Führungsschicht zwecks Machterhalt begangen werden. Sie dürfen dadurch gewissermassen teilhaben am grossen Mechanismus der Unterdrückung – ein befriedigendes Lebensgefühl. Man muss aber sehen, dass die systematische Vernichtung der Lebensgrundlagen unserer Kinder, oder unsere Behandlung von Tieren in der industriellen Zucht, schon jetzt moralisch abgründig sind und auf Unverschämtheit basieren.

Insofern ist, was jetzt kommt, bloss eine Demaskierung und ein Verschieben der Ebenen. Es sollte sich allerdings kein Fan des Trumpismus sich zu sehr darauf verlassen, dass er für immer zu den Stärkeren zählen wird. Eine Welt ohne Moral ist für die allermeisten Leute ein gefährlicher Ort, wenn auch zugegebenermassen unvergleichlich spannender als eine Uni mit Transgendertoiletten. Steht übrigens alles schon in Orwells «Animal Farm» zu lesen. Wurde als Schulstoff aber vermutlich abgeschafft zugunsten von Kursen im Googeln. (Wenn ich nur endlich aufhören könnte, über diese Scheisse nachzudenken.)

Written by hghildebrandt

16. November 2016 at 9:59 am

Veröffentlicht in im Vorbeigehen

Bis zur Auferstehung der Freiheit #lazarus

leave a comment »

«Blackstar» und «Lazarus» fassen nochmal zusammen, warum David Bowie ein absoluter Gigant war: Er verkörperte die Idee von individueller (in vielen Fällen gefährlicher) Freiheit, die der westlichen Kultur als Versprechen innewohnt und die teilweise sogar zerbrechliche Realität wurde.

Bowies Tod kommt zu einem bedrückenden Zeitpunkt, denn Leitsterne dieser Freiheit wären nötiger denn je. Hasser des Individualismus gewinnen derzeit rasch an Boden und die Empathie als Grundlage der Freiheit wird zu Schwäche umgewertet.

In den wohl bevorstehenden finsteren Zeiten, gleichermassen geprägt von noch mehr Polarisierung und dem Einebnen individueller Denkweisen, wird Bowies Musik etwas sein, das jene inspiriert, die weiter an das Individuum glauben wollen. Die Gravitation des zum «Black Star» gewordenen Künstlers wird weiter wirken, auch wenn er kein neues Licht mehr aussenden kann.

Wenn die Zeiten dereinst wieder besser werden, wird man von Bowies Werk und Leben sagen, dass es unendlich vielen Menschen geholfen hat, weiter an die Notwendigkeit von Verletzlichkeit zu glauben und trotz individueller Hoffnungslosigkeit eine positive Grundstimmung zu bewahren. Oder einigermassen in Würde zu sterben. Im Glauben daran, dass die Idee der Freiheit wie Lazarus (Patron der Metzger, Bettler und Aussätzigen) irgendwann wieder auferstehen wird.

 

Wer ein paar Tränen über Bowies Tod vergiessen möchte, sollte sich dazu die Aufnahmen von Seu Jorge für «The Life Aquatic with Steve Zissou» anhören: https://www.youtube.com/watch?v=CVeD-xwJh-k

Written by hghildebrandt

11. Januar 2016 at 11:30 am

Veröffentlicht in im Vorbeigehen

Die Aufklärung wäre das radikalste Projekt – aber zu radikal für die meisten

leave a comment »

Der Döpfner-Text über die «Radikalisierung der Mitte» aus der Hamburger «Welt» wurde in meinem Feed sehr oft geteilt. Er schien mir gut geschrieben, aber unfertig in der Schlussfolgerung und löste in mir ein paar unsortierte Gedanken aus. Ausdrücklich kein Must-Read hier.

Die Aufklärung war mal ein radikales Projekt – das radikalste überhaupt. Wir haben es allerdings versäumt, ihre Prinzipien in unserem Alltag zu verwirklichen. Das Preisschild hängt noch an unseren oft beschworenen Werten – wir sind damit aus dem Laden gelaufen, ohne zu bezahlen. Nicht bösen Willens, sondern unter Nutzung der Freiheit zum Bösesein, die die Aufklärung selbst uns verliehen hat.

Der Wahnsinn wohnt in der Versuchsanlage

Die Toten von Beirut, Paris und all den zukünftigen Schreckensorten fielen und fallen einerseits als unfreiwillige Soldaten für die tollen Aspekte dieser Idee. Wer im Terror stirbt, ist jedoch nicht nur Opfer eines verrückten Moslems, sondern auch ein Opfer des Wahnsinns, der unserer Versuchsanlage ebenfalls eingeschrieben ist.

Denn wir befinden uns in einer Zwickmühle der Sachzwänge, welche von den Mechanismen des Kapitals geschaffen wurden. Es sieht den einzelnen Bürger ausschliesslich als buchhalterische Position und gibt ihn notfalls gerne einfach dran. Diese Mechanismen sind absichtslos und nicht böse, ausserdem zugelassen durch die Aufklärung selbst, die ja keinen Gott hat, der das Gute zwingend einfordern kann. Klammer auf: Man sollte aber schon dran denken, dass immer jemand Geld verdient, wenn ein westliches Land beschliesst, irgendwo im Osten Bomben auf Leute zu werfen. Leider hat die Aufklärung ebenso wenig einen Gott wie das Kapital einen Kopf hat, den man abschlagen könnte. Das Kapital ist darin IS oder DAESH auf eine unheimliche Weise verwandt. Klammer zu.

Wenn der Terror unsere Länder nun in rechtsnational gelenkte High-Tech-Knäste verwandelt, kommt das daher, dass der Gürtel aus Diktaturen, der unser Gauklerparadies bisher schützte, nicht mehr existiert. Deshalb wird es bald einen Konsens darüber geben, dass wir die Diktaturen nun bei uns errichten müssen. Das ist traurig und zynisch, aber folgerichtig. Denn wir werden kaum unsere Söhne in die Wüste schicken, um gegen verrückte Bärte zu kämpfen, die nicht mal Angst vor dem Tod haben.

Du bist dem System egal, leb damit

Wer dagegen die «radikale Mitte» sucht, um die Diktatur bei uns zu verhindern, sollte es auf die stoische Art sehen: Das System ist nicht böse, ich bin ihm nur egal. Versuche ich halt, damit klar zu kommen. Die Schlussfolgerung des Aufgeklärten muss dann sein: Gerade weil das System uns gegenüber indifferent ist, geben wir nicht dem unaufgeklärten Mob nach, der in seinem stumpfen Bedürfnis nach «Sicherheit» opfern möchte, wofür vor und nach der Revolution in Paris die Erfinder und Verfechter der Menschenrechte ihr Blut vergossen. Égalité: Gleichheit für alle ist ein Ziel, für das jede Tochter und jeder Sohn einer Mutter stehen kann. Als einzelne Spieler sind wir dabei nicht wichtig. Als Verfechter der übergeordneten Idee der Aufklärung ist jeder wichtig. Der unaufgeklärte Mob wird dagegen immer vor der Einsicht in die Sinnlosigkeit seines Daseins fliehen wollen.

Als aufgeklärter Citoyen naturgemäss in der Minderheit (danke, Robert Menasse), kann ich nur zusehen, wie sich die Geschichte weiter entfaltet. Vermutlich ist es ein autonomer Versuch der Versuchsanlage, die überbordende Ungleichheit zwischen Arm und Reich auszugleichen.

Töpfers «Radikale Mitte» bedeutet weitergedacht, ohne jegliche Absicherung daran zu glauben, dass die französische Revolution und die von ihr verfochtenen Werte irgendwann obsiegen. Das kann noch dauern: Ein Leben hat in unserem System doch nur in den letzten rund 150 Jahren wirklich etwas gezählt. Davor war 100 Jahre Kampf dafür. Und noch länger davor war Düsternis und Willkür. Die Reformation des bescheuerten Christentums ist erst einige Generationen her. Unser Gott starb erst vor etwas über 100 Jahren.

Wenn wir jetzt Angst haben, für unsere Gottlosigkeit zu sterben, werden unsere Werte aber niemals obsiegen. Und guess what: Wir habens dann auch nicht besser verdient. Wenn Werte nur Worte bleiben, ist das Leben, wie wir es führen, nur bequemer, aber nicht besser als das irgendeines Selbstmordattentäters.

«Radikale Mitte» bedeutet, jederzeit bereit zu sein, bei einer Flasche Wein oder an einem Rockkonzert zu sterben. Sie können uns nicht alle töten. Wer weiss, wenn wir aufhören, auf Facebook und Twitter zu jammern (und zu «beten», obwohl die Kirchen leer sind), werden sie uns vielleicht in Ruhe lassen. Keine Garantie. Also: Wir müssen offen bleiben, dem Wunsch nach Diktatur widerstehen, vielleicht sterben. Angst haben, aber nicht vor dem Tod, sondern vor dem Ende der Aufklärung.

Written by hghildebrandt

16. November 2015 at 11:17 am

Veröffentlicht in im Vorbeigehen

Ein Herz fürs Böse – Unfair Trade auf dem Vormarsch

leave a comment »

Nach fünf Jahren Bauzeit und zahlreichen Selbstunfällen wird im Walliser Dixence-Tal auf die Sommersaison hin ein neuer Schweizer Erlebnispark eröffnet. Lanciert wird das Bruchpilotprojekt für treue Kunden des kürzlich eingeführten Handelslabels «Unfair Trade». Ein Hintergrundbericht.

Wie jedermann weiss, wird das menschliche Gewissen in Momenten grossen Zweifels sichtbar und nimmt die Form eines Engels auf der rechten Schulter an, welcher meist erfolglos gegen das lustbetont agierende Selbst in Form eines Teufels auf der linken Schulter argumentiert. In der Folge gewinnt der Teufel (enge, sexy Sportklamotten) und der Engel (flatterndes weisses Gewand) zieht sich unter Tränen zurück in die Welt des Feinstofflichen.

Beim Abbau dieser Tränen entstehen schädliche Rückstände, welche gemäss gut abgesicherten Studien die Lust am Konsum hemmen, was «der Wirtschaft schadet», wie Manuel Stahlberger in seinem Song «Mier schaded de Wirtschaft» schlüssig festgehalten hat.

Als Mittel gegen dieses Hemmungen wurden in den vergangenen Jahren zahlreiche Labels im Stil von «Max Havelaar» (Bananen, Kaffee) und «Fair Trade» (Bananen, Kaffee, seltene Erden für Handy-Bildschirme) ins Leben gerufen. Wer «Fair Trade» einkauft, beruhigt sein schlechtes Gewissen und schützt seinen Körper vor den schädlichen Rückständen, welche das «Scheiss-Memmen-Geflügel» (von Christoph Mörgeli in seinen Vorlesungen vor Medizinstudenten jeweils so bezeichnet) beim Abbau seiner Tränen hinterlässt.

Neuste Forschungsergebnisse legen nun jedoch nahe, dass auch Leute, die beim Einkaufen keinerlei Gewissensregungen empfinden, gerne ein eigenes Label hätten. «Sie fühlen sich gegenüber den Käuferinnen und Käufern von ‚Fair Trade’ benachteiligt, insbesondere, was Regalmeter und Einkaufsvergnügen angeht», sagt Erwin Frobischer, obersterer Honcho des zentralen Einkaufsdirektorats beim nationalen Einheitskaufwesen des Grossversorges Almigroopoli. «Es reicht ihnen einfach nicht mehr, mit Produkten wie ‚Oreo’ oder ‚Rafaello’ zum Abholzen von Regenwald für Palmfettplantagen beizutragen.»

Als Reaktion auf zahlreiche Wortmeldungen insbesondere in den Kommentarspalten von «Blick» und «20 Minuten» setzte sich die Erkenntnis durch, dass «mündige Konsumenten aktiv etwas für die Verbreitung des Bösen auf der Welt tun möchten.» Wer nichts dagegen unternehmen könne, dass wegen ein paar Fröschen auf dem Weg zum Laichteich alljährlich im Frühjahr die Quartierstrasse gesperrt werde, sehe es als moderne Lösung des Dilemmas an, lästige Amphibien und hässliche Baumbewohner (Orang Utan, sehr unsympathisch und im Zoo ohnehin besser aufgehoben) in einem anderen Erdteil effektiver zu bekämpfen. «Wir haben zunächst bei der Industrie Produkte mit einem höheren Anteil an Palmfett geordert, das auf garantiert brandgerodetem Regenwaldboden produziert wurde.»

Damit aber nicht genug. Direktionsdirektor Erwin Frobischer setzte auf Anregung der Konzernleitung des nationalen Grossversorgers Mooldigraps deshalb eine Arbeitsgruppe ein, welche alsbald mit einem Lösungsvorschlag auf der Matte stand. «Wir müssen das Böse regional erlebbar machen», bringt der smarte Top-Manager den neuen, Ansatz auf den Punkt. «Die Lösung ist unser neues Label ‚Unfair Trade’, dem wir beispielsweise die Palmfett-Plus-Produkte zuordnen.» Weitere Produkte seien beispielsweise Wegwerf-Kämme, geschnitzt aus den Zehennägeln von Pandabären «die leider dem rücksichtslosen Strassenverkehr in China zum Opfer gefallen sind», wie Frobischer mit nur schlecht unterdrückter Häme zu Protokoll gibt. Echtheitsgarantie gäbe es keine – «wo kämen wir denn da hin, wenn wir jeden Tigerpimmel zertifizieren müssen?» Er mache kein Geheimnis daraus, dass er bei der Konzeption des neuen Labels «wenn nicht federführend, so doch untergründig inspirierend mitgewirkt habe», sagt der mehrfach geschiedene und kinderlose Topmanager.

Unter grösster Geheimhaltung und direkt unter der imposanten Wölbung der «Grande Dixence»-Staumauer wurden in den vergangenen fünf Jahren wuchernde Alpenrosenbüsche mit Roundup vernichtet, Murmeltiere zu Paaren getrieben und zu Ragout verarbeitet sowie die Staumauer mit Haarrissen versehen. «Das sorgt für einen zusätzlichen Kick, wenn die Kunden von ‚Unfair Trade’ hier ihre Bonuspunkte aus dem zum Label gehörigen Treueprogramm verballern kommen.»

Ja, verballern ist in diesem Zusammenhang wörtlich zu nehmen, denn bekanntlich sind im Wallis Luchse, Wölfe und Bären ohnehin nicht speziell beliebt. Im «Unfair Trade Erlebnispark», der sagenhafte zwölf ausgesprochen schlecht bezahlte Arbeitsplätze schaffen wird, können diese überzähligen Wildtiere mit Paintball-Markern gejagt werden. «Da diese Waffen keine besonders gute Verteidigung bieten, ist echter Survival-Spass für unsere Unfair-Trade-Kunden garantiert, und zwar hundertpro», sagt Erwin Frobischer. Für den Fall, dass die Tiere den Stress nicht aushalten sollten, ist bereits vorgesorgt: «Wir werden sie durch billige, ausfransende Hologramme ersetzen, alles easy», kündigt der mehrfache Letzplatzierte am Engadiner Skimarathon lässig lächelnd an.

Wer beim Einkaufen von einem schlechten Gewissen geplagt wird und gerade deshalb öfter mal zum bösen Produkt greift, hat mit dem «Unfair Trade»-Sortiment in Zukunft echte Optionen. Dank dem Treueprogramm, finanziert durch die unanständig hohen Preisaufschläge als Prämie für das Mehrwert-Label, ist ein zusätzlicher Erlebnissimo-Faktor garantiert – die Punktejagd kann losgehen.

Service: Das sind die Frühlings-Hits im «Unfair-Trade»-Sortiment

  • Mohrenkopf «extra» mit Lockenperücke aus Echthaar (2500 Bonuspunkte)
  • «ob»-Tampons mit lebendgerupftem Kaninchen-Angora (1500 Bonuspunkte)
  • Kaffee «Kopi Luwak» zum Selbermachen (Set mit frischen Kaffeebohnen und Zibetkatze, wird lebend mitgeliefert (8200 Bonuspunkte, nur online erhältlich)
  • «Inder-Überraschung», Überraschungs-Eier mit Echtholz-Schnitzereien, gefertigt in Kinderarbeit aus illegal gerodetem Tropenholz
  • Sonnencrème «de Luxe» mit echtem Einhornsperma (nur 500 Bonuspunkte, da Herkunft «zweifelhafter als üblich»)

Written by hghildebrandt

20. April 2015 at 9:46 am

Veröffentlicht in im Vorbeigehen

Tagged with

Schweizer Musikbranche enthüllt neue Singbots

leave a comment »

Die Schweizer Musikindustrie steckt in einer Rentabilitätskrise. Exponenten der Branche rücken der Problematik nun mit den Mitteln von Big Data zu Leibe.

Nicht erst seit dem massenhaften Raubkopieren digitaler Tonträger dominieren in der Schweizer Musikszene die langen Gesichter. «Das Schweizer Musikgeschäft war noch nie ein Geschäft», sagt Roman Camenzind, einer der Schweizer Musikprofis, welche der anhaltenden Flaute ein für allemal abhelfen wollen.

Roman Camenzind übernimmt die Führung

Camenzinds Studio «Hitmill» ist Domizil der Firma Singbot Unlimited, welche am vergangenen Dienstag im Zürcher «Kaufleuten» die erste Generation vollsynthetischer Musikmaschinen enthüllt hat. «Da Singer-Songwriterinnen medial am einfachsten zu vermarkten sind, haben wir als Leadprodukte zwei entsprechende Bots am Start», sagte Camenzind während seiner Präsentation. Die beiden Figuren werden unter den Namen Zulu Büsi und Schümli Pflümli auftreten. Ihr Äusseres erinnert mit Schnittlauchhaaren und markanten Wangenknochen an bekannte Namen wie «Lea Lu» und «Heidi Happy», welche als Musik-Borgs der zweiten Generation noch zu rund fünfzig Prozent menschlich waren, ebenso wie das männliche Pendant «Baschi». Er wird durch einen Singbot mit dem Namen Ghetto Kompletto ersetzt und kann nach Bedarf einen weiblichen Part übernehmen, um mit Zulu und Schümli eine Girlgroup zu bilden; zu diesem Zweck wird Ghetto Kompletto jeweils die Identität einer optimierten, femininen Version von Gölä annehmen, deren Name Gölette lauten wird.

Text-Kompetenz unter Kopftuch

Natürlich sollen die drei neuen Singbots nicht nur ungefähr hundertneunzig untrentable Arbeitsplätze von verkrachten Künstlern einsparen, sondern auch Hits liefern. Dank der konsequenten Auswertung von Social Medeia können die Wünsche der Hörerschaft heute wesentlich konsequenter bedient werden. Die Musik zu sämtlichen Songs wird künftig von einem Algoritmus in Tschechien geschrieben. Für das Verfassen sämtlicher Texte wird Chris von Rohr verantwortlich zeichnen. «Da ich bei der ‚Schweizer Illustrierten’ keine Kolumne mehr schreiben darf, musste ich für mein neoliberales Gedankengut ein neues Outlet finden», beleuchtete das Kopftuch der Nation die Hintergründe seines Engagements. «Ich trage übrigens kein Kopftuch, sondern ein dem kommenden Burka-Verbot entsprechendes Bürkli.»

Keine Angst vor Einheitsbrei

Roman Camenzind verspricht, dass der Rollout von Zulu Büsi, Schümli Pflümli und Ghetto Kompletto auf das Hörvergnügen der Schweizer Musikkonsumenten keinerlei negative Auswirkungen haben wird. «Im Gegenteil. Wenn dir in Zukunft etwas bekannt vorkommt, wirst du wenigstens genau wissen, warum.» Für die Beschäftigung der Schweizer Ex-Musikerinnen und Musiker hat er bereits eine Lösung. «Erstens ist es um Pegasus nicht schade und zweitens können alle als Freelancer in meiner Villa Wasserhähne vergolden kommen.»

Written by hghildebrandt

16. April 2015 at 7:52 am

Veröffentlicht in im Vorbeigehen

TuesdayGT: Cornish Blossoms

leave a comment »

En Verden af Gin

Første marts er det officielt forår. Så luk øjnene og drøm dig frem til længere og varmere dage med en Gin & Tonic, som jeg har valgt at kalde Cornish Blossoms.

Cornish Blossoms med Tarquin's Gin, Gents Tonic, viol og appelsinskal. Photo by Michael Sperling.Der går lidt tid, før vi kan afkøle os med iskolde Gin & Tonics i +25 graders varme, men søndag runder vi et lille men vigtigt skridt i den rigtige retning. 1. marts er det officielt forår, og selvom det aldrig har betydet noget, der bare minder om forår, er det en god anledning til at mixe en Gin & Tonic, der i det mindste lugter lidt af forår.

Mit bud er en Gin & Tonic med fuld skrald på de blomstrede noter. Som gin har jeg valgt den delikate og blide Tarquin’s Gin fra Cornwall i Sydvestengland. Det er en helt igennem håndlavet gin – fra den håndbankede 300-liters kobberdestillator til de håndskrevne etiketter. Tarquin’s Gin indeholder tolv…

Ursprünglichen Post anzeigen 174 weitere Wörter

Written by hghildebrandt

24. Februar 2015 at 5:46 pm

Veröffentlicht in im Vorbeigehen

Ecopop – Kamikaze-Wirtschaftspolitik von unten

with one comment

IMG_6335Ein paar liberale Gedanken, niedergeschrieben, damit ich von niemandem ein Schulterzucken bekomme, wenn ich frage, ob er oder sie abgestimmt hat. Offenbar wird die Ecopop-Initiative von vielen potenziellen Ja-Stimmern als Gelegenheit für eine Retourkutsche zuhanden der Wirtschaft verstanden; man kann den Patrons und den Gestopften eins reinbrennen im Sinn von «ihr kassiert seit Jahren in ganz grossem Stil ab und wir fechten alljährlich einzeln um ein Prozent mehr Salär – wenn die Initiative angenommen wird, könnt ihr sehen wo ihr bleibt, für uns kommts eh nicht drauf an.» Man kann das so manchem Kommentar unter den Stories zum Thema entnehmen. (Neben dem üblichen «Das Volk ist der Chef»-Geschwätz und der von der bösen Elite «verschleppten MEI-Umsetzung».) Jeder, der sich irgendwie benachteiligt fühlt, haut drauf. Will ein funktionierendes Modell abschaffen. Und die (im Fall eines Ja) verlierende Minderheit, die sich von offenen Grenzen abhängig sieht, vor vollendete Tatsachen stellen, nämlich eine «Gated Community». Gartenzwerge für uns, Stacheldraht für die anderen.

Man fühlt sich noch bald mal unterprivilegiert hier

Natürlich gibt es in der Schweizer Gesellschaft einen Anteil Leute, die nur zu einem kleinen Anteil am enormen Wohlstand teilhaben, den die besitzende Klasse so kreiert hat über die kriegslosen Jahrhunderte. Und diese Leute mit wenig Besitz und Potenzial werden offenbar zahlreicher – sei es, weil sie gar nichts haben und eh längst sauer sind, oder weil sie ein bisschen haben und dieses bisschen ihnen im Vergleich zu den rasch reicher werdenden Reichen auch kärglich vorkommt. Diesen Unterprivilegierten bleibt oft nicht viel übrig, als die Zugehörigkeit zur Schweizer Nation. Darauf sind sie dann desto stolzer. Allerdings nicht gemeinsam, sondern einzeln.Und der einsame Stolz scheint in solchen Menschen den Wunsch zu wecken, dem Rest der Welt im Kollektiv der Vereinzelten den Rücken zuzudrehen. Aufgrund des eigenartigen Konstruktionsprinzips unseres Staates dürfen wir also darüber abstimmen, ob diese Leute uns vorschreiben sollen, bei sowas mitzutun. Ironisch: All diese Leute hätten gemeinsam durchaus die Möglichkeit, die Schweiz sozialer zu machen, doch es wird ihnen seit dem ersten Weltkrieg eingeredet, dass es niemals funktionieren kann – weil die Schweiz dann verarmen würde! Genau wie es im Fall von Ecopop-Ja passieren wird. Man kann sich offenbar nicht zusammen für etwas einsetzen, aber ganz gut gemeinsam hassen und neidisch sein. Die Schweizer Mentalität – ein Tal gegen das andere – drückt immer noch durch.

Neid und Satire

Die Unterprivilegierten finden jeden verdächtig, der neu an den Tisch kommt – und es kommen viele, denn Wohlstand hat eine mächtige Anziehungskraft. Ganz egal, ob du etwas gut kannst und dafür gut entlöhnt werden willst, oder ob du einfach nichts hast und deine Familie retten willst. Und für die Schweizer Unterprivilegierten sind auf jeden Fall immer diese anderen an allem schuld. Es ist ein bisschen wie beim «Islamischen Staat», dessen mobiltelefonierende Youtuber ihre Mordlust als Rebellion gegen den Kapitalismus interpretieren. Auch Ecopop ist eine aus dem Ruder gelaufene Neid-Satire. (Kleine Frage am Rand: Wohin überweist eigentlich Google die Revenues von den ganzen Foltervideos? Hat IS einen Chief of Digital Revenue?)

Klar kann man das verstehen

Ich kann die Verbitterung der potenziellen Ecopop-Befürworter nachvollziehen. Man wird als Stimmbürger und Bewohner eines Landes nicht gerne daran erinnert, dass man nur Humus ist für ein Profitmodell: «Wir holen Leute ins Land, um für die im Jahr zuvor ins Land geholten Leute Wohnungen, Lidl-Filialen und Strassen/Glasfaserleitungen zu bauen. Mehr Leute = mehr Umsatz = mehr Gewinn, für uns stimmt die Rechnung.» Es ist eine verständliche Reaktion, dass man angesichts solcher Erkenntnis halt das allerletzte Häuschen im Grünen für sich selbst sichern will; die Putz- und Logistikbrigaden ohne Stimmrecht möchten bittschön in Massenmenschenhaltung entlang der Autobahn und in den ausfransenden Agglomerationen wohnen und dürfen sich nur erneuerungsvermehren, aber nicht zahlreicher werden. Wenn oben nur abkassiert wird und unten der Druck (= «Dichtestress», eigentlich aber Konkurrenz bei sich verknappendem Angebot an vernünftig entschädigter Arbeit) ständig erhöht wird, dann sind solche Emotionen erklärbar.

Die Saat der Zwietracht ist aufgegangen

Dass Ecopop aber ein so grosses Thema werden konnte, ist eine Auswirkung der Polarisierung zwischen den bevormundenden Grünen und einer grossen Anzahl neu mobilisierter Rechtswähler, die alles Gemeinschaftliche und Empathische leidenschaftlich hassen, weil sie sich zu kurz gekommen fühlen. Ich kreide die Polarisierung im Land der Rechten an; sie will nicht einsehen, dass es keine simplen Rezepte gibt, kann aber der Verlockung nicht widerstehen, sie trotzdem als erhältlich und durchführbar anzupreisen und damit bisher unpolitische Massen hinter sich zu sammeln (wenns nicht klappt, einfach die «Classe Politique» verantwortlich machen, und die eigene Zugehörigkeit zu derselben in Abrede stellen, «das Volk ist der Chef»). Und der Hass der Habenichtse wird weiter angestachelt bis zur Verblendung. Man hasst die Ämter und die Beamten, man hasst die Sozialschmarotzer und die Gutmenschen und die Lehrer, man hasst die Asylanten und wenn man nicht grad hasst, weint man, dass man weniger hat als die reichen Schweizer und die noch viel reicheren Einwanderer in ihren Protzvillen.

IMG_6436.PNG

Jetzt hat die SVP Angst vor den eigenen Wählern

Wenn sogar dieser zwietrachtsäenden Rechten nun eine Initiative zu bescheuert wird und sie ihrem Gefolge die Machbarkeit und die Annahme von Ecopop nicht mehr ausreden kann, dann ist das zwar lustig, aber die Rechnung dafür werden alle bezahlen müssen. Und wer «ja» stimmt, gehört zu einer sonderbaren Schnittmenge von authentischen Fremdenfeinden und verblendeten Fans einer Schweiz wie aus den Filmen von Franz Schnyder. Werdet ernsthaft, diese Ausschluss-Initiative sorgt nicht für den Bau von weniger Strassen oder wüsten Logistikhallen; höchstens dafür, dass es in dreissig Jahren hier niemanden gibt, der unsere verlotterten Körper zu Tode pflegen. Wir sind dann eine Art alpines Ungarn, beherrscht von einem vernagelten, frauen- und fremdenfeindlichen Bürokratiewesen und ohne den Trost offener Grenzen bei hohen Salären. Auf den Autobahnen wird es keinen Stau mehr geben, weil niemand mehr irgendwohin wird fahren müssen, um Geld zu verdienen.

Man hätte früher mehr verteilen sollen

Memo an die Patrons und ihre Lobbyisten in der Wandelhalle: Wenn ein grosser Teil des Stimmvolkes (Rentner, eingebürgerte Secondos, Normalos mit Träumen vom eigenen Hüsli und bereits geknechtete Hypothekarschuldner) lieber die Wirtschaft an die Wand fährt, als weiter mit so viel Druck zu leben, dann wurde an den entscheidenden Stellen möglicherweise etwas falsch gemacht. Sollten wirklich über 50 Prozent glauben, sie hätten zuwenig vom Kuchen: Vielleicht hätte man jeweils lieber im Herbst eine grosszügigere Lohnrunde gefahren? Vielleicht wäre man dann nur das fünftreichste Land der Welt und das sechst-wettbewerbsfähigste. Aber innerhalb des Landes würde weniger Hass grassieren. Weil jene, die nicht so viel haben, nicht das Gefühl hätten, dass neu hinzukommende Leute ihnen von dem wenigen, das sie bekommen oder haben, noch etwas wegnehmen. Na ja, und es würden auch nicht so viele neu hinzukommen. Aber das wäre natürlich am oberen Ende viel weniger profitabel. Das Establishment fürchtet sich zu recht vor Ecopop.

Es gibt keine Alternative

Ich aber auch. Es kann zu nichts Gutem führen, die Grenzen dicht zu machen und zu glauben, dass unsere Schoggi und Uhren uns retten werden. Im Moment haben wir einfach keine andere Wahl als weiter wie bisher zu wursteln. Und mit einem Nein zu Ecopop klar zu machen, dass wir unserem Anteil am Ganzen Sorge tragen wollen. Klar zu machen, dass hier nicht über fünfzig Prozent Wahlbürger leben, die mit Hass auf jede Veränderung und jede Offenheit starren. Dein Ecopop-Stimmzettel ist kein Transportmittel für «nicht ernst genommene Ängste». Wenn sie durchkommt, wird es richtige Probleme geben. Also geh abstimmen, bitte. Die Schweiz ist vielleicht eine Fluchtburg voller verängstigter Vergangenheitsfetischisten, aber sie sind nicht in der Mehrzahl. Und einfach um das klar zu machen, musst du deinen Zettel ausfüllen. Und abgeben. Bitte.

Written by hghildebrandt

24. Oktober 2014 at 7:54 am

Veröffentlicht in im Vorbeigehen