Mindestens haltbar bis siehe Ende.

Texte von Hans Georg Hildebrandt, mehr oder weniger aktuell.

Archive for the ‘aus dem Archiv’ Category

Tanzen zu Architektur? Toi, Toi, Toi!

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Ein oberflächlich satirisch angenebeltes Referat, gehalten zur Eröffnung des
Architekturbüros Mozzatti Schlumpf im Oktober 2010

Frank Zappa hat gesagt: Schreiben über Musik ist wie Tanzen zu Architektur. Ich habe den schönen Job gefasst, noch etwas Schwereres zu tun, als Sie zu Architektur zum Tanzen zu bringen – ich soll Sie wenn möglich darüber zum Lachen bringen.
Manche Architektur bringt einen zum Weinen. Über diesen leider grossen, traurigen Teil der Architektur wollen wir heute Abend ganz schweigen. Man kann sogar zum Sterben eines Dignitas-Mitglieds im Endstadium schöner tanzen als zu trauriger Architektur – und der schweizerische Fachmann für Totentänze bin nicht ich, sondern ist bekanntlich Christoph Mörgeli.
A propos Mörgeli, da kommt mir in den Sinn, dass ich kürzlich bei einem neuen Friseur sass. Die Coiffeuse, zu der ich üblicherweise gehe, hatte ein Kind bekommen. Der neue Mann fragte mich, was ich so mache und meinte dann, er hätte noch einen anderen Chefredaktor als Kunden, dessen Magazin er auch nicht gekannt habe.

Bevor ich herausfinden konnte, wer das wohl sein mochte (Sex-Anzeiger? Tierwelt? Kassensturz? Neue Ideen?) schnitt mich der neue Friseur mit der Schere kräftig ins Ohr. Da wusste ich gleich, dass der gesuchte Chefredaktor Roger Köppel sein musste, der entsprechend kein Ohr für vernünftige Argumente hat, auch wenn er noch so oft in Diskussionssendungen rumsitzt.
Ich teile nicht nur den Coiffeur mit einem anderen Chefredaktor, sondern auch den Schneider mit einem berühmten Architekten, nämlich Max Dudler. Ich kann aufgrund der Indiskretion eines bestimmten Modegeschäftsinhabers aus Zürich zuverlässig sagen, dass Herr Dudler einen verdammt teuren Geschmack hat.
Etwas vom Eigenartigsten an der Mass-Schneiderei ist ja, dass man sich sein Monogramm ins Jackenfutter sticken lassen kann. Kürzlich dachte ich sogar, dass manche Leute sich jetzt ihren ganzen Namen in die Jacke schreiben lassen. Ein ziemlich beleibter Herr liess sich an meinem Tisch nieder, und wie es bei gewissen Körperformen üblich ist, gewährte seine Jacke tiefen Einblick in ihr Innenleben. Als Hobbydetektiv versuchte ich seinen Namen zu entziffern und merkte ihn mir sofort, um ihn später googeln zu können, den vorgestellt wurden wir einander nicht. Ich stutzte dann allerdings, als ich schon mein iPhone zückte und merkte, dass es keinen grossen Sinn haben würde, nach jemandem mit dem Namen „Natural Stretch“ zu suchen.
Aber immerhin, Max Dudler ist jedenfalls ein Architekt, dessen Werke man gerne sieht und der mit Max Frisch den Vornamen gemeinsam hat. Und mit mir die Anzüge, was mir ausreichend Autorität gibt, vor Ihnen über Architektur nachzudenken.
Als Architekten sind Sie in einer derzeit boomenden Branche tätig. Im Moment könnte man meinen, Bauland würden schon von sich aus immer wertvoller, man brauche nicht mal etwas darauf zu bauen. Ist aber nicht so. Es wird viel gebaut. Wenn man an Schweizer See-Ufern entlang unterwegs ist, gibt es so viele Baugespanne, dass man die Häfen mit den Segelschiffen nicht mehr vom Bauland unterscheiden kann.


Verschiedene Grossdenker haben sich seit Aristoteles schon dahingehend geäussert, dass es in der Herstellung von Architektur mehr Qualitätsbewusstsein geben muss als zum Beispiel in der Herstellung von Flip-Flops oder Touristen-T-Shirts, die einem peinlich sind, wenn man zurück von der Ferienreise den Koffer auspackt, und die sich deshalb gnädigerweise gleich in ihre Bestandteile auflösen. Denn Architektur ist etwas Öffentliches, öffentlicher als zum Beispiel Architektenwitze, die man im Internet immerhin finden kann, seien sie auch noch so schlecht.
Architektur sollte inspirierend wirken, statt traurig zu machen. Sie ist „Verpflichtet, Freude zu bereiten“, so wie die Schweizer Fussballnationalmannschaft gemäss Alex Frei in einem Interview nach dem Spiel gegen Montenegro 2010. Die Öffentlichkeit hat ein Recht auf gute Architektur, denn es wird ja ihr Gesichtsfeld, also das der Öffentlichkeit, Ihres, Ihres, meines in Anspruch genommen.
Ich wurde sehr nachdenklich, als ich kürzlich von einem Bauherrn hörte, dass er sein Richard-Neutra-Haus nicht in den Medien sehen wollte. Der Grund, ich zitiere den Mediensprecher: „Es wird Architekturtourismus befürchtet.“ Hier wird gute Architektur, die eigentlich allen gehört, kurzerhand enteignet. Manche sehr spannenden Häuser werden sogar von Google Maps getilgt, damit kein Architekturtourist mehr den Weg dorthin finden kann.
Wobei ich das nicht ganz un-okay finde, denn wer nur ein paar Geodaten in sein Navigationsgerät eingeben muss, um zum nächsten Architekturspektakel zu finden, bewegt sich für mich eher auf dem Niveau eines Schnitzeljägers denn auf jenem eines Menschen, der in Architekturerlebnissen nach Inspiration und Verbesserung seiner Wahrnehmung sucht.

Etwas allerdings ist an der Architektur in der letzten Zeit viel besser geworden: Die Bauarbeiter haben mobile Toiletten bekommen. Eine Mobiltoilette gehört heute zu einer Baustelle wie ein Paar Gummistiefel in den Kofferraum des Architekten!
Sie erinnern sich bestimmt an die Vergangenheit: Das berühmte Bild von Max Frisch und Bertolt Brecht auf der Baustelle: damals trug der Architekt keine Gummistiefel, sondern Veloklammern und ein soziales Gewissen zur Schau.
Die Frage, wohin sich die Bauarbeiter vor der Einführung der knallblauen Bioreaktor-Mobiltoilette erleichtert haben, gibt dem Begriff „Bausubstanz“ jedenfalls eine ganz neue Tiefenschärfe. Ich sähe gern eine Untersuchung der ETH über die objektive Verbesserung der Arbeitsbedingungen auf den Baustellen durch die Allgegenwart mobiler Toiletten.
Und einen allfälligen Einfluss dieser Verbesserung auf die Qualität der Architektur.
Heute sieht es ein bisschen aus, als würde es reichen, den Arbeitern mobile Toiletten von Toyloy zur Verfügung zu stellen und schon kriegt man ein Super-Gebäude.
Entschuldigung. Toyloy hiess die Miss Schweiz 2008 und ToiToi heissen die mobilen Klos.
Auf der Webseite des Unternehmens wird diese Kabine übrigens als „Design-Klassiker unter den Mobilen Toiletten“ angepriesen. Vielleicht werden am Zürcher Escher-Wyss-Platz solche Design-Klassiker aufgestellt, nachdem kürzlich ein goldenes WC auf Abstimmungsplakaten dafür sorgte, dass ein Kunstprojekt von den Stimmbürgern kurzerhand gespült wurde. Christoph Mörgeli würde das sicher freuen!
Wie auch immer – ich muss zum Schluss kommen.
Unter den Architekten gibt es meines Wissens keine Tabus, wenn man sich zu einer Premiere Glück wünscht. Sie wissen ja, unter Schauspielern wünscht man sich nicht Glück, sondern „Hals- und Beinbruch“.
Weil wir aber hier nicht unter Schauspielern, sondern unter Baumeistern sind, und Sie ganz sicher zur Verbesserung der Architektur jenseits des Aufstellens von Designklassikern beitragen möchten, wünsche ich Ihnen zu Ihrer Firmenlancierung Toi Toi Toi!
Für ein erfolgreiches Herstellen von Architektur, die mich, ihre Bewohner und Sie selbst zum Tanzen bringt! Und zwar am liebsten jetzt gleich.

Das Bild stammt von Helene Weigel und ist im Buch «Jetzt: Max Frisch» (Suhrkamp) abgedruckt.

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Written by hghildebrandt

11. April 2012 at 11:48 am

Veröffentlicht in aus dem Archiv, im Vorbeigehen

Kein Zwergkaminchen: Die Zigarre

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Pro-Zigarren-Text aus der SonntagsZeitung. Etwas antiquiert, da der Zigarrenhype längst vorüber ist. Hat mir aber trotzdem gefallen beim Wiederlesen. Nur für themenaffine Leser.

Nichtraucher haben etwas Beschränktes, wenn sie vom Nebentisch aus ihre Nasen rümpfen. «Ein Stumpen», sagen sie gerne, «das stinkt.» Auch Ignoranz ist Pflicht. Zwischen Massenware aus der Stumpenfabrik und handgefertigten Kopfzigarren mit Abschlusswickel wird nicht unterschieden. Statt dessen assoziieren Nichtraucher diese genussvolle Art des Qualmens mit Nadelstreif-Patrons, die nach dem Mittagessen eine Cohiba Lancero für dreissig Franken im Gesicht stecken haben.

Aber die klischeefrohen Zeiten sind vorbei. Zum Glück. Das Zigarrenrauchen, eigentlicher Grund für meine Kuba-Reise Anfang der Neunziger, hätte ich ungern wieder aufgegeben. Ich erinnere mich gut an einen Moment: Am verlassenen Pool dröhnte die Salsa, in der Ferne lag dunstig-verklärt die Stadt Santiago de Cuba, und ich liess den Rauch einer frisch gewickelten Zigarre in den tropischen Himmel steigen. Der Duft in meinem Hotelzimmer war – schnüffel, schnüffel – einfach  balsamisch. Bis heute erinnert mich jede gerauchte Zigarre an diese verzauberte Minute. Und bis heute ist jedes Rauchritual ein Genuss, während Hektik und Haarausfall ihre Plätze auf der Prioritätenliste räumen. Ruhe kehrt ein, der Horizont rückt ein Stück weg, die Stunde des Zigarrengenusses wird zu einem einzigen zufriedenen Lächeln.

Einige Vorbehalte der Tabakhasser sind berechtigt. Toscanelli und andere bitumenschwarze Erzeugnisse der Tessiner Zigarrenindustrie gehören nur im Freien geraucht, auf der Skiterrasse zum Schümli-Pflümli. Aber es ist nicht alles schlecht, was braun ist und brennt. Zu viele ausgewiesene Geniesser sind unter den Zigarrenrauchern.

Zu den differenziertesten Tabakfreunden gehörte sicher Hermann Burger. Als sprachmächtiger Schweizer Autor und Freund von Bundesrat Kaspar Villiger widmete er jedes Kapitel seines letzten Buchs «Brenner» einer anderen Zigarre. Der kranke Erzähler vertieft sich in Gespräche mit einem emeritierten Professor, in die Geschichte des Brenner- oder eben Villiger-Clans sowie in den Genuss der «trockenen Trunkenheit». Burger beschreibt, wie ihn die Gerüche seines geliebten Rauchzeugs Proust verwandt in verschiedene Welten entführen, und versteigt sich zur Aussage, er esse nur, um rauchen zu können.

Zigarrenrauchen ist die schönste Verknüpfung von Poesie und Luxus, von geschichtsbewusstem Kolonialwarengenuss und hedonistischem Abfackeln einer Zehn- oder meinetwegen Zwanzigfrankennote.

Obwohl es in Honduras und der Dominikanischen Republik längst fast ebenbürtige Provenienzen gibt, glaube ich an die Legende vom besten Tabak der Welt, der nun mal auf Kuba wächst und dort auch am unmaschinellsten und leidenschaftlichsten gepflegt wird. Weshalb sollte es sonst in glücklichen Städten wie Zürich eine «Casa del Habano» geben, wo ausschliesslich kubanische Zigarren im begehbaren Humidor auf Käufer warten? Die Varianten sind so zahlreich wie die Aromen, die eine gute Zigarre zu entfalten in der Lage ist. Nicht unerwähnt bleiben soll auch die angenehme Wirkung der legalen Droge Nikotin: «Es beruhigt mich und gibt mir gleichzeitig Energie», wie Arnold Schwarzenegger verharmlosend sagte.

In Massen genossen, wird die Zigarre der Gesundheit nicht mehr schaden als ein Spaziergang an der frischen Winterluft, ganz im Gegensatz zur gefässtötenden Zigarette. Doch sollte man die Zigarre nie mit dem Zwergkaminchen der inhalierten Alltagshektik auf eine Stufe stellen. Wenn die Zigarre im Aschenbecher ihr Leben aushaucht, sollte man ein gutes Essen hinter sich haben und ein Glas Portwein vor sich. Glück im Alltag ist vielleicht selten, aber ein Teil davon ist käuflich. Wer etwas dagegen hat, versteht nicht zu leben.

Written by hghildebrandt

18. Oktober 2009 at 2:07 pm

Veröffentlicht in aus dem Archiv, Kulinarik

Beichtstuhlmusik

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Finger weg oder Ohrenweh.

Finger weg oder Ohrenweh.

Kurzkolumne aus dem «Trend»-Bund der SonntagsZeitung, erschienen 1999. Meine Polemik blieb natürlich ohne jede Wirkung, die Truppe feiert derzeit ihr zehnjähriges Bestehen.

Wir hatten Wassermusik, wir hatten Feuerwerksmusik und wir hatten Fahrstuhlmusik. Als neusten Ausfluss der globalen Unterhaltungsindustrie liefert man uns konsequenterweise Beichtstuhlmusik: Die Retortengruppe «Gregorian» präsentiert zum festlichen Jahresende ihr Album «Masters of Chant». Es kommt daher, als hätte ein verwirrter Doktor Guildo Horn mit Uriella gekreuzt und ins Kloster gesperrt. Das Produkt stellt gemäss Promo-Text «die Popmusik auf den Kopf und konfrontiert sie mit einem Choralstil, der sich um das Jahr 600 unter Papst Gregor dem Ersten in Kirchen und Abteien entwickelte.» Natürlich ist solche Musik nur nach dem Verzehr einer Klinikpackung Ponstan geniessbar. Das aufgeblasene Geseire des Pressetextes, das wie die Musik an die Formation Enigma («Sade, donne-moi, Sade, dis-moi») erinnert, ist einfach ekelhaft. Die «zwölf enigmatischen Choral-Sänger» und ihr «spirituelles Sound-Ereignis» klingen abgeschmackt wie Hostien hundert Jahre jenseits des Ablaufdatums. Das ginge ja alles, und «Brothers In Arms» können sie meinetwegen behalten. Aber musste sich diese Armee der Schreckensmönche an schönen Songs wie «Vienna» von Ultravox und «Losing my Religion» von REM vergreifen? Dafür werden sie in der Hölle braten. Verzichten Sie auf den Kauf dieses Albums, ausser Sie möchten wissen, wie «Nothing Else Matters» von Metallica klingt, wenn man es mit Millennium-Geraune wattiert. «Ist der Song neu?», könnte man analog zum Weichspüler-Werbespot aus dem Fernsehen fragen. «Nein», wäre die Antwort, «mit Choral gewaschen.»

Written by hghildebrandt

18. Oktober 2009 at 1:37 pm

Veröffentlicht in aus dem Archiv