Mindestens haltbar bis siehe Ende.

Texte von Hans Georg Hildebrandt, mehr oder weniger aktuell.

Gegenlicht

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Das Leben sei nicht fair, so sagt der Neoliberale. Ungleichheit sei normal. Man soll verdammt nochmal damit dealen. Alles andere sei Mumpitz.

Und ja, niemand Vernünftiges erwartet Fairness vom Leben.

Aber steht nicht in vielen Verfassungen, auch unserer, die Gleichheit vor dem Gesetz festgeschrieben? Und das wiederum ist doch Ausdruck der Hoffnung auf eine Entwicklung der Zivilgesellschaft hin zu mehr Fairness, gewünscht von der konstituierenden Mehrheit? Platonische und neutestamentarische Grundlagen unserer Staatswesen und so? Das ist doch ein Versprechen auf eine Zukunft als freier Mensch.

Der Neoliberalismus und die Libertären als dessen Dogmatiker wollen dieses Versprechen zurücknehmen und nur noch das Recht des Stärkeren gelten lassen. Ein Zurück ins Zeitalter vor der französischen Revolution. Die Ungleichkeit exzessiv ausufern lassen, einen Absolutismus der Lautstärke und Brutalität.

Die Libertären sehen das Gemeinwesen mit allen Schwachen – eigentlich der grossen Mehrheit, wenn diese mit sich ehrlich wäre, ich zähle mich auch dazu – als reinen Kostenfaktor und deren Wohlergehen als unverdient, sollte das Gemeinwesen dazu beitragen müssen.

Es ist seltsam. Jeder Trumpist, jeder libertäre Gross-Sprecher ist einst dem Bauch einer Mutter entschlüpft, die in diesem Moment so ausgesetzt und schutzbedürftig war wie irgendeiner der schwachen Menschen, die im libertären System dem finanziellen Faustrecht unterworfen werden sollen. Jeder kann also Ausgesetztsein verstehen.

Woher kommt dann der irre Wunsch, dass jeder Mensch nur eine wirtschaftlich berechenbare Leistung darstellen soll und sonst nichts; wer hat diesen Leuten warum eingeimpft, dass es keine Daseinsformen gibt ausser der des Kunden und der des Verkäufers? (Rhetorische Frage, du merkst.) Warum sind Steuern plötzlich Raub und die regellose, irre Verschwendung der Lebensgrundlage von hunderttausenden Arten ein verdammtes Recht unserer ohnehin privilegierten Kultur?

Können sich diese Leute nicht vorstellen, dass sie irgendwann auch einmal schwach sein und Schutz benötigen werden? Es ist seltsam, wie auch Frauen begeistert dabei sind, wenn es gegen die SRG oder gegen sozial Schwache geht, sind doch Frauen überall benachteiligt und die wenigsten ihrer Männer dazu in der Lage, sie davor zu schützen.

All diese Verdrängung kann nur den Hass auf den eigenen Ursprung in Blut und Schmerz zur Ursache haben, und die Enttäuschung darüber, dass man diesen Planeten allzu bald in Blut und Schmerz wieder verlassen wird, allein und im Dunkeln.

Wer mit dieser einzig sicheren Tatsache nicht umgehen kann, wird natürlicherweise jedes Gemeinwesen zerstören wollen, das dem Zweck dient, „fremden“ Menschen das Leben zu erleichtern/zu ermöglichen. Wer mit dieser einzig sicheren Tatsache nicht umgehen kann, ist Stimmvieh für die gierigen Verfechter des Nachtwächterstaates.

Jeder Ansatz eines – natürlich immer möglichen – Missbrauches wird aus dieser Sichtweise zum zwingenden Grund für totalen Rückbau. Jedes Anzeichen dafür, dass jemand aus dem Gemeinschaftlichen Trost oder gar Sinn bezieht, erfüllt den Libertären mit Abscheu. Er will nur auf seine Fahne stolz sein, und nicht darauf, dass er in einem erfolgreichen Gemeinwesen zu vielen gelingenden Leben beitragen kann; denn der Fahnenstolz kostet nichts. Die Wirkung des eigenen Beitrages ans Gemeinwesen dagegen ist nicht messbar, weil nicht fassbar – man nennt das Leben in einem funktionierenden Gemeinwesen übrigens Glück, aber davon «hat niemand gefressen.»

Also, ich erwarte keine Fairness, aber zumindest die Bestrebung, alle nach der Verfassung leben zu lassen, die den Erfolg eines Gemeinwesens daran misst, wie gut es dessen schwächsten Mitgliedern geht. Oder diesen Scheiss mit der Demokratie ehrlicherweise ganz abzuschaffen. Man würde dafür viele Stimmen bekommen. Denen, die nicht mal abstimmen würden, wäre es so egal wie der Tod eines Pelzkragenhundes in Sibirien.

Wir wären dann so ein bisschen Hongkong-au-Lac. Werden wir mittelfristig eh sein. Aber eine Schweiz, auf die man „stolz“ sein kann, wird es dann nicht mehr geben.

Libertarismus ist antidemokratisch.

Ich möchte weiterhin eine Schweiz gemäss ihrer Verfassung. Hoffentlich behält die Bewegung gegen die zunehmende Wut vieler auf das Gemeinwesen die Oberhand; der Ursprung dieser Wut liegt wohl im Nichtwahrhabenwollen bevorstehender Änderungen hinsichtlich Jobs, globaler Machtverhältnisse und Umwelt. Ungewissheit macht bitter.

Aber sich deswegen Christian Constantin zum Vorbild zu nehmen, ist mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht zielführend.

Das nächste Jahr wird ein weiteres Entscheidendes in dieser endlosen Schlacht bergaufwärts mit Gegenlicht.

Aber immerhin: es gibt Licht.

Written by hghildebrandt

16. Februar 2018 um 1:29 pm

Veröffentlicht in im Vorbeigehen

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