Mindestens haltbar bis siehe Ende.

Texte von Hans Georg Hildebrandt, mehr oder weniger aktuell.

Die Aufklärung wäre das radikalste Projekt – aber zu radikal für die meisten

leave a comment »

Der Döpfner-Text über die «Radikalisierung der Mitte» aus der Hamburger «Welt» wurde in meinem Feed sehr oft geteilt. Er schien mir gut geschrieben, aber unfertig in der Schlussfolgerung und löste in mir ein paar unsortierte Gedanken aus. Ausdrücklich kein Must-Read hier.

Die Aufklärung war mal ein radikales Projekt – das radikalste überhaupt. Wir haben es allerdings versäumt, ihre Prinzipien in unserem Alltag zu verwirklichen. Das Preisschild hängt noch an unseren oft beschworenen Werten – wir sind damit aus dem Laden gelaufen, ohne zu bezahlen. Nicht bösen Willens, sondern unter Nutzung der Freiheit zum Bösesein, die die Aufklärung selbst uns verliehen hat.

Der Wahnsinn wohnt in der Versuchsanlage

Die Toten von Beirut, Paris und all den zukünftigen Schreckensorten fielen und fallen einerseits als unfreiwillige Soldaten für die tollen Aspekte dieser Idee. Wer im Terror stirbt, ist jedoch nicht nur Opfer eines verrückten Moslems, sondern auch ein Opfer des Wahnsinns, der unserer Versuchsanlage ebenfalls eingeschrieben ist.

Denn wir befinden uns in einer Zwickmühle der Sachzwänge, welche von den Mechanismen des Kapitals geschaffen wurden. Es sieht den einzelnen Bürger ausschliesslich als buchhalterische Position und gibt ihn notfalls gerne einfach dran. Diese Mechanismen sind absichtslos und nicht böse, ausserdem zugelassen durch die Aufklärung selbst, die ja keinen Gott hat, der das Gute zwingend einfordern kann. Klammer auf: Man sollte aber schon dran denken, dass immer jemand Geld verdient, wenn ein westliches Land beschliesst, irgendwo im Osten Bomben auf Leute zu werfen. Leider hat die Aufklärung ebenso wenig einen Gott wie das Kapital einen Kopf hat, den man abschlagen könnte. Das Kapital ist darin IS oder DAESH auf eine unheimliche Weise verwandt. Klammer zu.

Wenn der Terror unsere Länder nun in rechtsnational gelenkte High-Tech-Knäste verwandelt, kommt das daher, dass der Gürtel aus Diktaturen, der unser Gauklerparadies bisher schützte, nicht mehr existiert. Deshalb wird es bald einen Konsens darüber geben, dass wir die Diktaturen nun bei uns errichten müssen. Das ist traurig und zynisch, aber folgerichtig. Denn wir werden kaum unsere Söhne in die Wüste schicken, um gegen verrückte Bärte zu kämpfen, die nicht mal Angst vor dem Tod haben.

Du bist dem System egal, leb damit

Wer dagegen die «radikale Mitte» sucht, um die Diktatur bei uns zu verhindern, sollte es auf die stoische Art sehen: Das System ist nicht böse, ich bin ihm nur egal. Versuche ich halt, damit klar zu kommen. Die Schlussfolgerung des Aufgeklärten muss dann sein: Gerade weil das System uns gegenüber indifferent ist, geben wir nicht dem unaufgeklärten Mob nach, der in seinem stumpfen Bedürfnis nach «Sicherheit» opfern möchte, wofür vor und nach der Revolution in Paris die Erfinder und Verfechter der Menschenrechte ihr Blut vergossen. Égalité: Gleichheit für alle ist ein Ziel, für das jede Tochter und jeder Sohn einer Mutter stehen kann. Als einzelne Spieler sind wir dabei nicht wichtig. Als Verfechter der übergeordneten Idee der Aufklärung ist jeder wichtig. Der unaufgeklärte Mob wird dagegen immer vor der Einsicht in die Sinnlosigkeit seines Daseins fliehen wollen.

Als aufgeklärter Citoyen naturgemäss in der Minderheit (danke, Robert Menasse), kann ich nur zusehen, wie sich die Geschichte weiter entfaltet. Vermutlich ist es ein autonomer Versuch der Versuchsanlage, die überbordende Ungleichheit zwischen Arm und Reich auszugleichen.

Töpfers «Radikale Mitte» bedeutet weitergedacht, ohne jegliche Absicherung daran zu glauben, dass die französische Revolution und die von ihr verfochtenen Werte irgendwann obsiegen. Das kann noch dauern: Ein Leben hat in unserem System doch nur in den letzten rund 150 Jahren wirklich etwas gezählt. Davor war 100 Jahre Kampf dafür. Und noch länger davor war Düsternis und Willkür. Die Reformation des bescheuerten Christentums ist erst einige Generationen her. Unser Gott starb erst vor etwas über 100 Jahren.

Wenn wir jetzt Angst haben, für unsere Gottlosigkeit zu sterben, werden unsere Werte aber niemals obsiegen. Und guess what: Wir habens dann auch nicht besser verdient. Wenn Werte nur Worte bleiben, ist das Leben, wie wir es führen, nur bequemer, aber nicht besser als das irgendeines Selbstmordattentäters.

«Radikale Mitte» bedeutet, jederzeit bereit zu sein, bei einer Flasche Wein oder an einem Rockkonzert zu sterben. Sie können uns nicht alle töten. Wer weiss, wenn wir aufhören, auf Facebook und Twitter zu jammern (und zu «beten», obwohl die Kirchen leer sind), werden sie uns vielleicht in Ruhe lassen. Keine Garantie. Also: Wir müssen offen bleiben, dem Wunsch nach Diktatur widerstehen, vielleicht sterben. Angst haben, aber nicht vor dem Tod, sondern vor dem Ende der Aufklärung.

Advertisements

Written by hghildebrandt

16. November 2015 um 11:17 am

Veröffentlicht in im Vorbeigehen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: