Mindestens haltbar bis siehe Ende.

Texte von Hans Georg Hildebrandt, mehr oder weniger aktuell.

Archive for Oktober 2014

Ecopop – Kamikaze-Wirtschaftspolitik von unten

with one comment

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Ein paar liberale Gedanken, niedergeschrieben, damit ich von niemandem ein Schulterzucken bekomme, wenn ich frage, ob er oder sie abgestimmt hat. Offenbar wird die Ecopop-Initiative von vielen potenziellen Ja-Stimmern als Gelegenheit für eine Retourkutsche zuhanden der Wirtschaft verstanden; man kann den Patrons und den Gestopften eins reinbrennen im Sinn von «ihr kassiert seit Jahren in ganz grossem Stil ab und wir fechten alljährlich einzeln um ein Prozent mehr Salär – wenn die Initiative angenommen wird, könnt ihr sehen wo ihr bleibt, für uns kommts eh nicht drauf an.» Man kann das so manchem Kommentar unter den Stories zum Thema entnehmen. (Neben dem üblichen «Das Volk ist der Chef»-Geschwätz und der von der bösen Elite «verschleppten MEI-Umsetzung».) Jeder, der sich irgendwie benachteiligt fühlt, haut drauf. Will ein funktionierendes Modell abschaffen. Und die (im Fall eines Ja) verlierende Minderheit, die sich von offenen Grenzen abhängig sieht, vor vollendete Tatsachen stellen, nämlich eine «Gated Community». Gartenzwerge für uns, Stacheldraht für die anderen.

Man fühlt sich noch bald mal unterprivilegiert hier

Natürlich gibt es in der Schweizer Gesellschaft einen Anteil Leute, die nur zu einem kleinen Anteil am enormen Wohlstand teilhaben, den die besitzende Klasse so kreiert hat über die kriegslosen Jahrhunderte. Und diese Leute mit wenig Besitz und Potenzial werden offenbar zahlreicher – sei es, weil sie gar nichts haben und eh längst sauer sind, oder weil sie ein bisschen haben und dieses bisschen ihnen im Vergleich zu den rasch reicher werdenden Reichen auch kärglich vorkommt. Diesen Unterprivilegierten bleibt oft nicht viel übrig, als die Zugehörigkeit zur Schweizer Nation. Darauf sind sie dann desto stolzer. Allerdings nicht gemeinsam, sondern einzeln.Und der einsame Stolz scheint in solchen Menschen den Wunsch zu wecken, dem Rest der Welt im Kollektiv der Vereinzelten den Rücken zuzudrehen. Aufgrund des eigenartigen Konstruktionsprinzips unseres Staates dürfen wir also darüber abstimmen, ob diese Leute uns vorschreiben sollen, bei sowas mitzutun. Ironisch: All diese Leute hätten gemeinsam durchaus die Möglichkeit, die Schweiz sozialer zu machen, doch es wird ihnen seit dem ersten Weltkrieg eingeredet, dass es niemals funktionieren kann – weil die Schweiz dann verarmen würde! Genau wie es im Fall von Ecopop-Ja passieren wird. Man kann sich offenbar nicht zusammen für etwas einsetzen, aber ganz gut gemeinsam hassen und neidisch sein. Die Schweizer Mentalität – ein Tal gegen das andere – drückt immer noch durch.

Neid und Satire

Die Unterprivilegierten finden jeden verdächtig, der neu an den Tisch kommt – und es kommen viele, denn Wohlstand hat eine mächtige Anziehungskraft. Ganz egal, ob du etwas gut kannst und dafür gut entlöhnt werden willst, oder ob du einfach nichts hast und deine Familie retten willst. Und für die Schweizer Unterprivilegierten sind auf jeden Fall immer diese anderen an allem schuld. Es ist ein bisschen wie beim «Islamischen Staat», dessen mobiltelefonierende Youtuber ihre Mordlust als Rebellion gegen den Kapitalismus interpretieren. Auch Ecopop ist eine aus dem Ruder gelaufene Neid-Satire. (Kleine Frage am Rand: Wohin überweist eigentlich Google die Revenues von den ganzen Foltervideos? Hat IS einen Chief of Digital Revenue?)

Klar kann man das verstehen

Ich kann die Verbitterung der potenziellen Ecopop-Befürworter nachvollziehen. Man wird als Stimmbürger und Bewohner eines Landes nicht gerne daran erinnert, dass man nur Humus ist für ein Profitmodell: «Wir holen Leute ins Land, um für die im Jahr zuvor ins Land geholten Leute Wohnungen, Lidl-Filialen und Strassen/Glasfaserleitungen zu bauen. Mehr Leute = mehr Umsatz = mehr Gewinn, für uns stimmt die Rechnung.» Es ist eine verständliche Reaktion, dass man angesichts solcher Erkenntnis halt das allerletzte Häuschen im Grünen für sich selbst sichern will; die Putz- und Logistikbrigaden ohne Stimmrecht möchten bittschön in Massenmenschenhaltung entlang der Autobahn und in den ausfransenden Agglomerationen wohnen und dürfen sich nur erneuerungsvermehren, aber nicht zahlreicher werden. Wenn oben nur abkassiert wird und unten der Druck (= «Dichtestress», eigentlich aber Konkurrenz bei sich verknappendem Angebot an vernünftig entschädigter Arbeit) ständig erhöht wird, dann sind solche Emotionen erklärbar.

Die Saat der Zwietracht ist aufgegangen

Dass Ecopop aber ein so grosses Thema werden konnte, ist eine Auswirkung der Polarisierung zwischen den bevormundenden Grünen und einer grossen Anzahl neu mobilisierter Rechtswähler, die alles Gemeinschaftliche und Empathische leidenschaftlich hassen, weil sie sich zu kurz gekommen fühlen. Ich kreide die Polarisierung im Land der Rechten an; sie will nicht einsehen, dass es keine simplen Rezepte gibt, kann aber der Verlockung nicht widerstehen, sie trotzdem als erhältlich und durchführbar anzupreisen und damit bisher unpolitische Massen hinter sich zu sammeln (wenns nicht klappt, einfach die «Classe Politique» verantwortlich machen, und die eigene Zugehörigkeit zu derselben in Abrede stellen, «das Volk ist der Chef»). Und der Hass der Habenichtse wird weiter angestachelt bis zur Verblendung. Man hasst die Ämter und die Beamten, man hasst die Sozialschmarotzer und die Gutmenschen und die Lehrer, man hasst die Asylanten und wenn man nicht grad hasst, weint man, dass man weniger hat als die reichen Schweizer und die noch viel reicheren Einwanderer in ihren Protzvillen.

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Jetzt hat die SVP Angst vor den eigenen Wählern

Wenn sogar dieser zwietrachtsäenden Rechten nun eine Initiative zu bescheuert wird und sie ihrem Gefolge die Machbarkeit und die Annahme von Ecopop nicht mehr ausreden kann, dann ist das zwar lustig, aber die Rechnung dafür werden alle bezahlen müssen. Und wer «ja» stimmt, gehört zu einer sonderbaren Schnittmenge von authentischen Fremdenfeinden und verblendeten Fans einer Schweiz wie aus den Filmen von Franz Schnyder. Werdet ernsthaft, diese Ausschluss-Initiative sorgt nicht für den Bau von weniger Strassen oder wüsten Logistikhallen; höchstens dafür, dass es in dreissig Jahren hier niemanden gibt, der unsere verlotterten Körper zu Tode pflegen. Wir sind dann eine Art alpines Ungarn, beherrscht von einem vernagelten, frauen- und fremdenfeindlichen Bürokratiewesen und ohne den Trost offener Grenzen bei hohen Salären. Auf den Autobahnen wird es keinen Stau mehr geben, weil niemand mehr irgendwohin wird fahren müssen, um Geld zu verdienen.

Man hätte früher mehr verteilen sollen

Memo an die Patrons und ihre Lobbyisten in der Wandelhalle: Wenn ein grosser Teil des Stimmvolkes (Rentner, eingebürgerte Secondos, Normalos mit Träumen vom eigenen Hüsli und bereits geknechtete Hypothekarschuldner) lieber die Wirtschaft an die Wand fährt, als weiter mit so viel Druck zu leben, dann wurde an den entscheidenden Stellen möglicherweise etwas falsch gemacht. Sollten wirklich über 50 Prozent glauben, sie hätten zuwenig vom Kuchen: Vielleicht hätte man jeweils lieber im Herbst eine grosszügigere Lohnrunde gefahren? Vielleicht wäre man dann nur das fünftreichste Land der Welt und das sechst-wettbewerbsfähigste. Aber innerhalb des Landes würde weniger Hass grassieren. Weil jene, die nicht so viel haben, nicht das Gefühl hätten, dass neu hinzukommende Leute ihnen von dem wenigen, das sie bekommen oder haben, noch etwas wegnehmen. Na ja, und es würden auch nicht so viele neu hinzukommen. Aber das wäre natürlich am oberen Ende viel weniger profitabel. Das Establishment fürchtet sich zu recht vor Ecopop.

Es gibt keine Alternative

Ich aber auch. Es kann zu nichts Gutem führen, die Grenzen dicht zu machen und zu glauben, dass unsere Schoggi und Uhren uns retten werden. Im Moment haben wir einfach keine andere Wahl als weiter wie bisher zu wursteln. Und mit einem Nein zu Ecopop klar zu machen, dass wir unserem Anteil am Ganzen Sorge tragen wollen. Klar zu machen, dass hier nicht über fünfzig Prozent Wahlbürger leben, die mit Hass auf jede Veränderung und jede Offenheit starren. Dein Ecopop-Stimmzettel ist kein Transportmittel für «nicht ernst genommene Ängste». Wenn sie durchkommt, wird es richtige Probleme geben. Also geh abstimmen, bitte. Die Schweiz ist vielleicht eine Fluchtburg voller verängstigter Vergangenheitsfetischisten, aber sie sind nicht in der Mehrzahl. Und einfach um das klar zu machen, musst du deinen Zettel ausfüllen. Und abgeben. Bitte.

Written by hghildebrandt

24. Oktober 2014 at 7:54 am

Veröffentlicht in im Vorbeigehen