Mindestens haltbar bis siehe Ende.

Texte von Hans Georg Hildebrandt, mehr oder weniger aktuell.

Mannsein und andere Überlieferungen

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Eine Kolumne, verfasst für das Format «Vaterland» in «Wir Eltern» 2011 (leicht ediert)

Im Sommer 2010 ging ich mit meinem damals neunjährigen Sohn ans Feldschiessen, das «grösste Schützenfest der Welt». Allährlich pilgern Sportschützen, Armeeangehörige und Ausgediente in die Schützenhäuser der Schweiz, um 18 Schuss auf B-Scheiben (siehe oben) abzufeuern, Entfernung 300 Meter, Punktemaximum 72, keine Probeschüsse. Ich schoss mit dem Gewehr eines Freundes, meine Waffe habe ich abgegeben, als ich wegen Asthma ausgemustert wurde.

Gemäss Reglement hat das Feldschiessen «den Charakter einer vaterländischen Kundgebung». Ich verschoss (52 Punkte), schob die Schuld aufs Gewehr und genoss die Stimmung: Frühsommerliche Hitze, Festbänke, Pulverdampf und die Fachsimpelei suburbaner Subarufahrer in der Luft. Es gab Wurst und Bier, vermutlich war jeder zweite Mann herzinfarktgefährdet.

Nein, ich fand nicht, dass sie oder die Jungs vom Schützenverein mit Schweizerkreuz-Aufnähern auf Faserpelzjacken gute Vorbilder für meinen Sohn abgaben. Aber mir war wichtig, mit ihm zu erleben, wie laut ein Gewehr knallt, wie intensiv das Pulver riecht, und wie heiss eine Patrone ist, wenn sie aus dem Verschluss fliegt (autsch!-heiss). Die «vaterländische Kundgebung» nahmen wir ebenfalls mit; Faserpelzbuben gehören zur Schweiz wie die Migros mit Frau Vukovic an der Kasse, die Steuererklärung, das Vrenelisgärtli.

Bei der Heimfahrt ging mir durch den Kopf, dass ich auf meinen Sohn wirken muss wie mein Vater auf mich, als ich klein war, schmal und ein Kopfmensch wie mein Sohn heute. Auch ich sah öfters nicht ein, weshalb man durch jenes Museum ging zum Bildergucken, an diesen See zum Fischen, an jenen Stand zum Schiessen (irgendwoher hab’ ich es ja). Mein Vater kam mir vor wie von einer anderen Art, so breit, in sich gekehrt, mit Falten um die Augen, über deren Entstehung man mit neun nichts weiss.

Der Gedanke, als Vater wie mein Vater geworden zu sein, fühlt sich zwiespältig an, weil ich als Junge nicht verstand, wie jemand kurz angebunden oder rechthaberisch sein kann und gleichzeitig warmherzig und beschützend. Ich musste selbst so werden, um es zu verstehen; die unerkundeten Kontinente meiner Fantasie durch das profane GPS der Erfahrung ersetzen.

Ich sehe mich als Vorbild meines Sohnes, finde es aber in Ordnung, auch mal unzugänglich zu wirken; bin halt ein Mann und es scheint mir normal, seine Emotionen im Zaum zu halten. Bis mein Sohn selbst ein Mann ist, wird sich daran nicht so viel geändert haben. In der Familie von heute und hoffentlich morgen geht es um Ausgleich der Interessen und der Machtverhältnisse. Dass sich über diesen Verhandlungen die Geschlechteridentitäten angleichen, scheint mir keine gute Idee, weil das zu Überdruss führt. Das Zusammenleben von Mann und Frau in einer Familie mit Kindern sollte auch in einer Zeit des Ausgleichs etwas Rätselhaftes haben, sogar etwas Abgründiges, denn der Eros ist eine Naturgewalt und eine Paarbeziehung kein Gumpizimmer.

Werde ich ein guter Vater gewesen sein? Der Versuch ist wie das Feldschiessen: Man hat keine Probeschüsse, man trifft auch mal daneben und nur wenige werden ausgezeichnet. Egal: Dabei zu sein, ist grossartig. Das sollte aber unter uns bleiben.

Nachtrag: Über die Schützenhäuser in den Schweizer Land- und Agglomerationsdörfern hat der Fotograf Stefan Baur eine schöne Fotoarbeit produziert. Mein Abschnitt über die Melancholie dieser Gebäude fiel leider dem Platzmangel in «Wir Eltern» zum Opfer, wird aber bei Gelegenheit in einen längeren Text eingebaut nachgereicht.

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Written by hghildebrandt

12. April 2012 um 7:41 am

Veröffentlicht in im Vorbeigehen

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