Mindestens haltbar bis siehe Ende.

Texte von Hans Georg Hildebrandt, mehr oder weniger aktuell.

Archive for April 2012

Mannsein und andere Überlieferungen

leave a comment »

.

Eine Kolumne, verfasst für das Format «Vaterland» in «Wir Eltern» 2011 (leicht ediert)

Im Sommer 2010 ging ich mit meinem damals neunjährigen Sohn ans Feldschiessen, das «grösste Schützenfest der Welt». Allährlich pilgern Sportschützen, Armeeangehörige und Ausgediente in die Schützenhäuser der Schweiz, um 18 Schuss auf B-Scheiben (siehe oben) abzufeuern, Entfernung 300 Meter, Punktemaximum 72, keine Probeschüsse. Ich schoss mit dem Gewehr eines Freundes, meine Waffe habe ich abgegeben, als ich wegen Asthma ausgemustert wurde.

Gemäss Reglement hat das Feldschiessen «den Charakter einer vaterländischen Kundgebung». Ich verschoss (52 Punkte), schob die Schuld aufs Gewehr und genoss die Stimmung: Frühsommerliche Hitze, Festbänke, Pulverdampf und die Fachsimpelei suburbaner Subarufahrer in der Luft. Es gab Wurst und Bier, vermutlich war jeder zweite Mann herzinfarktgefährdet.

Nein, ich fand nicht, dass sie oder die Jungs vom Schützenverein mit Schweizerkreuz-Aufnähern auf Faserpelzjacken gute Vorbilder für meinen Sohn abgaben. Aber mir war wichtig, mit ihm zu erleben, wie laut ein Gewehr knallt, wie intensiv das Pulver riecht, und wie heiss eine Patrone ist, wenn sie aus dem Verschluss fliegt (autsch!-heiss). Die «vaterländische Kundgebung» nahmen wir ebenfalls mit; Faserpelzbuben gehören zur Schweiz wie die Migros mit Frau Vukovic an der Kasse, die Steuererklärung, das Vrenelisgärtli.

Bei der Heimfahrt ging mir durch den Kopf, dass ich auf meinen Sohn wirken muss wie mein Vater auf mich, als ich klein war, schmal und ein Kopfmensch wie mein Sohn heute. Auch ich sah öfters nicht ein, weshalb man durch jenes Museum ging zum Bildergucken, an diesen See zum Fischen, an jenen Stand zum Schiessen (irgendwoher hab’ ich es ja). Mein Vater kam mir vor wie von einer anderen Art, so breit, in sich gekehrt, mit Falten um die Augen, über deren Entstehung man mit neun nichts weiss.

Der Gedanke, als Vater wie mein Vater geworden zu sein, fühlt sich zwiespältig an, weil ich als Junge nicht verstand, wie jemand kurz angebunden oder rechthaberisch sein kann und gleichzeitig warmherzig und beschützend. Ich musste selbst so werden, um es zu verstehen; die unerkundeten Kontinente meiner Fantasie durch das profane GPS der Erfahrung ersetzen.

Ich sehe mich als Vorbild meines Sohnes, finde es aber in Ordnung, auch mal unzugänglich zu wirken; bin halt ein Mann und es scheint mir normal, seine Emotionen im Zaum zu halten. Bis mein Sohn selbst ein Mann ist, wird sich daran nicht so viel geändert haben. In der Familie von heute und hoffentlich morgen geht es um Ausgleich der Interessen und der Machtverhältnisse. Dass sich über diesen Verhandlungen die Geschlechteridentitäten angleichen, scheint mir keine gute Idee, weil das zu Überdruss führt. Das Zusammenleben von Mann und Frau in einer Familie mit Kindern sollte auch in einer Zeit des Ausgleichs etwas Rätselhaftes haben, sogar etwas Abgründiges, denn der Eros ist eine Naturgewalt und eine Paarbeziehung kein Gumpizimmer.

Werde ich ein guter Vater gewesen sein? Der Versuch ist wie das Feldschiessen: Man hat keine Probeschüsse, man trifft auch mal daneben und nur wenige werden ausgezeichnet. Egal: Dabei zu sein, ist grossartig. Das sollte aber unter uns bleiben.

Nachtrag: Über die Schützenhäuser in den Schweizer Land- und Agglomerationsdörfern hat der Fotograf Stefan Baur eine schöne Fotoarbeit produziert. Mein Abschnitt über die Melancholie dieser Gebäude fiel leider dem Platzmangel in «Wir Eltern» zum Opfer, wird aber bei Gelegenheit in einen längeren Text eingebaut nachgereicht.

Advertisements

Written by hghildebrandt

12. April 2012 at 7:41 am

Veröffentlicht in im Vorbeigehen

Tanzen zu Architektur? Toi, Toi, Toi!

leave a comment »

Ein oberflächlich satirisch angenebeltes Referat, gehalten zur Eröffnung des
Architekturbüros Mozzatti Schlumpf im Oktober 2010

Frank Zappa hat gesagt: Schreiben über Musik ist wie Tanzen zu Architektur. Ich habe den schönen Job gefasst, noch etwas Schwereres zu tun, als Sie zu Architektur zum Tanzen zu bringen – ich soll Sie wenn möglich darüber zum Lachen bringen.
Manche Architektur bringt einen zum Weinen. Über diesen leider grossen, traurigen Teil der Architektur wollen wir heute Abend ganz schweigen. Man kann sogar zum Sterben eines Dignitas-Mitglieds im Endstadium schöner tanzen als zu trauriger Architektur – und der schweizerische Fachmann für Totentänze bin nicht ich, sondern ist bekanntlich Christoph Mörgeli.
A propos Mörgeli, da kommt mir in den Sinn, dass ich kürzlich bei einem neuen Friseur sass. Die Coiffeuse, zu der ich üblicherweise gehe, hatte ein Kind bekommen. Der neue Mann fragte mich, was ich so mache und meinte dann, er hätte noch einen anderen Chefredaktor als Kunden, dessen Magazin er auch nicht gekannt habe.

Bevor ich herausfinden konnte, wer das wohl sein mochte (Sex-Anzeiger? Tierwelt? Kassensturz? Neue Ideen?) schnitt mich der neue Friseur mit der Schere kräftig ins Ohr. Da wusste ich gleich, dass der gesuchte Chefredaktor Roger Köppel sein musste, der entsprechend kein Ohr für vernünftige Argumente hat, auch wenn er noch so oft in Diskussionssendungen rumsitzt.
Ich teile nicht nur den Coiffeur mit einem anderen Chefredaktor, sondern auch den Schneider mit einem berühmten Architekten, nämlich Max Dudler. Ich kann aufgrund der Indiskretion eines bestimmten Modegeschäftsinhabers aus Zürich zuverlässig sagen, dass Herr Dudler einen verdammt teuren Geschmack hat.
Etwas vom Eigenartigsten an der Mass-Schneiderei ist ja, dass man sich sein Monogramm ins Jackenfutter sticken lassen kann. Kürzlich dachte ich sogar, dass manche Leute sich jetzt ihren ganzen Namen in die Jacke schreiben lassen. Ein ziemlich beleibter Herr liess sich an meinem Tisch nieder, und wie es bei gewissen Körperformen üblich ist, gewährte seine Jacke tiefen Einblick in ihr Innenleben. Als Hobbydetektiv versuchte ich seinen Namen zu entziffern und merkte ihn mir sofort, um ihn später googeln zu können, den vorgestellt wurden wir einander nicht. Ich stutzte dann allerdings, als ich schon mein iPhone zückte und merkte, dass es keinen grossen Sinn haben würde, nach jemandem mit dem Namen „Natural Stretch“ zu suchen.
Aber immerhin, Max Dudler ist jedenfalls ein Architekt, dessen Werke man gerne sieht und der mit Max Frisch den Vornamen gemeinsam hat. Und mit mir die Anzüge, was mir ausreichend Autorität gibt, vor Ihnen über Architektur nachzudenken.
Als Architekten sind Sie in einer derzeit boomenden Branche tätig. Im Moment könnte man meinen, Bauland würden schon von sich aus immer wertvoller, man brauche nicht mal etwas darauf zu bauen. Ist aber nicht so. Es wird viel gebaut. Wenn man an Schweizer See-Ufern entlang unterwegs ist, gibt es so viele Baugespanne, dass man die Häfen mit den Segelschiffen nicht mehr vom Bauland unterscheiden kann.


Verschiedene Grossdenker haben sich seit Aristoteles schon dahingehend geäussert, dass es in der Herstellung von Architektur mehr Qualitätsbewusstsein geben muss als zum Beispiel in der Herstellung von Flip-Flops oder Touristen-T-Shirts, die einem peinlich sind, wenn man zurück von der Ferienreise den Koffer auspackt, und die sich deshalb gnädigerweise gleich in ihre Bestandteile auflösen. Denn Architektur ist etwas Öffentliches, öffentlicher als zum Beispiel Architektenwitze, die man im Internet immerhin finden kann, seien sie auch noch so schlecht.
Architektur sollte inspirierend wirken, statt traurig zu machen. Sie ist „Verpflichtet, Freude zu bereiten“, so wie die Schweizer Fussballnationalmannschaft gemäss Alex Frei in einem Interview nach dem Spiel gegen Montenegro 2010. Die Öffentlichkeit hat ein Recht auf gute Architektur, denn es wird ja ihr Gesichtsfeld, also das der Öffentlichkeit, Ihres, Ihres, meines in Anspruch genommen.
Ich wurde sehr nachdenklich, als ich kürzlich von einem Bauherrn hörte, dass er sein Richard-Neutra-Haus nicht in den Medien sehen wollte. Der Grund, ich zitiere den Mediensprecher: „Es wird Architekturtourismus befürchtet.“ Hier wird gute Architektur, die eigentlich allen gehört, kurzerhand enteignet. Manche sehr spannenden Häuser werden sogar von Google Maps getilgt, damit kein Architekturtourist mehr den Weg dorthin finden kann.
Wobei ich das nicht ganz un-okay finde, denn wer nur ein paar Geodaten in sein Navigationsgerät eingeben muss, um zum nächsten Architekturspektakel zu finden, bewegt sich für mich eher auf dem Niveau eines Schnitzeljägers denn auf jenem eines Menschen, der in Architekturerlebnissen nach Inspiration und Verbesserung seiner Wahrnehmung sucht.

Etwas allerdings ist an der Architektur in der letzten Zeit viel besser geworden: Die Bauarbeiter haben mobile Toiletten bekommen. Eine Mobiltoilette gehört heute zu einer Baustelle wie ein Paar Gummistiefel in den Kofferraum des Architekten!
Sie erinnern sich bestimmt an die Vergangenheit: Das berühmte Bild von Max Frisch und Bertolt Brecht auf der Baustelle: damals trug der Architekt keine Gummistiefel, sondern Veloklammern und ein soziales Gewissen zur Schau.
Die Frage, wohin sich die Bauarbeiter vor der Einführung der knallblauen Bioreaktor-Mobiltoilette erleichtert haben, gibt dem Begriff „Bausubstanz“ jedenfalls eine ganz neue Tiefenschärfe. Ich sähe gern eine Untersuchung der ETH über die objektive Verbesserung der Arbeitsbedingungen auf den Baustellen durch die Allgegenwart mobiler Toiletten.
Und einen allfälligen Einfluss dieser Verbesserung auf die Qualität der Architektur.
Heute sieht es ein bisschen aus, als würde es reichen, den Arbeitern mobile Toiletten von Toyloy zur Verfügung zu stellen und schon kriegt man ein Super-Gebäude.
Entschuldigung. Toyloy hiess die Miss Schweiz 2008 und ToiToi heissen die mobilen Klos.
Auf der Webseite des Unternehmens wird diese Kabine übrigens als „Design-Klassiker unter den Mobilen Toiletten“ angepriesen. Vielleicht werden am Zürcher Escher-Wyss-Platz solche Design-Klassiker aufgestellt, nachdem kürzlich ein goldenes WC auf Abstimmungsplakaten dafür sorgte, dass ein Kunstprojekt von den Stimmbürgern kurzerhand gespült wurde. Christoph Mörgeli würde das sicher freuen!
Wie auch immer – ich muss zum Schluss kommen.
Unter den Architekten gibt es meines Wissens keine Tabus, wenn man sich zu einer Premiere Glück wünscht. Sie wissen ja, unter Schauspielern wünscht man sich nicht Glück, sondern „Hals- und Beinbruch“.
Weil wir aber hier nicht unter Schauspielern, sondern unter Baumeistern sind, und Sie ganz sicher zur Verbesserung der Architektur jenseits des Aufstellens von Designklassikern beitragen möchten, wünsche ich Ihnen zu Ihrer Firmenlancierung Toi Toi Toi!
Für ein erfolgreiches Herstellen von Architektur, die mich, ihre Bewohner und Sie selbst zum Tanzen bringt! Und zwar am liebsten jetzt gleich.

Das Bild stammt von Helene Weigel und ist im Buch «Jetzt: Max Frisch» (Suhrkamp) abgedruckt.

Written by hghildebrandt

11. April 2012 at 11:48 am

Veröffentlicht in aus dem Archiv, im Vorbeigehen