Mindestens haltbar bis siehe Ende.

Texte von Hans Georg Hildebrandt, mehr oder weniger aktuell.

Wie Dieter Bohlen kochen würde

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Eine Polemik zum Kochstil von Jamie Oliver, erschienen in der SonntagsZeitung 2003. 

Salat aus Birnen, Rucola und Brunnenkresse mit Parmesan – er nennt ihn «Parmo»: Das ist ein typisches Rezept von Jamie Oliver, dem britischen Fernsehkoch, der seit Jahren in seinem Heimatland erfolgreich ist und seit neustem auf ORF 1 die Olivenölflasche schwingt.
Mit nichts im Schulsack als einigen Jahren Tätigkeit in Londoner Lokalen wie dem Neal Street Restaurant unter Antonio Carluccio oder im River Café wurde Oliver zu einem der grössten Profiteure vom andauernden Boom der Kochsendungen auf allen Fernsehkanälen.
Die Freude darüber ist nicht überall gleich gross. Und das nicht erst, seit man am britischen Institute for Environmental Health festhielt: «Jamie Oliver sprüht Speichel über die Speisen und steckt die Finger in den Risotto, nachdem er sie abgeleckt hat.» Jamie Oliver geht manchen Leuten richtig auf die Nerven. Zum Beispiel einem britischen Webforum-Autor, der dem Koch die schlimmste aller Anbiederungen nachweist, nämlich die an die «Working Class» oder Arbeiterschicht. «Es ist nur Stil und keine Substanz hinter seinem imitierten Cockney-Slang», schreibt Andrew Feathers in 3ammagazine.com. «Ich hasse Jamie Oliver und alles, wofür er steht.»

Da gibt es eine Menge zu hassen. Zum Beispiel steht Jamie Oliver für die wahllose Weiterempfehlung irgendwelcher Musik und Kleider, die ihm von einschlägigen Anbietern geschenkt worden sind, wobei er diese Promotion noch als kumpelhaft dargebotene Stilberatung camoufliert.

Das Schlimmste an Jamie Oliver ist aber seine Küche und der Erfolg, den sie bei Hobbyköchen auch hier zu Lande in wachsendem Ausmass geniesst. Denn Jamie Oliver preist in seinen Sendungen und Büchern Gerichte an, die auf Zufallsbasis zusammengestoppelt sind und bei denen kaum je der reine Geschmack eines Produkts im Vordergrund steht.

Es wirft ein schlechtes Licht auf Kontinentaleuropas Küche, wenn ein Engländer sich an seinen Herden breit macht, der sich einzig dadurch auszeichnet, dass er «die Hände immer voller Kräuter und stets eine Flasche Olivenöl Extra Vergine zur Hand hat», wie ein Buchbesprecher den schwatzenden Dampfkochtopf lobte.

Klar: In England findet man es lustig, wenn einer pro Sendung sechsmal die lustige Wortkombination «extra virgin» in den Mund nimmt und sich in Sauglattismus ergeht, wie einen Lachs für die Zubereitung im Ofen in Zeitungspapier einzuwickeln. Aber die Schweiz wohnt Tür an Tür mit der gesündesten und simpelsten Küche der Welt, nämlich der italienischen. Genau jener Küche, die von Jamie Oliver pausenlos geplündert und auf schludrige Weise den Kochgewohnheiten überarbeiteter und vereinsamter Endzwanziger angepasst wird.

Im Sinn einer Verteidigung unseres guten Verhältnisses zu Italiens Herden sollte man der Oliver-Küche das Vertrauen entziehen: Wir haben sie nicht nötig. Wer je mit etwas Ambition am Herd stand und für seine Freunde kochte, wird Gram empfinden, wenn er im Gegenzug zu einem Menü aus Jamie Olivers Holzhammerkombüse eingeladen wird: Was der Brite während seiner schnoddrig präsentierten Kochereien zubereitet und in den Ofen schiebt, sieht vielleicht halbwegs lecker aus. Die Realität ist aber kein Ort, an dem gleich um die Ecke ein Food-Stylist zur Verfügung steht, um etwas wie den eingangs erwähnten Birnensalat schön anzurichten.

So wirkt die Oliver-Küche schmuddlig und schmeckt Leuten, die von der hiesigen Küche verwöhnt sind, kaum so gut wie dem Vorrat an Freundeskreis-Darstellern, die in den Kochsendungen jeweils Olivers Kreationen verspeisen und eine aufgeräumte Dinnerparty simulieren müssen. Viele Anhänger von Jamie Olivers Küche führen an, dass er immerhin «Spass am Kochen» verbreite. Aber Kochspass ist kein Selbstzweck, und den Speisen nicht ihren Geschmack zu lassen, keine moderne Küche.

Überhaupt nicht mehr zu trauen ist Jamie Oliver, seit der «Naked Chef» seine neuste Sendung lanciert hat: Dafür eröffnete er in London ein Restaurant namens «15», wo er fünfzehn Jugendliche aus minderprivilegierten Kreisen unter den Augen der Fernsehkameras zu Küchenchefs ausbildete. Die stehen jetzt für Londons Hipsters am Herd eines boomenden Lokals. Jamie Oliver entwickelte sich damit zu einem kochenden Dieter Bohlen. Und von denen reicht einer locker.
© Erschienen in der SonntagsZeitung vom 16.03.2003

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Written by hghildebrandt

4. April 2011 um 2:36 pm

Veröffentlicht in im Vorbeigehen, Kulinarik

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