Mindestens haltbar bis siehe Ende.

Texte von Hans Georg Hildebrandt, mehr oder weniger aktuell.

Eingeholt von der Vergangenheit

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Für die „Bellevue“-Seite im Tages-Anzeiger vom 11. Februar 2010 grub Autor Beat Metzler den «Nightlife Guide“ aus, den ich vor 15 Jahren verfasste. Da der grösste Teil der Story aus Quotes meiner Texte besteht (hier jetzt auch online zu lesen) hoffe ich, die Copyrights des Tagi nicht zu ritzen, wenn ich die Geschichte hier nochmals publiziere. Szene-Archäologie in full effect! Ein Telefongespräch mit meiner Person und eine oder zwei aktuelle Quotes hätten der Story aber sicher nicht geschadet. Und jetzt gehts los.

Der Lack der Coolness ist ab

Vor 15 Jahren tanzten die Zürcher im Luv, assen Krokodilfleisch und fanden die Spaghetti-Factory hip. Das zeigt der «Nightlife-Guide» aus dem Jahr 1995, den wir wieder ausgegraben haben.

Wie tief in der Vergangenheit das Jahr 1995 liegt, beweisen damalige Zigarettenwerbungen. Keine Warnhinweise verunstalteten die Päcklein. Den Werbern stand das ganze Kartonrechteck zur Verfügung, eine Freiheit, die sie mit endlosen Logovariationen auslebten.

Ähnlich wie den Zigi-Schachteln ist es dem Zürcher Nachtleben ergangen. 1995 gab es – im Unterschied zu heute – viel Platz für viele Ideen, wie der «Nightlife-Guide» aus dem Jahr 1995 zeigt. Die dünne Broschüre, die den Zürchern die Navigation durch ihre nächtliche Stadt erleichtern sollte, erzählt mehr als ein dickes Geschichtsbuch. Sie berichtet, was 15 Jahre «Aufbruch» mit einer Stadt anrichten. Und wie kurz das Verfallsdatum von Coolness ist.

1995 wirft Zürich das Joch der restriktiven Gastro-Gesetze ab. Die Verschiebung der Sperrstunde auf zwei Uhr feiert HG Hildebrandt, Journalist und Autor des «Guide», als durchschlagenden Erfolg. Denn es bestehe «das Bedürfnis für ein Leben nach Mitternacht.»

Heute nur noch gewöhnlich

Die Hochblüte der illegalen Bars nähert sich gerade ihrem Ende. Das legale Angebot kann mit der von Techno hochgeschraubten Party-Euphorie aber noch nicht mithalten. Gerade mal 12 «Partylocations» weiss der «Nightlife-Guide» aufzulisten. Zwei davon liegen in Schlieren. Die Kaserne oder die Katakombe (heute Hive) werden «nur einmal im Monat für einen Abend freigegeben». Regelmässige Veranstaltungen gibts im Dynamo, dem Kanzlei, dem X-tra (das damals noch Palais X-tra hiess und fast beim Hardturm draussen lag), der Roten Fabrik, dem Oxa, dem Roxy und dem Luv. Ein Angebot, das heutige Nachtschwärmer, die per Internet und SMS täglich neue Partyeinladungen kriegen, leer schlucken lässt. Trotzdem nannte der Autor Zürich schon damals eine «Metropole des Nachtlebens».

Erstaunlich ist, wie viele der aufgelisteten Bars und Klubs sich durch die Zeit retten konnten. Die Orte sind geblieben, gewechselt haben Publikum und Ruf. Denn nichts blättert so schnell ab wie der Lack der Coolness. Wissen zu viele Menschen davon (und verbreiten dieses Wissen in «Nightlife-Guides»), löst sie sich auf wie Rauch in einem gut durchlüfteten Fumoir. Als ausgesprochen hip galten 1995: das Babalu («Brüll- und Brabbelstimmung»), der Schlauch («stilvollster Billardsaal der Stadt»), der 2. Akt («am nächsten Tag krankmelden»), das Don Weber («Treffpunkt der Geschmacksvollen»), das Iroquois («Musik direkt von New York und viel Lokalprominenz»), die Limmatbar (hatte einen «Nagelklotz») und die Wüste («eine neue Gastro-Generation und Cyber-Gazetten»). Heute sind das gewöhnliche Orte, wo gewöhnliche Menschen gewöhnliche Getränke zu gewöhnlicher Musik trinken. Sogar das Zic-Zac und die Spaghetti-Factory bekamen das «In-Place»-Etikett geschenkt – 2010 schwer nachvollziehbar. Und ob das Kaufleuten noch heute als «ewig überlaufener Szenetempel» leuchten darf, müsste man diskutieren.

Vor 15 Jahren konzentrierte sich das Nachtleben auf das Niederdorf. Obwohl man schon damals über die Touristenströme, welche die Altstadt fluteten, jammerte, «brummte im Sommer die Rosenhof-Galaxis», und auch sonst ortet der «Guide» hier die meisten «Hot-Spots». Der Exodus in die Kreise 4 und 5 hatte gerade erst begonnen. Tonangebend im Coolness-Orchester waren 1995 die Werber. Ein Besuch der «Kreativen», die Rollkragenpullover zu langen Haaren kombinierten, sicherten jedem Lokal seinen Platz im Szenehimmel. Bestätigte das Ausgehmagazin «Forecast» (1992 bis 2006) die Wertschätzung, war der Laden jeden Abend voll. Ein weiterer Erfolgsgarant hiess «Mexicanita». Margueritas und pseudospanische Namen betrachteten die Zürcher von 1995 als ausserordentlich modern. Auch wer Krokodil- und Straussenfleisch servierte (Turm), gehörte definitiv dazu.

Prominente Gastro-Leichen

Schön einfach schien es vor 15 Jahren zu- und hergegangen zu sein. Doch man sollte nicht leichtfertig über ehemals coole Orte oder coole Menschen spotten. Mit Sicherheit wird man es 2025 total komisch finden, dass die Zürcher 2010 ein paar umgenutzte Cabarets im Kreis 4 für angesagt hielten.

Weiter wird man in 15 Jahren einige tote Lokale beklagen. Das kann man auch heute tun: Das Luv, damals «supi-hip», verschwand 1999, seine Betreiber prägen das Zürcher Nachtleben aber weiterhin. Das Dillon’s an der Almendstrasse («kollektives Unbewusstes der Popkultur») liess sich 2005 von der morbiden Musik, die dort gespielt wurde, mitreissen. Die Fröhlichkeitdes Cubanito («Arschwackelpudding-Alarm») half 2005 nichts mehr gegen die finanziellen Nöte seiner Betreiber. Heute befindet sich im gleichen Raum die Alte Börse. Weitere prominente Gastro-Leichen sind das Back-und-Brau im Steinfels-Areal, dessen Bier perfekt in die ehemalige Seifenfabrik passte, und das Gusto Mondial, eines der ersten «Szene-Lokale» im Kreis 4. Auch die Messe im Roxy, der «Kirche der wahren und ewigen Disco», ist schon lange ausgefeiert.

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Written by hghildebrandt

11. Februar 2010 um 3:47 pm

Veröffentlicht in Szene-Archäologie

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