Mindestens haltbar bis siehe Ende.

Texte von Hans Georg Hildebrandt, mehr oder weniger aktuell.

Archive for Februar 2010

Smartspiderman. Zu den Zürcher Wahlen.

with 2 comments

Nur zur Inspiration von Leuten, die hier zufällig vorbeikommen und ohne missionärrischen Ansatz: Ich habe auf http://www.smartvote.ch mein politisches Profil erstellt. Aufgrund des von mir ausgefüllten, zugegebenermassen von gegensätzlichen Wünschen geprägten Fragebogens, entstand folgende Liste von Stadträten, die ich wählen könnte – es sei denn, sie würden bis zum Wahltermin noch irgendwelchen ungeschickten Kram von sich geben. Oder sie würden wie André Odermatt beim grafischen Vergleich seines mit meinem Profil schon ergeben, dass wir das Heu bigoscht nicht auf der gleichen Bühne haben. Auch der heftige Ausschlag in Richtung „Law & Order“ beim Profil von Richard Rabelbauer legt nahe, dass sein Name nicht auf meinem Wahlzettel erscheinen wird.

Es hat mir gefallen, dass Smartvote Denise Wahlen von der GLP als Top-Empfehlung angibt, aber der ganze parawissenschaftliche Hintergrund von Frau Wahlen mag mir nicht so recht passen. Irgendwie ist also für mich nicht wirklich was bei in den kommenden vier Jahren.

Trotzdem hier meine vom Computer generierte Liste, die ich mehrheitlich ignorieren werde:

Denise Wahlen

André Odermatt (André who?)

Richard Rabelbauer (keine Stimme für einen Richard)

Martin Waser (werde ich wohl wählen, weil er eingearbeitet ist)

Urs Egger (wähle ich als Gegengewicht zum nächsten)

Daniel Leupi (war eh klar wegen Velo)

Ruth Genner (warum nicht)

Corine Mauch (faute de mieux)

Martin Vollenwyder (leutselig, volksnah, Zahlenmensch – mein genaues Gegenteil, also vertrauenswürdig)

Smartvote ist ein grossartiges Tool, besten Dank. Weitere, von gesundem Menschenverstand inspirierte Empfehlungen gibts bei www.votez.ch.

Written by hghildebrandt

20. Februar 2010 at 11:40 pm

Veröffentlicht in im Vorbeigehen

Einer der letzten Adrià-Schüler im «El Bulli» ist Schweizer

with one comment

Wie man dem Diners‘ Blog der NY Times hat entnehmen müssen, will Ferran Adrià sein „El Bulli“ (hier zu meiner Repo aus dem Jahr 2000) statt nur für die nächsten zwei Jahre (wie angekündigt) gleich ganz zumachen und anstelle des legendenumwobenen Restaurants eine Kochakademie installieren.

Ralph Schelling, ein junger Koch aus der Schweiz, hat noch im vergangenen Herbst ein Stage im „El Bulli“ absolvieren dürfen. Er ist zweifacher Finalist des Kochwettbewerbs «La Cuisine des Jeunes», der von «Schweizer Fleisch» organisiert wird, und Sieger im «Culinary Cup» 2008.

Das «Bulli» war nicht Ralphs einzige Station letztes Jahr, denn er verbrachte ganze 14 Monate auf Reisen in Spanien, lernte auch von den legendären Köchen im Baskenland und bei Heston Blumenthal im «Fat Duck». Eben hat er sich temporär von seinem Job in der Küsnachter «Kunststube» verabschiedet. Kurz: Schelling dürfte der am komplettesten ausgebildete und kreativste junge Koch sein, den die Schweiz im Moment hat. Man muss damit rechnen, in Zukunft noch viel von ihm zu hören.

Warum ich das alles erzähle: Am Sonntag 21. Februar kochte Ralph Schelling live für ein Shooting, das ich für die «Küchen»-Jahresausgabe von «IdealesHEIM» und «Atrium» produzierte. Die Story wird auch in den beiden Heften erscheinen.Es war ein klasse Sonntagnachmittag. Mehr demnächst hier und in den erwähnten Heften.

Written by hghildebrandt

15. Februar 2010 at 3:42 pm

Veröffentlicht in Kulinarik

Das Ende der Schweiz (according to Newsweek)

with one comment

Den Artikel http://www.newsweek.com/id/233207 sollte man sich nicht entgehen lassen. Liest sich wie aus «Spiegel Online» übersetzt und noch etwas zusätzliche Säure zugegossen.

Achtung, dies ist kein Medienblog. Aber sich einen Kommentar zu folgendem Satz zu verkneifen, wäre ja albern: „Today, however, Switzerland’s cities are grubby, its trains run late, its highways are always under repair, and its politicians often seem provincial.“ Welche von diesen Vorhaltungen stimmt? Ich weiss nur eine. Und dass der Verfasser von Neid getrieben ist. Man kann allerdings kaum bezweifeln, dass schlechte Presse auf Dauer schadet, auch wenn das meiste nicht stimmt oder sich auf temporäre Phänomene bezieht, die über den Horizont des Verfassers hinausgehen.

Der letzte Abschnitt ist trotz doofer Generalisierungen und abwesenden Newswerts einen Gedanken wert: „Still another myth, much touted at home and by Euro-skeptics elsewhere, has been Switzerland’s purported freedom from EU shackles.“ Da ist natürlich was dran. Die EU-Frage muss demnächst neu gestellt werden, und es wird schwierig, einen Weg an der Mitgliedschaft vorbei zu finden; wir sind als Nettozahler einfach zu sexy, wenn PIIGS mit leeren Taschen dastehen.

Written by hghildebrandt

12. Februar 2010 at 5:14 pm

Veröffentlicht in im Vorbeigehen

Eingeholt von der Vergangenheit

leave a comment »

Für die „Bellevue“-Seite im Tages-Anzeiger vom 11. Februar 2010 grub Autor Beat Metzler den «Nightlife Guide“ aus, den ich vor 15 Jahren verfasste. Da der grösste Teil der Story aus Quotes meiner Texte besteht (hier jetzt auch online zu lesen) hoffe ich, die Copyrights des Tagi nicht zu ritzen, wenn ich die Geschichte hier nochmals publiziere. Szene-Archäologie in full effect! Ein Telefongespräch mit meiner Person und eine oder zwei aktuelle Quotes hätten der Story aber sicher nicht geschadet. Und jetzt gehts los.

Der Lack der Coolness ist ab

Vor 15 Jahren tanzten die Zürcher im Luv, assen Krokodilfleisch und fanden die Spaghetti-Factory hip. Das zeigt der «Nightlife-Guide» aus dem Jahr 1995, den wir wieder ausgegraben haben.

Wie tief in der Vergangenheit das Jahr 1995 liegt, beweisen damalige Zigarettenwerbungen. Keine Warnhinweise verunstalteten die Päcklein. Den Werbern stand das ganze Kartonrechteck zur Verfügung, eine Freiheit, die sie mit endlosen Logovariationen auslebten.

Ähnlich wie den Zigi-Schachteln ist es dem Zürcher Nachtleben ergangen. 1995 gab es – im Unterschied zu heute – viel Platz für viele Ideen, wie der «Nightlife-Guide» aus dem Jahr 1995 zeigt. Die dünne Broschüre, die den Zürchern die Navigation durch ihre nächtliche Stadt erleichtern sollte, erzählt mehr als ein dickes Geschichtsbuch. Sie berichtet, was 15 Jahre «Aufbruch» mit einer Stadt anrichten. Und wie kurz das Verfallsdatum von Coolness ist.

1995 wirft Zürich das Joch der restriktiven Gastro-Gesetze ab. Die Verschiebung der Sperrstunde auf zwei Uhr feiert HG Hildebrandt, Journalist und Autor des «Guide», als durchschlagenden Erfolg. Denn es bestehe «das Bedürfnis für ein Leben nach Mitternacht.»

Heute nur noch gewöhnlich

Die Hochblüte der illegalen Bars nähert sich gerade ihrem Ende. Das legale Angebot kann mit der von Techno hochgeschraubten Party-Euphorie aber noch nicht mithalten. Gerade mal 12 «Partylocations» weiss der «Nightlife-Guide» aufzulisten. Zwei davon liegen in Schlieren. Die Kaserne oder die Katakombe (heute Hive) werden «nur einmal im Monat für einen Abend freigegeben». Regelmässige Veranstaltungen gibts im Dynamo, dem Kanzlei, dem X-tra (das damals noch Palais X-tra hiess und fast beim Hardturm draussen lag), der Roten Fabrik, dem Oxa, dem Roxy und dem Luv. Ein Angebot, das heutige Nachtschwärmer, die per Internet und SMS täglich neue Partyeinladungen kriegen, leer schlucken lässt. Trotzdem nannte der Autor Zürich schon damals eine «Metropole des Nachtlebens».

Erstaunlich ist, wie viele der aufgelisteten Bars und Klubs sich durch die Zeit retten konnten. Die Orte sind geblieben, gewechselt haben Publikum und Ruf. Denn nichts blättert so schnell ab wie der Lack der Coolness. Wissen zu viele Menschen davon (und verbreiten dieses Wissen in «Nightlife-Guides»), löst sie sich auf wie Rauch in einem gut durchlüfteten Fumoir. Als ausgesprochen hip galten 1995: das Babalu («Brüll- und Brabbelstimmung»), der Schlauch («stilvollster Billardsaal der Stadt»), der 2. Akt («am nächsten Tag krankmelden»), das Don Weber («Treffpunkt der Geschmacksvollen»), das Iroquois («Musik direkt von New York und viel Lokalprominenz»), die Limmatbar (hatte einen «Nagelklotz») und die Wüste («eine neue Gastro-Generation und Cyber-Gazetten»). Heute sind das gewöhnliche Orte, wo gewöhnliche Menschen gewöhnliche Getränke zu gewöhnlicher Musik trinken. Sogar das Zic-Zac und die Spaghetti-Factory bekamen das «In-Place»-Etikett geschenkt – 2010 schwer nachvollziehbar. Und ob das Kaufleuten noch heute als «ewig überlaufener Szenetempel» leuchten darf, müsste man diskutieren.

Vor 15 Jahren konzentrierte sich das Nachtleben auf das Niederdorf. Obwohl man schon damals über die Touristenströme, welche die Altstadt fluteten, jammerte, «brummte im Sommer die Rosenhof-Galaxis», und auch sonst ortet der «Guide» hier die meisten «Hot-Spots». Der Exodus in die Kreise 4 und 5 hatte gerade erst begonnen. Tonangebend im Coolness-Orchester waren 1995 die Werber. Ein Besuch der «Kreativen», die Rollkragenpullover zu langen Haaren kombinierten, sicherten jedem Lokal seinen Platz im Szenehimmel. Bestätigte das Ausgehmagazin «Forecast» (1992 bis 2006) die Wertschätzung, war der Laden jeden Abend voll. Ein weiterer Erfolgsgarant hiess «Mexicanita». Margueritas und pseudospanische Namen betrachteten die Zürcher von 1995 als ausserordentlich modern. Auch wer Krokodil- und Straussenfleisch servierte (Turm), gehörte definitiv dazu.

Prominente Gastro-Leichen

Schön einfach schien es vor 15 Jahren zu- und hergegangen zu sein. Doch man sollte nicht leichtfertig über ehemals coole Orte oder coole Menschen spotten. Mit Sicherheit wird man es 2025 total komisch finden, dass die Zürcher 2010 ein paar umgenutzte Cabarets im Kreis 4 für angesagt hielten.

Weiter wird man in 15 Jahren einige tote Lokale beklagen. Das kann man auch heute tun: Das Luv, damals «supi-hip», verschwand 1999, seine Betreiber prägen das Zürcher Nachtleben aber weiterhin. Das Dillon’s an der Almendstrasse («kollektives Unbewusstes der Popkultur») liess sich 2005 von der morbiden Musik, die dort gespielt wurde, mitreissen. Die Fröhlichkeitdes Cubanito («Arschwackelpudding-Alarm») half 2005 nichts mehr gegen die finanziellen Nöte seiner Betreiber. Heute befindet sich im gleichen Raum die Alte Börse. Weitere prominente Gastro-Leichen sind das Back-und-Brau im Steinfels-Areal, dessen Bier perfekt in die ehemalige Seifenfabrik passte, und das Gusto Mondial, eines der ersten «Szene-Lokale» im Kreis 4. Auch die Messe im Roxy, der «Kirche der wahren und ewigen Disco», ist schon lange ausgefeiert.

Written by hghildebrandt

11. Februar 2010 at 3:47 pm

Veröffentlicht in Szene-Archäologie