Mindestens haltbar bis siehe Ende.

Texte von Hans Georg Hildebrandt, mehr oder weniger aktuell.

Gimer Bonuss und Bire, dänn chumi wieder füre. Zum kindlichen Materialismus.

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Nach meiner kurzen, aber intensiven Schicht als Samichlaus am 6. Dezember ging ich mich verschwitzt nach Hause umziehen. Den Bart liess ich unterhalb meines Kinns runterbaumeln, die Kapuze stand offen, der Gurt war lose – ein schauderhaftes Chlaus-Tenü. Ich begegnete einem jungen Paar, das einen Abendspaziergang machte. „Hoi Samichlaus“, sagte die Frau, und hielt ohne weitere Worte die Hand auf. „Schicht schon fertig“, war meine Antwort, stimmte auch, mein Kaffeesack war geleert, die Kinder beschenkt.

Mir kam der Gedanke, dass drei von vier Kindern bei meinem Besuch nur den Vers vom „Sami-niggi-näggi“ beherrschten, der allein fürs „wieder hinderem Ofe füre cho“ mit den „Nuss und Bire“ rausrücken sollte. Unter den Gofen grassiert der reinste Materialismus!, dachte ich. Das Versli klingt ja wie ein befristeter Arbeitsvertrag. Und die Erwachsenen, wie die junge Frau eben, machen es ihnen vor! Dabei wissen die Kinder noch gar nichts davon, wie viele Leute auch dieses Jahr nur ihr Bonüssli in der Birne haben … oder anders gesagt: wie schlau jene sind, die kurz nach der Krise schon wieder hinter dem Ofen der Steuerzahler hervor kamen, um mächtig abzucashen. Es dunklet scho im Tannewald …

Na ja, ich hatte keinesfalls meinen Chlaus-Einsatz mit solch doofem Kulturpessimismus beenden wollen. Kinder sind schlau; sie sind Minimalisten. Daran, dass sich das simpelste Sprüchli durchgesetzt hat, ist vermutlich einfach die Tatsache schuld, dass der Chlaus chronisch viel zu warm hat in den Stuben, die er besucht. Der Chlaus will raus, und zwar asap. Da gibt man sich halt mit dem erstbesten Spruch zufrieden, rückt die Nüsse und Schöggeli raus und keucht erleichtert auf, wenn der Auftritt zu Ende ist. Scheint irgendwie zum Ritual zu gehören.

Dass sich Materialismus und Chlaus-Brauch keineswegs ausschliessen, las ich kürzlich in der «Frankfurter Allgemeinen»; ein Mittelalterforscher hat da belegt, dass Nikolai-Kirchen in den katholischen Regionen eine Art Leitfossil sind, um die Ansiedlung reisender Kaufleute in frühmittelalterlichen Städten zu belegen. Denn der Hl. Nikolaus war der Schutzpatron dieser Kaufleute, die, natürlich die Leute in den Kernstädten mit den Sachen versorgten, welche man im Mittelalter halt so verschenkte. Samichlaus gleich Schenken. Nicht etwa gleich Kinder Belehren, Respektiertwerden oder auch nur gleich „setz dich besser nicht neben deinen Kamin mit deinem Bart“. Aber immerhin: Es ist Tradition und nicht erst so, seit ich den Chlaus mache. Man sieht sich in der langen Linie von Chläusen, die den Materialismus und dessen Kritik aufgrund einer eigenen Erfahrung im gleichen Moment erleben. Muss man auch erst mal hinkriegen!  Aber Bärte, die etwas weniger warm geben, wären vermutlich eine Marktlücke.

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Written by hghildebrandt

10. Dezember 2009 um 6:22 pm

Veröffentlicht in im Vorbeigehen

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