Mindestens haltbar bis siehe Ende.

Texte von Hans Georg Hildebrandt, mehr oder weniger aktuell.

Ali Kebap sagt: Zurück auf die Alp, du urbaner Fremdschämer!

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Die Konsequenz des Minarettverbot-Ja: Auswandern nach Pristina, protestantische Kirchen bauen. Die Herleitung: Folgt hier unten.

Während die SVP für ihre trümmligen Initiativen in der Regel etwas über 30 Prozent der Stimmbürger mobilisiert, waren es diesmal 27 Prozent mehr. Das war eine schmerzhafte, aber wirkungsvolle Art, die krisenbedingte Zunahme an Modernisierungsverlierern in diesem Land zu bestimmen.

Es war auch eine wirkungsvolle Art, hochgezogene muslimische Augenbrauen zu sehen, die der Schweiz mit Geraune allerlei Konsequenzen in Aussicht stellten, dabei vor allem vom Geld redend, das der Schweizer so liebt. Als wäre das Geld der reichen Leute aus islamischen Ländern bis gestern wegen unserer grossartigen Toleranz in der Schweiz ausgegeben oder investiert worden. Und nicht wegen unserem grossartigen Talent, investiertes Geld zu vermehren oder schöne Uhren zu bauen.

Egal: Eines der wichtigen Argumente gegen die Initiative war doch immer, dass sich die hier lebenden Muslime gar nicht besonders für Moscheen und noch weniger für Minarette interessieren. Geschweige denn irgendwer anders irgendwo auf der Welt. Wir sind doch nur ein Fliegendreck mitten in Europa. Ich finde, die Schweiz sollte etwas Verständnis dafür erwarten dürfen, dass ein gewisser bildungsferner Anteil der Bevölkerung glaubt, mit einem Minarettverbot den Sonnenbrillenheini zu ärgern, der zwei unserer Jungs seit Monaten gefangen hält. Könnten die Islamerer nicht einfach sagen: «Ok, sind wir halt nicht bei ausnahmslos allen Schweizern beliebt – können wir leben mit. Wir mögen euch ja auch nicht so besonders, mit eurem Bier, euren Bikinis und euren Bratwürsten. Mir eurem Regen und euren Wasserkraftwerken und eurem doofen Baugesetz.» Man muss sich ja nicht unbedingt lieben, um miteinander leben und geschäften zu können. Irgendwie lässt die missbilligende Ankündigung von Vergeltungsmassnahmen und schlechter Presse doch auf die mangelnde Toleranz schliessen, die dieser Religion und von ihr dominierten Systemen innewohnt. Mal sehen, ob nicht der Ober-Imam irgendeines geknechteten Islamer-Landes gegen die Schweiz eine Fatwa erlässt, weil er grad in den nächsten Monaten vorhatte, in Dietlikon-les-Bains oder sonst wo eine Moschee mit Minarett zu bauen. Ganz nebenbei festgehalten, sieht unsere Fahne ja ein bisschen ähnlich aus wie der Danebrog, in dessen Verbrennung Mobs von bärtigen Fanatikern schon einige Übung haben. Sie werden sicher auch mit der quadratischen Schweizer Fahne umgehen können – André Martys Kameramann soll sich schon mal bereit machen. Kleines Spässchen.

Worauf ich ebenfalls verzichten kann: Statements wie das vom Vorsitzenden der Türkischen Gemeinde in Deutschland, Kenan Kolat. «Es zeigt sich, dass die europäischen Gesellschaften noch nicht ganz reif sind für die Zuwanderung und für die Einwanderung», sagte er in der Online-Ausgabe der Süddeutschen Zeitung. Also mir schien es bisher nicht so, als würde der Reifegrad einer Gesellschaft von potenziellen Einwanderern getestet wie die Weichheit eines Camemberts, bevor man dann einrückt, im Gepäck eine Religion, die andere Religionen nicht toleriert – wohl eine Reifegrad-Kennermiene im Gesicht, aber ohne Begeisterung für das Einwanderungsziel. Ist ja nicht tolerant da (ganz im Gegensatz zum paradiesischen Ostanatolien). Aber ebä, sich wegen Herrn Kolat über Gebühr aufzuregen, wäre wohl ein tatsächliches Zeichen von Unreife.

In vielen Blog- und Facebookeinträgen war davon die Rede, dass man sich angesichts des Abstimmungsresultats zur Minarettinitiative seines Schweizerseins schäme (sogar fremdschäme, aber das geht glaubs nicht, denn man ist auch als Nein-Stimmer Teil des Souveräns, halt einfach Teil der Minderheit, die verloren hat). Das würde ja heissen, dass man vor der Abstimmung ganz glücklich mit der Schweiz, oder gar stolz über die doch eher zufällige Zuteilung einer Staatsbürgerschaft gewesen wäre.

Meine Empfindung ist eher die von Indifferenz; die Schweiz ist für uns alle eine haltungsneutrale, pflegeleichte Benutzeroberfläche und hat darum bei christlich geprägten wie muslimischen Einwanderern einen ansehnlichen Erfolg. Die Schweiz ist vielleicht eine Hochburg der gelebten Toleranz, aber darauf sollte man besser nicht stolz sein, denn die  hiesige Toleranz gründet zu einem guten Teil auf Pragmatismus, dem kleinen Bruder der Denkfaulheit. Wer sich jetzt für die Schweiz schämt, ist genauso hirnlos wie jener, der sich Mitte November über einen Hilfs-Weltmeistertitel im Fussball freute. Solch ein belangloser, einlullender Nationalistenquark wird ernstgenommen und gefeiert, als hätte irgendjemand ausser den Sportlern selbst und ihren Betreuern etwas dafür geleistet! Die Schweiz ist übrigens auch, und das wäre viel schämenswerter, eine Hochburg der Spekulation und der rücksichtslosen, egoistischen Gier, wovon unsere versaute Landschaft ein deprimierendes Zeugnis ablegt. Dafür hab ich schon länger keinen sich schämen gesehen. Wäre aber wesentlich logischer.

Wer sich für die Schweiz wegen des Ja-Resultats schämt, sollte sich erstens fragen, ob er wirklich zur Urne gepilgert ist, um sein Votum abzugeben (Facebook-Gemecker hinterher ist billig) und ob er zweitens mit dem Schämen nicht warten will bis in zehn Jahren, wenn die Schweiz nicht mehr so attraktiv ist und der Verteilkampf um den kleiner gewordenen Wirtschaftskuchen unter den vielen Leuten in diesem Land intensiver wird. Denn parallel zu all den aktuellen Problemen und den gestern neu eingehandelten Polit-Schwierigkeiten ist die EU daran, die Schweiz für einen erzwungenen Beitritt sturmreif zu schiessen – vermutlich im Wunsch, das renitente Land wenigstens noch während ein paar Jahren als Nettozahler zu erleben, bevor wir ebenfalls in Brüsssel Subventionen beantragen müssen, für die das Geld gar nicht da sein wird. Na gut, das ist jetzt aus dem annähernd hohlen Bauch geschrieben – aber woher sollte man auch ernsthafte Informationen zum Thema bekommen?

Die Modernisierungsverlierer, die für die Initiative gestimmt haben, werden in dieser Art von Zukunft nichts weiter einzubüssen haben als ihr von Appenzeller Käse und Francine Jordi geprägtes Selbstbild. Ihr Leben wird weitergehen wie bisher, fremdbestimmt, hilflos grummelnd über „die da oben“, verworrene Kommentare auf 20min.ch verfassend.

Aber was machen wir urbanen Leute, denen Religion egal ist und die am Islam nur stört, dass er einen dazu zwingt, ständig über dieses öde Thema zu diskutieren? Zurück auf den Acker oder die Alp ist keine Option. Wenn der Lebensstandard in der Schweiz wegen Lohndruck durch Einwanderung und wegen schwindender Einnahmen aus dem Bankengeschäft auf EU-Niveau sinkt: Wann kippt die Attraktivität der Schweiz in ihr Gegenteil und ist es nicht mehr nur eine hässige Modejournalistin, die die das Feld räumt, um „international mit dem Vorurteil über den hohen Lebensstandard in der Schweiz aufzuräumen“ (Wäis Kiani auf Facebook, sehr lustig)? Wann wird die Schweiz wieder zum Auswanderungsland und wann ziehen wir alle als EU-Bürger nach Pristina, schöne protestantische Kirchen bauen? Natürlich zum Beten, nicht im Sinn eines Toleranztests. Und zwischendurch hoffen wir darauf, dass die Landschaftsinitiative angenommen wird.

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Written by hghildebrandt

30. November 2009 um 4:23 pm

Veröffentlicht in im Vorbeigehen

11 Antworten

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  1. Ich weiss, es wird nicht viel nützen, aber : Könnten Sie bitte die Schrifgrösse um zwei Punkte heraufsetzen, damit meine Nase nicht am Bildschirm kleben muss und ich trotzdem nur die Hälfte lesen kann?

    zappadong

    30. November 2009 at 5:18 pm

  2. werds gleich mal versuchen!

    hghildebrandt

    30. November 2009 at 5:41 pm

  3. @zappadong

    Mit einem anständigen Browser – z.B. Firefox – kann man HTML-Seiten praktisch stufenlos zoomen -> ctrl + oder – – oder mit ctrl und Mausrad (wenn vorhanden).

    Gruss
    Martin

    Martin

    30. November 2009 at 5:47 pm

  4. „Scheiß Schweizer! Zuerst Steueroase – nun Nazi-Paradies!“ – Ein ironischer Artikel zu diesem Thema – http://freidemzen.wordpress.com/2009/11/29/scheis-schweizer-zuerst-steueroase-%E2%80%93-nun-nazi-paradies/

    http://freidemzen.wordpress.com/

    Genau wir alle dachten zwei Antwortmöglichkeiten waren möglich aber eigentlich doch nur eine – „Für den Minarettbau heißt: aufgeschlossen, aufgeklärt, intelligent; gegen ebendiesen heißt nun mal: intolerant, rechtsextrem, faschistisch! Da kann man ja eigentlich nicht so viel falsch machen! Macht das Kreuzchen, wo es hingehört und alle sind glücklich!“

    ansonsten wird diffamiert und kräftig mit der braunen Keule geschwungen – so funktioniert Demokratie – aber irgendwie stinkt Demokratie ja!

    Toll, dass alle wissen wieso genau die Schweizer sich so entschieden haben. Und zwar aus den falschen Gründen…

    Ich rufe auf die Wahlen dann einfach abzuschaffen, auf diesem Weg wird auf immer richtig entschieden werden!

    So eine Einstellung ist die eigentliche Intoleranz!

    Nikita Bondarev

    Nikita Bondarev

    30. November 2009 at 5:52 pm

  5. da knirscht und knackt es in meiner logikleitung aber doch an ein zwei stellen: ein abstimmungsergebnis zu akzeptieren ist doch nicht das gleiche wie sich damit identifizieren. seit wann gibt es einen solchen identifikationszwang in der demokratie? dann möchte ich aber nicht mehr souverän spielen.

    im gegenteil, die abstimmungsverlierer sollten sich schleunigst überlegen wie sie diesen nonsense wieder aus der verfassung kippen (übrigens das einzige sätzchen, neben der huldigung des allmächtigen in der einleitung, mit dem ich mich in der schweizer bundesverfassung nicht wirklich identifiziere…)

    und dann schepperts nochmals beim begriff „hilfs“-weltmeister? also vor allem beim wörtchen „hilfs“. ist das nicht genau der nationalistische quark den du einen satz später anprangerst?

    ugugu

    30. November 2009 at 7:27 pm

  6. Ich stimme auch für eine Vergrösserung der Schrift (auch wenn man sich gleich wie ein Opi fühlt dabei)

    Ronnie Grob

    30. November 2009 at 9:02 pm

  7. Tja, tut mir Leid, aber hier herrscht keine Demokratie der Mehrheit! Das Voting für eine grössere Schrift ist hiermit abgeschlossen, har har. Im übrigen hab ich keine Ahnung, wie man das bei diesem Theme machen könnte. Es heisst „Hemingway“ und ist dementsprechend unflexibel.

    hghildebrandt

    1. Dezember 2009 at 10:15 am

  8. @ugugu, mit dem Hilfs-Weltmeister meinte ich, dass es ja doch vorderhand nur die Fussballstifte sind, die gewonnen haben, und keine wirkliche Nationalauswahl.

    hghildebrandt

    1. Dezember 2009 at 10:16 am

  9. „Hemingway“ zum Trotz – schwarzer Hintergrund und kleine Schrift sind nicht ideal, ich würde das Theme wechseln. Wiederum: Das ist ja das Tolle am Bloggen – über sein eigenes Blog ist man der uneingeschränkte Herrscher. :-))

    Ronnie Grob

    1. Dezember 2009 at 10:24 am

  10. Und jetzt hab ich noch gar nichts gesagt gegen Zeichenfolgen, die sich automatisch in Smilys wandeln 😉

    Ronnie Grob

    1. Dezember 2009 at 10:26 am

  11. Hemingway ist tot, es lebe Journalist. Hoffe, ihr schafft jetzt den Text bis zum Ende.

    hghildebrandt

    1. Dezember 2009 at 12:06 pm


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