Mindestens haltbar bis siehe Ende.

Texte von Hans Georg Hildebrandt, mehr oder weniger aktuell.

Gottfried Keller über den State of Play der Medienblogs

with 4 comments

In der NZZ schrieb der geschätzte Rainer Stadler (ras) kürzlich über medienkritische Blogs.

Im Blog medienspiegel.ch wurde mit berechtigtem Stolz darauf verwiesen. Lesenswert, weil teils richtig, ist aber auch der Kommentar eines Herrn California und die Dupliken darunter (hoffentlich hab ich die Mehrzahl richtig hingekriegt).

Ich habe «State of Play» sowohl als Film wie als Miniseries gesehen und weiss deshalb, dass Blogs in anderen Kulturen tatsächlich wichtig sind. Aber bei uns sind sie das nun mal nicht, Blogs und insbesondere Medienblogs sind bei uns nichts weiter als unbezahlter Unterhaltungssjournalismus. Und führwahr, was das ist, muss ich ja wissen, hat mich doch Ueli Haldimann höchstselbst im Chefredaktor-Blog vom 29. 3. 07 als Unterhaltungssjournalisten entlarvt … ist leider nicht mehr online, wird aber weiter unten zitiert. Ich fand Haldimann auch sehr unterhaltend. Seinen Blog gibts nicht mehr. Warum wohl? Und warum mögen die Schweizer ihre Medien nicht ausreichend, um ihnen auch mal etwas Kritik zuzumuten? Dazu vielleicht ein andermal mehr. Mir gehts hier um etwas anderes.

Wenn ich gerade keine Blogs lese oder Filme gucke, lese ich gern in meiner Gottfried-Keller-Dünndruckausgabe aus dem Bücherbrocki. In «Die missbrauchten Liebesbriefe» brachte mich eine Passage zum Lachen. Eine Nebenfigur, der Kellner Georg Nase, redet in der Exposition der Geschichte nämlich mit einem alten Wirtshausgänger und gibt sich als einstiger Schriftsteller zu erkennen. Mir schien es, als könnte man die Bloggerszene nicht treffender beschreiben als „Georges d’Esan“, deshalb zitiere ich hier Keller, verdankenswerterweise online gebracht vom Projekt Gutenberg, und bitte, lest das Zitat bis zum Ende, denn die Präzision ist umwerfend. Sogar das in Blogs so beliebte Phänomen des Linkschleuderns hat Keller schon vorweggenommen. Klasse! Die Einsichten Kellers über das «Schriftsteller»-Gewerbe aka Medienblogger sind fast schon schmerzhaft präzise.

Weiter unten kommt dann noch der Text von Ueli Haldimann über meine Person. Aber erst Georg Nase:

«Ich hatte eben keinen Stoff als sozusagen das Schreiben selbst. Indem ich Tinte in die Feder nahm, schrieb ich über diese Tinte. Ich schrieb, kaum daß ich mich zum Schriftsteller ernannt sah, über die Würde, die Pflichten, Rechte und Bedürfnisse des Schriftstellerstandes, über die Notwendigkeit seines Zusammenhaltens gegenüber den andern Ständen, ich schrieb über das Wort Schriftsteller selbst, unwissend, daß es ein echt deutsches und altes Wort ist, und trug auf dessen Abschaffung an, indem ich andere, wie ich meinte, viel geistreichere und richtigere Benennungen ausheckte und zur Erwägung vorschlug, wie zum Beispiel Schriftner, Tinterich, Schriftmann, Buchner, Federkünstler, Buchmeister und so fort. Auch drang ich auf Vereinigung aller Schreibenden, um die Gewährleistung eines schönen und sichern Auskommens für jeden Teilnehmer zu erzielen, kurz, ich regte mit allen diesen Dummheiten einen erheblichen Staub auf und galt eine Zeitlang für einen Teufelskerl unter den übrigen Schmierpetern. Alles und jedes bezogen wir auf unsere Frage und kehrten immer wieder zu den ›Interessen‹ der Schriftstellerei zurück. Ich schrieb, obgleich ich der unbelesenste Gesell von der Welt war, ausschließlich nur über Schriftsteller, ohne deren Charakter aus eigener Anschauung zu kennen, komponierte ›ein Stündchen bei X.‹ oder ›ein Besuch bei N.‹ oder ›eine Begegnung mit P.‹ oder ›einen Abend bei der Q.‹ und dergleichen mehr, was ich alles mit unsäglicher Naseweisheit, Frechheit und Kinderei ausstattete. Überdies betrieb ich eine rührige Industrie mit sogenannten ›Mitgeteilts‹ nach allen Ecken und Enden hin, indem ich allerlei Neuigkeitskram und Klatsch verbreitete. Wenn gerade nichts aus der Gegenwart vorhanden war, so übersetzte ich die Sesenheimer Idylle wohl zum zwanzigsten Male aus Goethes schöner Sprache in meinen gemeinen Jargon und sandte sie als neue Forschung in irgendein Winkelblättchen. Auch zog ich aus bekannten Autoren solche Stellen, über welche man in letzter Zeit wenig gesprochen hatte, wenigstens nicht meines Wissens, und ließ sie mit einigen albernen Bemerkungen als Entdeckung herumgehen. Oder ich schrieb wohl aus einem eben herausgekommenen Bande einen Brief, ein Gedicht aus und setzte es als handschriftliche Mitteilung in Umlauf, und ich hatte immer die Genugtuung, das Ding munter durch die ganze Presse zirkulieren zu sehen. Insbesondere gewährte mir der Dichter Heine die fetteste Nahrung; ich gedieh an seinem Krankenbette förmlich wie die Rübe im Mistbeete.»

Und jetzt noch Ueli Haldimann:

Eins ist nichts, zwei sind viele, drei sind ein Trend

Von Ueli Haldimann

Es gibt eine alte Journalistenregel, die lautet: Eins ist nichts, zwei sind viele, drei sind ein Trend. Nach diesem Motto hat der Unterhaltungsjournalist Hans Georg Hildebrandt in der letzten SonntagsZeitung eine grosse Story geschrieben, in der er mit Aussagen von ein paar Bekannten einen Trend herbeischreibt. Dieser lautet: Immer mehr Leute haben beschlossen, ein Leben ohne Fernseher zu führen.
Illustriert ist die Story mit einem Foto, auf dem eine Mensch ein Fernsehgerät durch eine Glasscheibe wirft. Auf dem zweiten zertrümmert er das Gerät mit dem Vorschlaghammer. Das hat sicher Spass gemacht.
Doch leider lässt sich der im Text gestemmte Trend nicht belegen. Der Fernsehkonsum ist nicht rückläufig. HerrHildebrandt kennt also mindestens zwei Journalistenregeln. Die zweite lautet: Ich lasse mir durch Fakten meine Story nicht kaputtmachen.
Im Text erfahren wir, man gewinne ungemein an Lebensqualität, wenn man all die kultigen TV-Serien und Filme nicht mehr zur vorgegebenen Zeit im Fernsehprogramm schaut. Sondern ab DVD, wenn es einem beliebt. Leuchtet ein. Spätestens dann merkt man auch, dass der Ratschlag der SonntagsZeitung, den Fernseher zu zertrümmern, vielleicht doch nicht so eine gute Idee war.

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Written by hghildebrandt

25. November 2009 um 11:00 am

Veröffentlicht in im Vorbeigehen

4 Antworten

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  1. ich weiss, es ist kein sehr nahrhafter Kommentar, aber ich suche immer noch nach einem weiblichen Vornamen mit Q.

    cyril

    25. November 2009 at 1:55 pm

  2. Lieber HG Hildebrandt

    Darf ich Sie daran erinnern, dass die Diskussion über die Zukunft des Journalismus in den Zeitungen und Zeitschriften erst in den letzten Monaten geführt wird? Das, obwohl seit es das Internet gibt, absehbar ist, dass sich die Mediengewohnheiten der Menschen drastisch verändern würden und werden? Ich habe einiges gelesen in den Jahren zuvor über das Thema, aber nirgends so viel und so ausführlich wie im Internet. Was in Zeitungen und Zeitschriften auch noch heute dazu zu lesen ist, ist sehr oft tendenziös. Medienwissenschaftler Robin Meyer-Lucht nannte es im Sommer auf carta.info so:

    „Dem Qualitätsjournalismus über die gegenwärtigen Strukturprobleme des Journalismus kann inzwischen über weite Strecken Distanzlosigkeit, Hang zu normativen Kurzschlüssen, Desinteresse an empirischer Fundierung und Klientelismus in eigner Sache bescheinigt werden.“

    Was liegt also näher, als dass sich am Thema interessierte im Internet darüber unterhalten? Und Medienblogs starten? Sich gegenseitig verlinken? Eine Diskussion führen?

    Darf ich annehmen, dass, weil Sie, so wie ich, an Journalismus interessiert sind, teilweise dem Trugschluss unterliegen, ALLE Blogs handeln von Medien und Journalismus und der Kritik daran? Das ist nicht so: Es gibt Blogs und Websites übers Stricken, über Zen, über Ornithologie, über jedes einzelne Spezialgebiet auf der ganzen Welt.

    Sie wundern sich, dass sich die allermeisten Blogs um sich selbst und um die eigenen Interessen drehen? Tun das nicht die allermeisten Tagebücher auch?

    Es ist ein Finanzierungsproblem. Journalismus entsteht nicht einfach so. Sondern, weil es Journalisten gibt, die für ihre Tätigkeit bezahlt werden. Und als Blogger, der mit seiner Website keinen Cent verdient, schreib ich über das, was mich interessiert, also zum Beispiel über die Zukunft des Journalismus (so wie Sie in diesem Beitrag hier), über Verlage, die behaupten, „Qualitätsjournalismus“ zu betreiben, über Politik, und so weiter.

    Als Journalist, der es gewohnt ist, Geld zu erhalten für das, was er macht, kommen einem die Tätigkeiten der Blogger vielleicht komisch vor. Aber vielleicht sind wir bald alle „nur“ noch Blogger? Wir werden sehen.

    Ronnie Grob

    25. November 2009 at 2:56 pm

    • @ronnie grob – danke für die Erinnerung an die Diskussion über die Zukunft des Journalismus. Mir scheint, als würde sie schon länger geführt als erst seit den letzten Monaten. Die Quote von Robin Meyer-Lucht ist deswegen leider nicht weniger richtig.

      Wie Sie einer Story weiter unten in meinen Posts entnehmen können, habe ich noch Niklaus Meienberg höchstselbst über die Ranschmeisserei der Medienbranche an ihre Geldgeber schimpfen hören dürfen. Das vergisst man nicht so schnell; aber leider waren seine 68er-Masstäbe schon damals (1989) längst veraltet. Ich bin an Journalismus interessiert und lese deshalb Medienblogs, und die Medienblogger verhalten sich so wie von Gottfried Keller beschrieben. Pilzblogs und Comicblogs finde ich auch schön, aber die schimpfen weniger über Medien (vermutlich aber über Pilz- und Comicforscher).

      Eine Diskussion über den Ausweg aus der Medienkrise ist IMO nicht notwendig, denn das Problem liegt, wie Sie sagen, an der Finanzierung. Die anzeigenfreien Blätter wie Saldo oder K-Tipp machen vor wie es geht – man muss halt von den Abonnenten leben und von den Leuten, die einen am Kiosk kaufen. Ich denke, dass treue Leser vor allem jene sind oder werden, die als erste ein Printprodukt kaufen möchten und nicht die Bezahler eines Deckungsbeitrags sein wollen – nachdem Verlag und Anzeigenkunden untereinander ausgeschachert haben, wie die Haltung der Redaktion zu sein haben wird. Das ranschmeisserische, weil anzeigenfinanzierte Print-Massenmedium ist wohl tatsächlich ein Ding der Vergangenheit. Irgendwo hab ich gestern gelesen, dass der Journalist das White-Collar-Äquivalent zum Automobilarbeiter in Detroit ist. Es werden noch viele über die Klinge springen müssen, bis die ganz wenigen Überblätter mit Potenzial zur Leserfinanzierung (vielleicht die NZZ) von ganz wenigen Topschreibern und einer Art elitärer 20-Minuten-Redaktion für die Bearbeitung der internationalen News funktionieren.

      Wir werden nicht alle nur noch Blogger sein, aber wir werden sicher die meisten nur noch aus Leidenschaft schreiben können, und fürs Geld werden wir texten. Das scheint mir aber letztendlich nicht mal so kreuzfalsch, denn die Demokratie kann so trotzdem funktionieren, und irgendwie scheint es mir auch, als könnte man halt die Menschen nicht zu ihrem Leseglück zwingen. Man muss wohl ausgerechnet hier fatalistischerweise den Markt entscheiden lassen, denn eine Zeitung, die nicht gelesen wird, verschwindet nun mal zu recht.

      hghildebrandt

      25. November 2009 at 3:16 pm

  3. Sehr schön gefunden. Dem gibt es nichts mehr beizufügen.

    jacques

    30. November 2009 at 3:24 pm


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