Mindestens haltbar bis siehe Ende.

Texte von Hans Georg Hildebrandt, mehr oder weniger aktuell.

Archive for November 2009

Ali Kebap sagt: Zurück auf die Alp, du urbaner Fremdschämer!

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Die Konsequenz des Minarettverbot-Ja: Auswandern nach Pristina, protestantische Kirchen bauen. Die Herleitung: Folgt hier unten.

Während die SVP für ihre trümmligen Initiativen in der Regel etwas über 30 Prozent der Stimmbürger mobilisiert, waren es diesmal 27 Prozent mehr. Das war eine schmerzhafte, aber wirkungsvolle Art, die krisenbedingte Zunahme an Modernisierungsverlierern in diesem Land zu bestimmen.

Es war auch eine wirkungsvolle Art, hochgezogene muslimische Augenbrauen zu sehen, die der Schweiz mit Geraune allerlei Konsequenzen in Aussicht stellten, dabei vor allem vom Geld redend, das der Schweizer so liebt. Als wäre das Geld der reichen Leute aus islamischen Ländern bis gestern wegen unserer grossartigen Toleranz in der Schweiz ausgegeben oder investiert worden. Und nicht wegen unserem grossartigen Talent, investiertes Geld zu vermehren oder schöne Uhren zu bauen.

Egal: Eines der wichtigen Argumente gegen die Initiative war doch immer, dass sich die hier lebenden Muslime gar nicht besonders für Moscheen und noch weniger für Minarette interessieren. Geschweige denn irgendwer anders irgendwo auf der Welt. Wir sind doch nur ein Fliegendreck mitten in Europa. Ich finde, die Schweiz sollte etwas Verständnis dafür erwarten dürfen, dass ein gewisser bildungsferner Anteil der Bevölkerung glaubt, mit einem Minarettverbot den Sonnenbrillenheini zu ärgern, der zwei unserer Jungs seit Monaten gefangen hält. Könnten die Islamerer nicht einfach sagen: «Ok, sind wir halt nicht bei ausnahmslos allen Schweizern beliebt – können wir leben mit. Wir mögen euch ja auch nicht so besonders, mit eurem Bier, euren Bikinis und euren Bratwürsten. Mir eurem Regen und euren Wasserkraftwerken und eurem doofen Baugesetz.» Man muss sich ja nicht unbedingt lieben, um miteinander leben und geschäften zu können. Irgendwie lässt die missbilligende Ankündigung von Vergeltungsmassnahmen und schlechter Presse doch auf die mangelnde Toleranz schliessen, die dieser Religion und von ihr dominierten Systemen innewohnt. Mal sehen, ob nicht der Ober-Imam irgendeines geknechteten Islamer-Landes gegen die Schweiz eine Fatwa erlässt, weil er grad in den nächsten Monaten vorhatte, in Dietlikon-les-Bains oder sonst wo eine Moschee mit Minarett zu bauen. Ganz nebenbei festgehalten, sieht unsere Fahne ja ein bisschen ähnlich aus wie der Danebrog, in dessen Verbrennung Mobs von bärtigen Fanatikern schon einige Übung haben. Sie werden sicher auch mit der quadratischen Schweizer Fahne umgehen können – André Martys Kameramann soll sich schon mal bereit machen. Kleines Spässchen.

Worauf ich ebenfalls verzichten kann: Statements wie das vom Vorsitzenden der Türkischen Gemeinde in Deutschland, Kenan Kolat. «Es zeigt sich, dass die europäischen Gesellschaften noch nicht ganz reif sind für die Zuwanderung und für die Einwanderung», sagte er in der Online-Ausgabe der Süddeutschen Zeitung. Also mir schien es bisher nicht so, als würde der Reifegrad einer Gesellschaft von potenziellen Einwanderern getestet wie die Weichheit eines Camemberts, bevor man dann einrückt, im Gepäck eine Religion, die andere Religionen nicht toleriert – wohl eine Reifegrad-Kennermiene im Gesicht, aber ohne Begeisterung für das Einwanderungsziel. Ist ja nicht tolerant da (ganz im Gegensatz zum paradiesischen Ostanatolien). Aber ebä, sich wegen Herrn Kolat über Gebühr aufzuregen, wäre wohl ein tatsächliches Zeichen von Unreife.

In vielen Blog- und Facebookeinträgen war davon die Rede, dass man sich angesichts des Abstimmungsresultats zur Minarettinitiative seines Schweizerseins schäme (sogar fremdschäme, aber das geht glaubs nicht, denn man ist auch als Nein-Stimmer Teil des Souveräns, halt einfach Teil der Minderheit, die verloren hat). Das würde ja heissen, dass man vor der Abstimmung ganz glücklich mit der Schweiz, oder gar stolz über die doch eher zufällige Zuteilung einer Staatsbürgerschaft gewesen wäre.

Meine Empfindung ist eher die von Indifferenz; die Schweiz ist für uns alle eine haltungsneutrale, pflegeleichte Benutzeroberfläche und hat darum bei christlich geprägten wie muslimischen Einwanderern einen ansehnlichen Erfolg. Die Schweiz ist vielleicht eine Hochburg der gelebten Toleranz, aber darauf sollte man besser nicht stolz sein, denn die  hiesige Toleranz gründet zu einem guten Teil auf Pragmatismus, dem kleinen Bruder der Denkfaulheit. Wer sich jetzt für die Schweiz schämt, ist genauso hirnlos wie jener, der sich Mitte November über einen Hilfs-Weltmeistertitel im Fussball freute. Solch ein belangloser, einlullender Nationalistenquark wird ernstgenommen und gefeiert, als hätte irgendjemand ausser den Sportlern selbst und ihren Betreuern etwas dafür geleistet! Die Schweiz ist übrigens auch, und das wäre viel schämenswerter, eine Hochburg der Spekulation und der rücksichtslosen, egoistischen Gier, wovon unsere versaute Landschaft ein deprimierendes Zeugnis ablegt. Dafür hab ich schon länger keinen sich schämen gesehen. Wäre aber wesentlich logischer.

Wer sich für die Schweiz wegen des Ja-Resultats schämt, sollte sich erstens fragen, ob er wirklich zur Urne gepilgert ist, um sein Votum abzugeben (Facebook-Gemecker hinterher ist billig) und ob er zweitens mit dem Schämen nicht warten will bis in zehn Jahren, wenn die Schweiz nicht mehr so attraktiv ist und der Verteilkampf um den kleiner gewordenen Wirtschaftskuchen unter den vielen Leuten in diesem Land intensiver wird. Denn parallel zu all den aktuellen Problemen und den gestern neu eingehandelten Polit-Schwierigkeiten ist die EU daran, die Schweiz für einen erzwungenen Beitritt sturmreif zu schiessen – vermutlich im Wunsch, das renitente Land wenigstens noch während ein paar Jahren als Nettozahler zu erleben, bevor wir ebenfalls in Brüsssel Subventionen beantragen müssen, für die das Geld gar nicht da sein wird. Na gut, das ist jetzt aus dem annähernd hohlen Bauch geschrieben – aber woher sollte man auch ernsthafte Informationen zum Thema bekommen?

Die Modernisierungsverlierer, die für die Initiative gestimmt haben, werden in dieser Art von Zukunft nichts weiter einzubüssen haben als ihr von Appenzeller Käse und Francine Jordi geprägtes Selbstbild. Ihr Leben wird weitergehen wie bisher, fremdbestimmt, hilflos grummelnd über „die da oben“, verworrene Kommentare auf 20min.ch verfassend.

Aber was machen wir urbanen Leute, denen Religion egal ist und die am Islam nur stört, dass er einen dazu zwingt, ständig über dieses öde Thema zu diskutieren? Zurück auf den Acker oder die Alp ist keine Option. Wenn der Lebensstandard in der Schweiz wegen Lohndruck durch Einwanderung und wegen schwindender Einnahmen aus dem Bankengeschäft auf EU-Niveau sinkt: Wann kippt die Attraktivität der Schweiz in ihr Gegenteil und ist es nicht mehr nur eine hässige Modejournalistin, die die das Feld räumt, um „international mit dem Vorurteil über den hohen Lebensstandard in der Schweiz aufzuräumen“ (Wäis Kiani auf Facebook, sehr lustig)? Wann wird die Schweiz wieder zum Auswanderungsland und wann ziehen wir alle als EU-Bürger nach Pristina, schöne protestantische Kirchen bauen? Natürlich zum Beten, nicht im Sinn eines Toleranztests. Und zwischendurch hoffen wir darauf, dass die Landschaftsinitiative angenommen wird.

Written by hghildebrandt

30. November 2009 at 4:23 pm

Veröffentlicht in im Vorbeigehen

Gottfried Keller über den State of Play der Medienblogs

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In der NZZ schrieb der geschätzte Rainer Stadler (ras) kürzlich über medienkritische Blogs.

Im Blog medienspiegel.ch wurde mit berechtigtem Stolz darauf verwiesen. Lesenswert, weil teils richtig, ist aber auch der Kommentar eines Herrn California und die Dupliken darunter (hoffentlich hab ich die Mehrzahl richtig hingekriegt).

Ich habe «State of Play» sowohl als Film wie als Miniseries gesehen und weiss deshalb, dass Blogs in anderen Kulturen tatsächlich wichtig sind. Aber bei uns sind sie das nun mal nicht, Blogs und insbesondere Medienblogs sind bei uns nichts weiter als unbezahlter Unterhaltungssjournalismus. Und führwahr, was das ist, muss ich ja wissen, hat mich doch Ueli Haldimann höchstselbst im Chefredaktor-Blog vom 29. 3. 07 als Unterhaltungssjournalisten entlarvt … ist leider nicht mehr online, wird aber weiter unten zitiert. Ich fand Haldimann auch sehr unterhaltend. Seinen Blog gibts nicht mehr. Warum wohl? Und warum mögen die Schweizer ihre Medien nicht ausreichend, um ihnen auch mal etwas Kritik zuzumuten? Dazu vielleicht ein andermal mehr. Mir gehts hier um etwas anderes.

Wenn ich gerade keine Blogs lese oder Filme gucke, lese ich gern in meiner Gottfried-Keller-Dünndruckausgabe aus dem Bücherbrocki. In «Die missbrauchten Liebesbriefe» brachte mich eine Passage zum Lachen. Eine Nebenfigur, der Kellner Georg Nase, redet in der Exposition der Geschichte nämlich mit einem alten Wirtshausgänger und gibt sich als einstiger Schriftsteller zu erkennen. Mir schien es, als könnte man die Bloggerszene nicht treffender beschreiben als „Georges d’Esan“, deshalb zitiere ich hier Keller, verdankenswerterweise online gebracht vom Projekt Gutenberg, und bitte, lest das Zitat bis zum Ende, denn die Präzision ist umwerfend. Sogar das in Blogs so beliebte Phänomen des Linkschleuderns hat Keller schon vorweggenommen. Klasse! Die Einsichten Kellers über das «Schriftsteller»-Gewerbe aka Medienblogger sind fast schon schmerzhaft präzise.

Weiter unten kommt dann noch der Text von Ueli Haldimann über meine Person. Aber erst Georg Nase:

«Ich hatte eben keinen Stoff als sozusagen das Schreiben selbst. Indem ich Tinte in die Feder nahm, schrieb ich über diese Tinte. Ich schrieb, kaum daß ich mich zum Schriftsteller ernannt sah, über die Würde, die Pflichten, Rechte und Bedürfnisse des Schriftstellerstandes, über die Notwendigkeit seines Zusammenhaltens gegenüber den andern Ständen, ich schrieb über das Wort Schriftsteller selbst, unwissend, daß es ein echt deutsches und altes Wort ist, und trug auf dessen Abschaffung an, indem ich andere, wie ich meinte, viel geistreichere und richtigere Benennungen ausheckte und zur Erwägung vorschlug, wie zum Beispiel Schriftner, Tinterich, Schriftmann, Buchner, Federkünstler, Buchmeister und so fort. Auch drang ich auf Vereinigung aller Schreibenden, um die Gewährleistung eines schönen und sichern Auskommens für jeden Teilnehmer zu erzielen, kurz, ich regte mit allen diesen Dummheiten einen erheblichen Staub auf und galt eine Zeitlang für einen Teufelskerl unter den übrigen Schmierpetern. Alles und jedes bezogen wir auf unsere Frage und kehrten immer wieder zu den ›Interessen‹ der Schriftstellerei zurück. Ich schrieb, obgleich ich der unbelesenste Gesell von der Welt war, ausschließlich nur über Schriftsteller, ohne deren Charakter aus eigener Anschauung zu kennen, komponierte ›ein Stündchen bei X.‹ oder ›ein Besuch bei N.‹ oder ›eine Begegnung mit P.‹ oder ›einen Abend bei der Q.‹ und dergleichen mehr, was ich alles mit unsäglicher Naseweisheit, Frechheit und Kinderei ausstattete. Überdies betrieb ich eine rührige Industrie mit sogenannten ›Mitgeteilts‹ nach allen Ecken und Enden hin, indem ich allerlei Neuigkeitskram und Klatsch verbreitete. Wenn gerade nichts aus der Gegenwart vorhanden war, so übersetzte ich die Sesenheimer Idylle wohl zum zwanzigsten Male aus Goethes schöner Sprache in meinen gemeinen Jargon und sandte sie als neue Forschung in irgendein Winkelblättchen. Auch zog ich aus bekannten Autoren solche Stellen, über welche man in letzter Zeit wenig gesprochen hatte, wenigstens nicht meines Wissens, und ließ sie mit einigen albernen Bemerkungen als Entdeckung herumgehen. Oder ich schrieb wohl aus einem eben herausgekommenen Bande einen Brief, ein Gedicht aus und setzte es als handschriftliche Mitteilung in Umlauf, und ich hatte immer die Genugtuung, das Ding munter durch die ganze Presse zirkulieren zu sehen. Insbesondere gewährte mir der Dichter Heine die fetteste Nahrung; ich gedieh an seinem Krankenbette förmlich wie die Rübe im Mistbeete.»

Und jetzt noch Ueli Haldimann:

Eins ist nichts, zwei sind viele, drei sind ein Trend

Von Ueli Haldimann

Es gibt eine alte Journalistenregel, die lautet: Eins ist nichts, zwei sind viele, drei sind ein Trend. Nach diesem Motto hat der Unterhaltungsjournalist Hans Georg Hildebrandt in der letzten SonntagsZeitung eine grosse Story geschrieben, in der er mit Aussagen von ein paar Bekannten einen Trend herbeischreibt. Dieser lautet: Immer mehr Leute haben beschlossen, ein Leben ohne Fernseher zu führen.
Illustriert ist die Story mit einem Foto, auf dem eine Mensch ein Fernsehgerät durch eine Glasscheibe wirft. Auf dem zweiten zertrümmert er das Gerät mit dem Vorschlaghammer. Das hat sicher Spass gemacht.
Doch leider lässt sich der im Text gestemmte Trend nicht belegen. Der Fernsehkonsum ist nicht rückläufig. HerrHildebrandt kennt also mindestens zwei Journalistenregeln. Die zweite lautet: Ich lasse mir durch Fakten meine Story nicht kaputtmachen.
Im Text erfahren wir, man gewinne ungemein an Lebensqualität, wenn man all die kultigen TV-Serien und Filme nicht mehr zur vorgegebenen Zeit im Fernsehprogramm schaut. Sondern ab DVD, wenn es einem beliebt. Leuchtet ein. Spätestens dann merkt man auch, dass der Ratschlag der SonntagsZeitung, den Fernseher zu zertrümmern, vielleicht doch nicht so eine gute Idee war.

Written by hghildebrandt

25. November 2009 at 11:00 am

Veröffentlicht in im Vorbeigehen

Ventresca di Tonno

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IMG_0964 Gleich bei mir um die Ecke an der Dufourstrasse 97 in Zürich hat der Weinküfer Donat Gut einen kleinen Shop aufgemacht. Neben vielen spannenden Produkten verkauft er Ventresca vom Thon aus dem kantabrischen Meer. Die Fischereiindustrie hat sich bekanntlich eben gewisse Beschränkungen auferlegt; aber mit Industrie hat diese Ventresca (steht für den fetten Bauchlappen des Fisches) eh nichts zu tun. Die Familie Olasagasti fängt ihre Thone mit der Angelrute und verarbeitet den Fisch gleich vor Ort.  Eine solche Dose aufmachen, heisst, sie verstohlen und ohne jede Beilage einfach weggabeln. Das ist so aromatisch, aber vor allem im Mund so seidig und schmatzig, dass es einem den Rücken runterläuft. Sauteuer ist es auch (CHF 16 der Pop), aber das soll ja so sein mit grossen Vergnügen. Ich empfehle den Besuch bei Donat Gut, insbesondere auch den Weissen des Priorat-Gutes Clos Dominic und die feinen Eier-Tajarin. Der Grappa ist auch nicht zu verachten … ach, geht einfach selbst hin.

Written by hghildebrandt

16. November 2009 at 2:35 pm

Veröffentlicht in Kulinarik