Mindestens haltbar bis siehe Ende.

Texte von Hans Georg Hildebrandt, mehr oder weniger aktuell.

Schnäuze für Big Brother

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Wer erinnert sich noch an die Schweizer Ausgabe von «Big Brother» auf dem längst verstorbenen Sender TV3? Ich schrieb damals für die «SonntagsZeitung» eine wöchentliche Kolumne, in der ich auf die vergangenen Tage zurückblickte und Erkenntnisse zu gewinnen versuchte. Der folgende Text widmet sich dem Phänomen, dass es in der Schweiz kein anständiges Proletariat mehr gibt. Muss um das Jahr 2000 herum gewesen sein. Unschuldige Zeiten. Wobei, irgendeine fremdenfeindliche Abstimmung war auch damals ein Thema. Welche es war, werde ich vielleicht noch nachschlagen …

Bei aller Liebe zum Schweizer «Big Brother» stellen sich mitunter Abnützungserscheinungen ein. Ich verschwende meine Zeit darum ab und zu auch mit der deutschen Neuauflage.

Dort dominiert nicht das Aneinandervorbeimogeln ohne Konflikte, als wäre jeder Teilnehmer eine eigene Sprachregion. Vielmehr wird das dröhnend proletarische Selbstbewusstsein von Leuten wie dem bärtigen «Rocker» Harry gepflegt. In der Glattfelder Engnis versuchen nur immer alle, so gut wie möglich dazustehen, sogar vor der frisch zugezogenen Katze Filou. Die Rüebli-RS-Atmosphäre, die Küchenclown Stefan verbreitet, wird von seinen Mitspielern nicht mal bis zum Grenzwert vergiftet. Das kommt daher, dass der biedere Schweizer Mittelstand im «BB»-Haus übervertreten ist. Was wiederum seinen Grund darin hat, dass die Schweiz der Schweizer Bürger nur aus Mittelstandspersönlichkeiten besteht, die sich am liebsten vom Getriebe der Welt ungestört in einem isolierten Furzgehege aufhalten würden. Sie haben sogar eine Abstimmung organisiert, um zu erfahren, wie verbreitet dieser Wunsch schon ist.

Richtige Proleten, wie man sie bei «Big Brother» Deutschland antrifft, gibts bei uns nicht mehr, weil es keine Jobs mehr für sie gibt. Versicherungsverkäufer oder Kreditsachbearbeiterinnen sind eben Schweizer, Stahlarbeiter und Kanalreiniger sind eher Südosteuropäer mit unsexy Schnauz.

Dass sie mit ihrer Lage unzufrieden sind, ist nachvollziehbar. Erst dürfen sie nicht bei «Big Brother» mitmachen (mit Ausnahme von Spurenelement-Secondo Nadim, der freundlicherweise die gesamte Libidosumme des Containers für sich beansprucht), und heute Abend müssen sie sich anhören, wie viel Prozent der Schweizer Mittelstandspersonen ihre Kanäle lieber wieder selber putzen und die Schweiz in ein proletenfreies Mittelstands-«Big Brother» verwandeln wollen.

Ich mache da nicht mit, sondern plädiere für ein Proll-Brother mit lauter Kanalputzern. Die können dann die Freuden des Nichtstuns geniessen, sich gegenseitig die Schnäuze bürsten und brauchen sich isolationsbedingt nicht drüber aufzuregen, dass sich ein zählbarer Prozentsatz der Schweizer Bürger gegen ihre Existenz ausspricht.

In diesem Container würde es sicher lustiger als im Glattfelder Don’t-Think-Tank. Und die Schweiz könnte sich wieder mit der deutschen Version messen, wo man sich schon am dritten Tag prolo-gerecht im Whirlpool näher gekommen ist.

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Written by hghildebrandt

18. Oktober 2009 um 1:30 pm

Veröffentlicht in Szene-Archäologie

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