Mindestens haltbar bis siehe Ende.

Texte von Hans Georg Hildebrandt, mehr oder weniger aktuell.

Kein Zwergkaminchen: Die Zigarre

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Pro-Zigarren-Text aus der SonntagsZeitung. Etwas antiquiert, da der Zigarrenhype längst vorüber ist. Hat mir aber trotzdem gefallen beim Wiederlesen. Nur für themenaffine Leser.

Nichtraucher haben etwas Beschränktes, wenn sie vom Nebentisch aus ihre Nasen rümpfen. «Ein Stumpen», sagen sie gerne, «das stinkt.» Auch Ignoranz ist Pflicht. Zwischen Massenware aus der Stumpenfabrik und handgefertigten Kopfzigarren mit Abschlusswickel wird nicht unterschieden. Statt dessen assoziieren Nichtraucher diese genussvolle Art des Qualmens mit Nadelstreif-Patrons, die nach dem Mittagessen eine Cohiba Lancero für dreissig Franken im Gesicht stecken haben.

Aber die klischeefrohen Zeiten sind vorbei. Zum Glück. Das Zigarrenrauchen, eigentlicher Grund für meine Kuba-Reise Anfang der Neunziger, hätte ich ungern wieder aufgegeben. Ich erinnere mich gut an einen Moment: Am verlassenen Pool dröhnte die Salsa, in der Ferne lag dunstig-verklärt die Stadt Santiago de Cuba, und ich liess den Rauch einer frisch gewickelten Zigarre in den tropischen Himmel steigen. Der Duft in meinem Hotelzimmer war – schnüffel, schnüffel – einfach  balsamisch. Bis heute erinnert mich jede gerauchte Zigarre an diese verzauberte Minute. Und bis heute ist jedes Rauchritual ein Genuss, während Hektik und Haarausfall ihre Plätze auf der Prioritätenliste räumen. Ruhe kehrt ein, der Horizont rückt ein Stück weg, die Stunde des Zigarrengenusses wird zu einem einzigen zufriedenen Lächeln.

Einige Vorbehalte der Tabakhasser sind berechtigt. Toscanelli und andere bitumenschwarze Erzeugnisse der Tessiner Zigarrenindustrie gehören nur im Freien geraucht, auf der Skiterrasse zum Schümli-Pflümli. Aber es ist nicht alles schlecht, was braun ist und brennt. Zu viele ausgewiesene Geniesser sind unter den Zigarrenrauchern.

Zu den differenziertesten Tabakfreunden gehörte sicher Hermann Burger. Als sprachmächtiger Schweizer Autor und Freund von Bundesrat Kaspar Villiger widmete er jedes Kapitel seines letzten Buchs «Brenner» einer anderen Zigarre. Der kranke Erzähler vertieft sich in Gespräche mit einem emeritierten Professor, in die Geschichte des Brenner- oder eben Villiger-Clans sowie in den Genuss der «trockenen Trunkenheit». Burger beschreibt, wie ihn die Gerüche seines geliebten Rauchzeugs Proust verwandt in verschiedene Welten entführen, und versteigt sich zur Aussage, er esse nur, um rauchen zu können.

Zigarrenrauchen ist die schönste Verknüpfung von Poesie und Luxus, von geschichtsbewusstem Kolonialwarengenuss und hedonistischem Abfackeln einer Zehn- oder meinetwegen Zwanzigfrankennote.

Obwohl es in Honduras und der Dominikanischen Republik längst fast ebenbürtige Provenienzen gibt, glaube ich an die Legende vom besten Tabak der Welt, der nun mal auf Kuba wächst und dort auch am unmaschinellsten und leidenschaftlichsten gepflegt wird. Weshalb sollte es sonst in glücklichen Städten wie Zürich eine «Casa del Habano» geben, wo ausschliesslich kubanische Zigarren im begehbaren Humidor auf Käufer warten? Die Varianten sind so zahlreich wie die Aromen, die eine gute Zigarre zu entfalten in der Lage ist. Nicht unerwähnt bleiben soll auch die angenehme Wirkung der legalen Droge Nikotin: «Es beruhigt mich und gibt mir gleichzeitig Energie», wie Arnold Schwarzenegger verharmlosend sagte.

In Massen genossen, wird die Zigarre der Gesundheit nicht mehr schaden als ein Spaziergang an der frischen Winterluft, ganz im Gegensatz zur gefässtötenden Zigarette. Doch sollte man die Zigarre nie mit dem Zwergkaminchen der inhalierten Alltagshektik auf eine Stufe stellen. Wenn die Zigarre im Aschenbecher ihr Leben aushaucht, sollte man ein gutes Essen hinter sich haben und ein Glas Portwein vor sich. Glück im Alltag ist vielleicht selten, aber ein Teil davon ist käuflich. Wer etwas dagegen hat, versteht nicht zu leben.

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Written by hghildebrandt

18. Oktober 2009 um 2:07 pm

Veröffentlicht in aus dem Archiv, Kulinarik

Eine Antwort

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  1. Ich bin Stumpen sowie Cigarren Raucher und ich finde je nach Anlass wähle ich mir dementsprechend das gerauchte aus. Zum Bier in der Kneipe rauch ich Rio 6 oder Villiger Rund und am Abend zum Whyski oder nach einem gediegenen Essen bevorzug ich eine Cohiba! Wie gesagt, es kommt immer auf den Anlass an!

    Daniel Zollinger

    19. Oktober 2009 at 7:06 am


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