Mindestens haltbar bis siehe Ende.

Texte von Hans Georg Hildebrandt, mehr oder weniger aktuell.

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Dieser Text entstand im September 1994 für die Kolumne „Westpol“ in der von mir geleiteten, ca. 2002 eingestellten Szenezeitschrift „forecast“. Der „Westpol“ war mein Gefäss für ironische Kommentare zu Mikrotrends und dem Verhalten von Zürcher Wichtigleuten. Kolumnen dieser Länge wären heutzutage ein krasses No-Go und ich verstehe jeden, der vorzeitig aussteigt.

Cyberpunk ist nicht tot!

Es stand, liebe Leserin und lieber Leser dieses Forschungsberichtes vom monatlich neu erwanderten und erforschten Westpol, im gesichtsaufgezogenen (facegelifteten) Tages-Anzeiger vom 23. dummen August zu lesen: Monika Liston und Hugh Jo aus San Francisco sind das erste Hochzeitspaar, das sich sein Ja in einer virtuellen Kappelle zugehaucht hat, vor einem Priester, der, genau wie die Verknallten, einen Datenhelm auf dem Kopf trug.

Die Cyberwelt ist die Kathedrale des 21. Jahrhunderts. Hier, liebe Leserin und lieber Leser, wird Religion endlich wieder interessant. Man stelle sich vor: Ein Cybergottesdienst, mit Datenhandschuh interaktiv steuerbar. Der Pfarrer wird leiser oder lauter gestellt und die Klangfarbe seiner Predigt ist von alttestamentarisch donnernd bis versöhnlich einzustellen. Der Hostiengeschmack ist auf einem einfachen Display anwählbar von „schwer bibelmässig angestaubt“ bis „knack & back“. Wäre nett, nicht? Aber Komfort und Benutzerfreundlichkeit waren die Sache der Pfaffen noch nie. Sie sind ja auch an einer komfortablen Welt ohne Überbevölkerung nicht interessiert.

Die Kirche kann zwar mit Geld umgehen, aber von Merchandising hat sie keine Ahnung. Stellen Sie sich die Kohle vor, die der Vatikan mit lizenzierten Wojtila-Kondomen verdienen könnte, mit der Maria-Pille (Hostiengeschmack rules supreme), oder, ha!, dem Jericho-Vibrator! Alles müssige Ideen, welch ein Jammer. Wir werden noch einige Jahrhunderte darauf warten müssen, und Amerika hat es wieder mal besser. Dort ist sogar die Datenautobahn schon halbwegs verwirklicht, bald wird man sich von Bildschirm zu Bildschirm unterhalten können und dabei seinen Gesprächspartner sehen. Für die Beichte des religiösen Cyberpunks wird es dannzumal das „Pater-ich-habe-gesündigt“-Gitterchen geben, das man vor die Linse des Bildübertragers hängen kann. Die Ave Marias, die man für z.B. das Begehren des Weibes eines anderen wird beten müssen, werden über Tastatur eingegeben. Anzahl und Wahrhaftigkeits-Koeffizient werden vom Pater in Echtzeit überwacht. So macht Religion wieder Spass, und vielleicht bringen wir so die Kinder endlich aus den Discos raus, wo immer diese laute Musik läuft und sich alles nur um Sex dreht. Es gibt doch auch noch anderes.

Zum Beispiel Kleider. Ein Leserbrief in der Neuen Zürcher Zeitung – trotz Facelift bei der Konkurrenz immer noch das neuere, angesagtere Blatt – informierte den Polwanderer darüber, dass die Sennen im Appenzell zum Alpauftrieb ihre Hosen mit Löwenzahn gelb färben. Sinn davon sei, so stand zu lesen, die Kühe mit der Farbe, die an eine Wiese in voller Blüte erinnert, hinter sich her zu locken. Ausserdem versetze man die Kühe mit dem Geläute der mitgetragenen Glocken in eine Art meditativer Trance. Es ist der reinste Rinderwahnsinn: Kuh-Hypnose mittels live abgespielter Beat-loser Flächen! Animal Ambient sozusagen, erfunden von Leuten in einem Land, wo die Frauen erst vor wenigen Jahren das Stimmrecht bekommen haben. Sollte sich dieser Trend bei uns durchsetzen, werden die Jungs in der nächsten Saison statt Militäry-Look in gelben Knickerbockers clubben gehen, hoffend, dass sämtliche Kühe der Stadt hinter ihnen herlaufen.

Ist ja nichts Neues, dass Avantgarde aus Appenzell kommt. Es gibt schliesslich dort auch den famosen „Alpenbitter“, ein viel älteres und traditionsreiches Kräutergesöff als z.B. Jägermeister, das aber gleichfalls unter dem Vorwand der Verdauungshilfe betrunken macht. Die Deutschen nennen sowas „Fettbrecher“ und benutzen es, besonders wenn sie als DJs arbeiten, als oktanstarken Treibstoff für harte Nächte. Irgendwie liegt der Verdacht nahe, dass auch die Chillout-DJs aus dem Appenzell auf Alpenbitter laufen. Die Vorstellung von angekräuterten Sennen, die ihren Alpsegen auf der Datenautobahn von Hütte zu Hütte schicken und dazu Löwenzahnblüten auf ihren Hosen verreiben, zaubert hoffentlich auch auf Ihr Gesicht ein ebenso breites Lächeln wie es, wegen Datenmütze leider unsichtbar, auf den Zügen des ersten Cyberbräutigams liegen wird, wenn er seinen Ehebruch mit einer Computeranimation beichtet. Dafür gibt es kaum ein Vaterunser zu beten, vermutet jedenfalls

HG Hildebrandt

Verkünder der freudigen Mitteilung, dass die Nachtblatt-Party am 7. Oktober in der noch zu eröffnenden Bar à DOX stattfindet, Sihlstrasse 73, übliche Zeiten, üblich viele Leute. Bis dann.

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Written by hghildebrandt

4. Oktober 2009 um 11:51 am

Veröffentlicht in Szene-Archäologie

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