Mindestens haltbar bis siehe Ende.

Texte von Hans Georg Hildebrandt, mehr oder weniger aktuell.

Archive for Oktober 2009

Kein Zwergkaminchen: Die Zigarre

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Pro-Zigarren-Text aus der SonntagsZeitung. Etwas antiquiert, da der Zigarrenhype längst vorüber ist. Hat mir aber trotzdem gefallen beim Wiederlesen. Nur für themenaffine Leser.

Nichtraucher haben etwas Beschränktes, wenn sie vom Nebentisch aus ihre Nasen rümpfen. «Ein Stumpen», sagen sie gerne, «das stinkt.» Auch Ignoranz ist Pflicht. Zwischen Massenware aus der Stumpenfabrik und handgefertigten Kopfzigarren mit Abschlusswickel wird nicht unterschieden. Statt dessen assoziieren Nichtraucher diese genussvolle Art des Qualmens mit Nadelstreif-Patrons, die nach dem Mittagessen eine Cohiba Lancero für dreissig Franken im Gesicht stecken haben.

Aber die klischeefrohen Zeiten sind vorbei. Zum Glück. Das Zigarrenrauchen, eigentlicher Grund für meine Kuba-Reise Anfang der Neunziger, hätte ich ungern wieder aufgegeben. Ich erinnere mich gut an einen Moment: Am verlassenen Pool dröhnte die Salsa, in der Ferne lag dunstig-verklärt die Stadt Santiago de Cuba, und ich liess den Rauch einer frisch gewickelten Zigarre in den tropischen Himmel steigen. Der Duft in meinem Hotelzimmer war – schnüffel, schnüffel – einfach  balsamisch. Bis heute erinnert mich jede gerauchte Zigarre an diese verzauberte Minute. Und bis heute ist jedes Rauchritual ein Genuss, während Hektik und Haarausfall ihre Plätze auf der Prioritätenliste räumen. Ruhe kehrt ein, der Horizont rückt ein Stück weg, die Stunde des Zigarrengenusses wird zu einem einzigen zufriedenen Lächeln.

Einige Vorbehalte der Tabakhasser sind berechtigt. Toscanelli und andere bitumenschwarze Erzeugnisse der Tessiner Zigarrenindustrie gehören nur im Freien geraucht, auf der Skiterrasse zum Schümli-Pflümli. Aber es ist nicht alles schlecht, was braun ist und brennt. Zu viele ausgewiesene Geniesser sind unter den Zigarrenrauchern.

Zu den differenziertesten Tabakfreunden gehörte sicher Hermann Burger. Als sprachmächtiger Schweizer Autor und Freund von Bundesrat Kaspar Villiger widmete er jedes Kapitel seines letzten Buchs «Brenner» einer anderen Zigarre. Der kranke Erzähler vertieft sich in Gespräche mit einem emeritierten Professor, in die Geschichte des Brenner- oder eben Villiger-Clans sowie in den Genuss der «trockenen Trunkenheit». Burger beschreibt, wie ihn die Gerüche seines geliebten Rauchzeugs Proust verwandt in verschiedene Welten entführen, und versteigt sich zur Aussage, er esse nur, um rauchen zu können.

Zigarrenrauchen ist die schönste Verknüpfung von Poesie und Luxus, von geschichtsbewusstem Kolonialwarengenuss und hedonistischem Abfackeln einer Zehn- oder meinetwegen Zwanzigfrankennote.

Obwohl es in Honduras und der Dominikanischen Republik längst fast ebenbürtige Provenienzen gibt, glaube ich an die Legende vom besten Tabak der Welt, der nun mal auf Kuba wächst und dort auch am unmaschinellsten und leidenschaftlichsten gepflegt wird. Weshalb sollte es sonst in glücklichen Städten wie Zürich eine «Casa del Habano» geben, wo ausschliesslich kubanische Zigarren im begehbaren Humidor auf Käufer warten? Die Varianten sind so zahlreich wie die Aromen, die eine gute Zigarre zu entfalten in der Lage ist. Nicht unerwähnt bleiben soll auch die angenehme Wirkung der legalen Droge Nikotin: «Es beruhigt mich und gibt mir gleichzeitig Energie», wie Arnold Schwarzenegger verharmlosend sagte.

In Massen genossen, wird die Zigarre der Gesundheit nicht mehr schaden als ein Spaziergang an der frischen Winterluft, ganz im Gegensatz zur gefässtötenden Zigarette. Doch sollte man die Zigarre nie mit dem Zwergkaminchen der inhalierten Alltagshektik auf eine Stufe stellen. Wenn die Zigarre im Aschenbecher ihr Leben aushaucht, sollte man ein gutes Essen hinter sich haben und ein Glas Portwein vor sich. Glück im Alltag ist vielleicht selten, aber ein Teil davon ist käuflich. Wer etwas dagegen hat, versteht nicht zu leben.

Written by hghildebrandt

18. Oktober 2009 at 2:07 pm

Veröffentlicht in aus dem Archiv, Kulinarik

Beichtstuhlmusik

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Finger weg oder Ohrenweh.

Finger weg oder Ohrenweh.

Kurzkolumne aus dem «Trend»-Bund der SonntagsZeitung, erschienen 1999. Meine Polemik blieb natürlich ohne jede Wirkung, die Truppe feiert derzeit ihr zehnjähriges Bestehen.

Wir hatten Wassermusik, wir hatten Feuerwerksmusik und wir hatten Fahrstuhlmusik. Als neusten Ausfluss der globalen Unterhaltungsindustrie liefert man uns konsequenterweise Beichtstuhlmusik: Die Retortengruppe «Gregorian» präsentiert zum festlichen Jahresende ihr Album «Masters of Chant». Es kommt daher, als hätte ein verwirrter Doktor Guildo Horn mit Uriella gekreuzt und ins Kloster gesperrt. Das Produkt stellt gemäss Promo-Text «die Popmusik auf den Kopf und konfrontiert sie mit einem Choralstil, der sich um das Jahr 600 unter Papst Gregor dem Ersten in Kirchen und Abteien entwickelte.» Natürlich ist solche Musik nur nach dem Verzehr einer Klinikpackung Ponstan geniessbar. Das aufgeblasene Geseire des Pressetextes, das wie die Musik an die Formation Enigma («Sade, donne-moi, Sade, dis-moi») erinnert, ist einfach ekelhaft. Die «zwölf enigmatischen Choral-Sänger» und ihr «spirituelles Sound-Ereignis» klingen abgeschmackt wie Hostien hundert Jahre jenseits des Ablaufdatums. Das ginge ja alles, und «Brothers In Arms» können sie meinetwegen behalten. Aber musste sich diese Armee der Schreckensmönche an schönen Songs wie «Vienna» von Ultravox und «Losing my Religion» von REM vergreifen? Dafür werden sie in der Hölle braten. Verzichten Sie auf den Kauf dieses Albums, ausser Sie möchten wissen, wie «Nothing Else Matters» von Metallica klingt, wenn man es mit Millennium-Geraune wattiert. «Ist der Song neu?», könnte man analog zum Weichspüler-Werbespot aus dem Fernsehen fragen. «Nein», wäre die Antwort, «mit Choral gewaschen.»

Written by hghildebrandt

18. Oktober 2009 at 1:37 pm

Veröffentlicht in aus dem Archiv

Schnäuze für Big Brother

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Wer erinnert sich noch an die Schweizer Ausgabe von «Big Brother» auf dem längst verstorbenen Sender TV3? Ich schrieb damals für die «SonntagsZeitung» eine wöchentliche Kolumne, in der ich auf die vergangenen Tage zurückblickte und Erkenntnisse zu gewinnen versuchte. Der folgende Text widmet sich dem Phänomen, dass es in der Schweiz kein anständiges Proletariat mehr gibt. Muss um das Jahr 2000 herum gewesen sein. Unschuldige Zeiten. Wobei, irgendeine fremdenfeindliche Abstimmung war auch damals ein Thema. Welche es war, werde ich vielleicht noch nachschlagen …

Bei aller Liebe zum Schweizer «Big Brother» stellen sich mitunter Abnützungserscheinungen ein. Ich verschwende meine Zeit darum ab und zu auch mit der deutschen Neuauflage.

Dort dominiert nicht das Aneinandervorbeimogeln ohne Konflikte, als wäre jeder Teilnehmer eine eigene Sprachregion. Vielmehr wird das dröhnend proletarische Selbstbewusstsein von Leuten wie dem bärtigen «Rocker» Harry gepflegt. In der Glattfelder Engnis versuchen nur immer alle, so gut wie möglich dazustehen, sogar vor der frisch zugezogenen Katze Filou. Die Rüebli-RS-Atmosphäre, die Küchenclown Stefan verbreitet, wird von seinen Mitspielern nicht mal bis zum Grenzwert vergiftet. Das kommt daher, dass der biedere Schweizer Mittelstand im «BB»-Haus übervertreten ist. Was wiederum seinen Grund darin hat, dass die Schweiz der Schweizer Bürger nur aus Mittelstandspersönlichkeiten besteht, die sich am liebsten vom Getriebe der Welt ungestört in einem isolierten Furzgehege aufhalten würden. Sie haben sogar eine Abstimmung organisiert, um zu erfahren, wie verbreitet dieser Wunsch schon ist.

Richtige Proleten, wie man sie bei «Big Brother» Deutschland antrifft, gibts bei uns nicht mehr, weil es keine Jobs mehr für sie gibt. Versicherungsverkäufer oder Kreditsachbearbeiterinnen sind eben Schweizer, Stahlarbeiter und Kanalreiniger sind eher Südosteuropäer mit unsexy Schnauz.

Dass sie mit ihrer Lage unzufrieden sind, ist nachvollziehbar. Erst dürfen sie nicht bei «Big Brother» mitmachen (mit Ausnahme von Spurenelement-Secondo Nadim, der freundlicherweise die gesamte Libidosumme des Containers für sich beansprucht), und heute Abend müssen sie sich anhören, wie viel Prozent der Schweizer Mittelstandspersonen ihre Kanäle lieber wieder selber putzen und die Schweiz in ein proletenfreies Mittelstands-«Big Brother» verwandeln wollen.

Ich mache da nicht mit, sondern plädiere für ein Proll-Brother mit lauter Kanalputzern. Die können dann die Freuden des Nichtstuns geniessen, sich gegenseitig die Schnäuze bürsten und brauchen sich isolationsbedingt nicht drüber aufzuregen, dass sich ein zählbarer Prozentsatz der Schweizer Bürger gegen ihre Existenz ausspricht.

In diesem Container würde es sicher lustiger als im Glattfelder Don’t-Think-Tank. Und die Schweiz könnte sich wieder mit der deutschen Version messen, wo man sich schon am dritten Tag prolo-gerecht im Whirlpool näher gekommen ist.

Written by hghildebrandt

18. Oktober 2009 at 1:30 pm

Veröffentlicht in Szene-Archäologie

Newsnetz-Watch aufdatiert

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http://www.tagesanzeiger.ch/kultur/buecher/Das-waren-die-Nullerjahre/story/25724153

Die Autorin des Buches hat im gleichen Text drei verschiedene Namen. Auch das muss angeprangt werden. Wo bist du, Ugugu? Irgendwie scheint mir langsam, die Autoren gucken ihre Rechtschreibung beim Kommentarpöbel ab. Ich habe auch auf der Tagi-Webseite – sonst nicht meine Angewohnheit, siehe «Keine Querulanten, kein Kommentar» –  einen Kommentar verfasst, der aber nicht aufgeschaltet wurde. Bizarro, aber wahro!

Written by hghildebrandt

15. Oktober 2009 at 1:36 pm

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Wenn der Tagi über den Blick schreibt

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„Die Zeitung wechselt zum Grossformat, der Sport kriegt einen eigenen Bund. Und das Seite-3-Girl prangert neu auf der Frontseite.“

Schön gesagt, Tagi/Newsnetz. Ich möchte ja nicht unterm Hag durchfressen (zum Beispiel ins Gärtli des Journalistenschredders), aber der Verschreiber ist echt zu lustig. Kindersoldaten in full effect!

Written by hghildebrandt

14. Oktober 2009 at 3:57 pm

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Gib deinem Velo eine Stimme.

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Dein Velo ist keine Appenzellerin.

Dein Velo ist keine Appenzellerin.

Wer in Zürich mit dem Velo unterwegs ist, kennt das Problem: Unzählige Zufuss-Rowdies machen Velowege unsicher! Besonders gefürchtet ist der kamerabewehrte Chinese auf der Quaibrücke mit seinen unberechenbaren Vor-und-zurück-Bewegungen beim Insbildrücken aller verfügbaren Kirchtürme.

Unbeliebt auch die Leute auf den Trottoirs am Limmatquai, die verständnislos gaffen, wenn der Velofahrer vor einem attackierenden Tram zur Seite weichen muss – falls ihrs noch nicht gecheckt habt, Fussrowdies: Das Limmatquai ist seit Jahren autofrei, Fussgänger haben sich also auf der Strasse aufzu- und die Trottoirs für weggedrängte Velofahrer freizuhalten!

Ein weiteres Problem ist der arglose Rechtsabbieger. Zahlreiche Radfahrer glauben täglich, das ureigene Recht des arglosen Rechtsabbiegers ignorieren zu dürfen; insbesondere das Recht, den Blick in den Rückspiegel zu vergessen und geradeaus fahrende Velo-Ökofreaks plattzufahren. Ärgerliches Klingeln und Blutflecken auf der Strasse sowie zahlreiche Halbwaisen sind die Folge der Rücksichtslosigkeit dieser wirtschaftsfeindlichen Sturmtruppen des Klimawandelbetrugs.

Jetzt aber Schluss mit der Satire.

Das Velo wird von der Gesetzgebung behandelt wie die Frauen im Appenzell der Sechzigerjahre: Es darf sich nicht äussern, obwohl es jeden Tag mies behandelt wird. Gingen so viele Hupstösse zum Zürcher Himmel, wie Velofahrer von Idioten in Blechkisten ignoriert oder gefährlich bedrängt werden, wäre der Lärmpegel der Baustellen ein Seich dagegen. Nun, die Firma Air Zound hat sich vorgenommen, daran etwas zu ändern. Mittels eines kleinen Druckluftbehälters, den man an jeder Tanke auffüllen kann, und einer Hupe für die Lenkstange, fällt es Velofahrern wesentlich leichter, auf sich aufmerksam zu machen. Wer ein Air Zound besitzt, kann einen Beitrag zur Erziehung der Autoheinis leisten und fährt ab sofort wesentlich sicherer. Warne den Chinesen! Warne den Rechtsabbieger und die Telefoniererin im Cayenne, die nach links driftet, weil sie Käsekuchenrezepte nach Hause telefonieren muss und nicht auf andere Verkehrsteilnehmer achten kann.

Übrigens ist es ohnehin Zeit für eine Velo-Aufrüstung, weil aufgrund des Booms der mobilen Unterhaltungsgeräte und der Kopfhörertelefoniererei nur noch Kleinkinder vor dem Schlafengehen ein Glöggli hören, aber sicher niemand, der auf den Strassen unserer lustigen Metropole unterwegs ist.

Air Zound findet man im Internet; wer eins bestellt (um CHF 50), sollte es an eine deutsche Adresse liefern lassen und es dort abholen gehen oder abholen lassen. Man wird sonst um Abgaben in der Höhe des Kaufpreises erleichtert. Mit etwas Gegoggel findet man auch Schweizer Händler, die das illegale Teil allenfalls führen würden, wenn es denn genügend Käufer gäbe. Also los! Gib deinem Göpel eine Stimme und bring dich in Sicherheit.

PS: Das Teil ist nicht vor Defekten gefeit und sollte sanft behandelt werden. Wenn der Luftschlauch einmal rinnt, ist die ganze Freude im Eimer. Was bei mir leider derzeit der Fall ist.

Written by hghildebrandt

11. Oktober 2009 at 10:42 pm

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Ali-Kebap-Plakatverbot jetzt!

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img312723Das Plakat für Ali Kebaps 25 schwer bewaffnete Mitstreiter „in Town“ jagt mir mehr Angst ein als die Türme und die Talibeuse im Burkini auf dem Aushang der SVP. Und Ali Kebaps Hotel – gleicht es nicht einem Minarett und könnte in Olten stehen?

Das Plakat ist so gut, dass man es glatt als rassistisch verbieten könnte.

Selten ist Werbung so witzig und aktuell.

Die Kampagne für den Plakathänger APG wird verantwortet von der Werbeagentur Publicis, ich werde hier noch aufdatieren, wer das Hotel entworfen hat, schliesslich hat man in diesem Blog einen Hang zur guten Architektur.

Written by hghildebrandt

10. Oktober 2009 at 10:28 pm

Veröffentlicht in im Vorbeigehen, Kulinarik

Keine Querulanten. Kein Kommentar.

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Als Neo-Blogger wird mir einmal mehr klar, wie zwiespältig die Medienwelt mit ihren Rollenverteilungen funktioniert. So denke ich immer, wenn ich eine Kommentarlatte runterscrolle, wie nutzlos, stumpf und unreflektiert die ganzen Comments daherkommen; bei der NZZ etwas weniger, bei 20min.ch kann es ziemlich heftig werden. «Querulanten!», denke ich dann, «nutzloses Waschweiberpack mit nichts besserem zu tun, als die eigene unfundierte Meinung ventilieren zu wollen!» Das kann man zu einem guten Teil auf die Bloggerkollegen anwenden. Wenn dann aber bei mir keine Kommentare verfasst werden, die wiederum nur lobend sein dürften, dann denke ich plötzlich: «Was machst du denn hier, wenn du nicht mindestens eine Notiz darüber hinterlässt, wie sehr meine Schöpfung deinen Tag zum Funkeln gebracht hat! Kannst grad auf Facebook bleiben und ‚gefällt mir‘ Knöpfe zu den Kinderfotos deiner Halbbekanntschaften drücken.» Zwiespältig, wie gesagt. Es bestärkt einen aber im Glauben, dass es zu den eigenen Texten einfach nichts hinzuzufügen gibt.

Written by hghildebrandt

9. Oktober 2009 at 10:44 am

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Rivesaltes rot «sur grains»

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IMG_0337Hier wie angedroht eine kulinarische Notiz mit Design-Untertönen sowie integriertem Tourismus-Tipp.

Ich sitze in Ternaard, das ist innerhalb Europas, von Andalusien mal abgesehen, wohl mein Pampa-Rekord. Ternaard ist ein Kaff in Friesland, wenn man auf den Deich steigen würde, der es vor dem steigenden Meer schützt (in Holland stellt man sich schon mal auf steigende Meeresspiegel vor, ganz egal ob nun der Mensch dran schuld ist oder nicht), könnte man gemäss meinem Gastgeber Gjalt Pilat ( http://www.pilat.nl ) bis nach Island sehen.

Gjalt Pilat führt ein cooles Möbeldesignlabel namens Pilat & Pilat, die Herberge de Waard in Ternaard gehört ihm. Seine Möbel werden in Bosnien-Herzegovina gefertigt, unter Anleitung eines Schreiners, der früher für Pilat tätig war, als es noch nicht zu teuer war, in Holland zu produzieren. Zum Abendessen in dieser Herberge gehörte ein Dessert aus Schoggi und Feigenglacé, dazu gab es den erwähnten Rivesaltes. Grossartiger Süsswein mit sehr viel erhalten gebliebener Tannin-Herbe. http://www.domaineboudau.fr Der Hersteller heisst Boudau, wie seine Domaine.

Ich bin heute rund 360 Kilometer durch Holland gefahren, von Dongen nach Ternaard, musste den Weg über Rotterdam und Amsterdam nehmen, weil zwischen Dongen und Utrecht eine Massenkarambolage passierte, wegen welcher die Autobahn während mehrerer Stunden «dicht» war. Die Holländer haben es nicht so mit dem Abstandhalten auf der Strasse. Ich kam also von der südlichen Pampa via zwei krass übervölkerte Grosstädte mit entsprechend zugestauten Autobahnanschlüssen in die nördliche Pampa, die von Kühen, Pferden, Schafen und einzelnen Bauernhöfen geprägt wird. Rund 50 Kilometer nach Amsterdam kann man über lange Strecken problemlos 160 km/h fahren und so die verlorene Zeit wieder aufholen.

Die Herberge de Waard http://www.herbergdewaard.nl hat nur fünf Zimmer. Reservation ist also angebracht.

Written by hghildebrandt

7. Oktober 2009 at 10:41 pm

Veröffentlicht in im Vorbeigehen, Kulinarik

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Gratis-Schnittmuster für individuelles Krisenmanagement

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Dieser Text entstand im September 1994 für die Kolumne „Westpol“ in der von mir geleiteten, ca. 2002 eingestellten Szenezeitschrift „forecast“. Der „Westpol“ war mein Gefäss für ironische Kommentare zu Mikrotrends und dem Verhalten von Zürcher Wichtigleuten. Kolumnen dieser Länge wären heutzutage ein krasses No-Go und ich verstehe jeden, der vorzeitig aussteigt.

Cyberpunk ist nicht tot!

Es stand, liebe Leserin und lieber Leser dieses Forschungsberichtes vom monatlich neu erwanderten und erforschten Westpol, im gesichtsaufgezogenen (facegelifteten) Tages-Anzeiger vom 23. dummen August zu lesen: Monika Liston und Hugh Jo aus San Francisco sind das erste Hochzeitspaar, das sich sein Ja in einer virtuellen Kappelle zugehaucht hat, vor einem Priester, der, genau wie die Verknallten, einen Datenhelm auf dem Kopf trug.

Die Cyberwelt ist die Kathedrale des 21. Jahrhunderts. Hier, liebe Leserin und lieber Leser, wird Religion endlich wieder interessant. Man stelle sich vor: Ein Cybergottesdienst, mit Datenhandschuh interaktiv steuerbar. Der Pfarrer wird leiser oder lauter gestellt und die Klangfarbe seiner Predigt ist von alttestamentarisch donnernd bis versöhnlich einzustellen. Der Hostiengeschmack ist auf einem einfachen Display anwählbar von „schwer bibelmässig angestaubt“ bis „knack & back“. Wäre nett, nicht? Aber Komfort und Benutzerfreundlichkeit waren die Sache der Pfaffen noch nie. Sie sind ja auch an einer komfortablen Welt ohne Überbevölkerung nicht interessiert.

Die Kirche kann zwar mit Geld umgehen, aber von Merchandising hat sie keine Ahnung. Stellen Sie sich die Kohle vor, die der Vatikan mit lizenzierten Wojtila-Kondomen verdienen könnte, mit der Maria-Pille (Hostiengeschmack rules supreme), oder, ha!, dem Jericho-Vibrator! Alles müssige Ideen, welch ein Jammer. Wir werden noch einige Jahrhunderte darauf warten müssen, und Amerika hat es wieder mal besser. Dort ist sogar die Datenautobahn schon halbwegs verwirklicht, bald wird man sich von Bildschirm zu Bildschirm unterhalten können und dabei seinen Gesprächspartner sehen. Für die Beichte des religiösen Cyberpunks wird es dannzumal das „Pater-ich-habe-gesündigt“-Gitterchen geben, das man vor die Linse des Bildübertragers hängen kann. Die Ave Marias, die man für z.B. das Begehren des Weibes eines anderen wird beten müssen, werden über Tastatur eingegeben. Anzahl und Wahrhaftigkeits-Koeffizient werden vom Pater in Echtzeit überwacht. So macht Religion wieder Spass, und vielleicht bringen wir so die Kinder endlich aus den Discos raus, wo immer diese laute Musik läuft und sich alles nur um Sex dreht. Es gibt doch auch noch anderes.

Zum Beispiel Kleider. Ein Leserbrief in der Neuen Zürcher Zeitung – trotz Facelift bei der Konkurrenz immer noch das neuere, angesagtere Blatt – informierte den Polwanderer darüber, dass die Sennen im Appenzell zum Alpauftrieb ihre Hosen mit Löwenzahn gelb färben. Sinn davon sei, so stand zu lesen, die Kühe mit der Farbe, die an eine Wiese in voller Blüte erinnert, hinter sich her zu locken. Ausserdem versetze man die Kühe mit dem Geläute der mitgetragenen Glocken in eine Art meditativer Trance. Es ist der reinste Rinderwahnsinn: Kuh-Hypnose mittels live abgespielter Beat-loser Flächen! Animal Ambient sozusagen, erfunden von Leuten in einem Land, wo die Frauen erst vor wenigen Jahren das Stimmrecht bekommen haben. Sollte sich dieser Trend bei uns durchsetzen, werden die Jungs in der nächsten Saison statt Militäry-Look in gelben Knickerbockers clubben gehen, hoffend, dass sämtliche Kühe der Stadt hinter ihnen herlaufen.

Ist ja nichts Neues, dass Avantgarde aus Appenzell kommt. Es gibt schliesslich dort auch den famosen „Alpenbitter“, ein viel älteres und traditionsreiches Kräutergesöff als z.B. Jägermeister, das aber gleichfalls unter dem Vorwand der Verdauungshilfe betrunken macht. Die Deutschen nennen sowas „Fettbrecher“ und benutzen es, besonders wenn sie als DJs arbeiten, als oktanstarken Treibstoff für harte Nächte. Irgendwie liegt der Verdacht nahe, dass auch die Chillout-DJs aus dem Appenzell auf Alpenbitter laufen. Die Vorstellung von angekräuterten Sennen, die ihren Alpsegen auf der Datenautobahn von Hütte zu Hütte schicken und dazu Löwenzahnblüten auf ihren Hosen verreiben, zaubert hoffentlich auch auf Ihr Gesicht ein ebenso breites Lächeln wie es, wegen Datenmütze leider unsichtbar, auf den Zügen des ersten Cyberbräutigams liegen wird, wenn er seinen Ehebruch mit einer Computeranimation beichtet. Dafür gibt es kaum ein Vaterunser zu beten, vermutet jedenfalls

HG Hildebrandt

Verkünder der freudigen Mitteilung, dass die Nachtblatt-Party am 7. Oktober in der noch zu eröffnenden Bar à DOX stattfindet, Sihlstrasse 73, übliche Zeiten, üblich viele Leute. Bis dann.

Written by hghildebrandt

4. Oktober 2009 at 11:51 am

Veröffentlicht in Szene-Archäologie