Archiv für Dezember 2009
24 neu mit George Michael als Terrorist
Die beliebte Fernsehserie 24, die Nullerjahre hindurch prägend auf die TV-Ästhetik, hat in ihrer siebten Auflage ein kleines Problem. Nicht, dass ich sie nicht wie ein Bekloppter durchgeguckt hätte, in drei Schichten à 2 DVD, sondern mir persönlich gefiel es einfach nicht, dass Tony Almeida plötzlich aussieht wie George Michael. Und dass ein Staat in Afrika so heissen soll, wie ein Mitbürger mit Migrationshintergrund «Sankt Gallen» aussprechen würde oder könnte, nämlich “Sangala”. Hat mich in der ganzen Zeit im Weissen Haus total abgelenkt. Schade drum. Weil die zweite Hälfte war ja so dermassen öde, dass ich sie nur aus Sucht Pflichtbewusstsein zu Ende geguckt habe. Hätte ja noch etwas Lustiges passieren können. Statt dessen wieder die alte öde Kim-Leier. Werden wir noch erleben, wie der kleine Sohn von Kim zum Geheimdienst geht, um seinen morsch gewordenen Grossvater endlich seiner Pflichten zu entheben?
Weniger Einwanderung zulassen, aber trotzdem jeden Südhang verbauen wollen
Die bescheuerten Liberalen und der rechtsnationale Ländlerblock haben sich einmal mehr dazu bekannt, dass sie nicht ruhen werden, bis der letzte Südhang in der Schweiz mit der Hüslipest zugegüselt ist. http://www.tagesanzeiger.ch/schweiz/standard/Das-Parlament-laesst-die-Alpen-links-liegen/story/17303902
Es ist einfach traurig und ermüdend, wie in der Schweiz politisiert wird; denn einerseits scheint man ja keine Einwanderer zu wollen, aber die Leute, die schon hier leben, sollen das Land trotzdem ungehindert mit ihrem Wahnsinn versauen dürfen.
Wann, wann, wann kommt die Pro-Natura-Landschaftsinitiative? Weshalb wird keine neue Alpeninitiative aufgelegt? Woher kommt der plötzlich wieder erstarkte Schwung der isolationistischen Idiotenfraktion?
Gimer Bonuss und Bire, dänn chumi wieder füre. Zum kindlichen Materialismus.
Nach meiner kurzen, aber intensiven Schicht als Samichlaus am 6. Dezember ging ich mich verschwitzt nach Hause umziehen. Den Bart liess ich unterhalb meines Kinns runterbaumeln, die Kapuze stand offen, der Gurt war lose – ein schauderhaftes Chlaus-Tenü. Ich begegnete einem jungen Paar, das einen Abendspaziergang machte. “Hoi Samichlaus”, sagte die Frau, und hielt ohne weitere Worte die Hand auf. “Schicht schon fertig”, war meine Antwort, stimmte auch, mein Kaffeesack war geleert, die Kinder beschenkt.
Mir kam der Gedanke, dass drei von vier Kindern bei meinem Besuch nur den Vers vom “Sami-niggi-näggi” beherrschten, der allein fürs “wieder hinderem Ofe füre cho” mit den “Nuss und Bire” rausrücken sollte. Unter den Gofen grassiert der reinste Materialismus!, dachte ich. Das Versli klingt ja wie ein befristeter Arbeitsvertrag. Und die Erwachsenen, wie die junge Frau eben, machen es ihnen vor! Dabei wissen die Kinder noch gar nichts davon, wie viele Leute auch dieses Jahr nur ihr Bonüssli in der Birne haben … oder anders gesagt: wie schlau jene sind, die kurz nach der Krise schon wieder hinter dem Ofen der Steuerzahler hervor kamen, um mächtig abzucashen. Es dunklet scho im Tannewald …
Na ja, ich hatte keinesfalls meinen Chlaus-Einsatz mit solch doofem Kulturpessimismus beenden wollen. Kinder sind schlau; sie sind Minimalisten. Daran, dass sich das simpelste Sprüchli durchgesetzt hat, ist vermutlich einfach die Tatsache schuld, dass der Chlaus chronisch viel zu warm hat in den Stuben, die er besucht. Der Chlaus will raus, und zwar asap. Da gibt man sich halt mit dem erstbesten Spruch zufrieden, rückt die Nüsse und Schöggeli raus und keucht erleichtert auf, wenn der Auftritt zu Ende ist. Scheint irgendwie zum Ritual zu gehören.
Dass sich Materialismus und Chlaus-Brauch keineswegs ausschliessen, las ich kürzlich in der «Frankfurter Allgemeinen»; ein Mittelalterforscher hat da belegt, dass Nikolai-Kirchen in den katholischen Regionen eine Art Leitfossil sind, um die Ansiedlung reisender Kaufleute in frühmittelalterlichen Städten zu belegen. Denn der Hl. Nikolaus war der Schutzpatron dieser Kaufleute, die, natürlich die Leute in den Kernstädten mit den Sachen versorgten, welche man im Mittelalter halt so verschenkte. Samichlaus gleich Schenken. Nicht etwa gleich Kinder Belehren, Respektiertwerden oder auch nur gleich “setz dich besser nicht neben deinen Kamin mit deinem Bart”. Aber immerhin: Es ist Tradition und nicht erst so, seit ich den Chlaus mache. Man sieht sich in der langen Linie von Chläusen, die den Materialismus und dessen Kritik aufgrund einer eigenen Erfahrung im gleichen Moment erleben. Muss man auch erst mal hinkriegen! Aber Bärte, die etwas weniger warm geben, wären vermutlich eine Marktlücke.
Küchenpoet
Erschienen am 18. Juni 2000 in der SonntagsZeitung.
Er spinnt und steht dazu: Die Menüs von Starkoch Ferran Adrià sind eigenwillige Gedichte
Kleine Verrücktheiten» stehen zum Schluss des Degustationsmenüs auf der Karte, «pequeñas locuras». Der
Mann, der hier kocht, heisst Ferran Adrià, und etwas Verrücktes hätte es zum Abschluss dieses Essens
nicht mehr gebraucht. Adrià spielt nicht nur über die ganze Länge des Menüs verrückt, er spinnt jeden Tag.
Vielleicht kommt daher sein ausgeprägtes Selbstbewusstsein, wie er da sitzt im Garten seines Lokals «El
Bullí», zwei Stunden ausserhalb Barcelonas in einer Sandbucht beim Städtchen Rosas versteckt. In rauem
Spanisch und recht mürrisch definiert er seine Mission: «Wenn du anders kochen, anders sein willst, ist
dieser Ort hier», er macht eine umfassende Bewegung mit dem rechten Arm, «der Referenzpunkt für dich
und die ganze Welt.»
Ferran Adrià hat seit drei Jahren drei Michelin-Sterne und gilt in der internationalen Fresspresse als
kreativster Koch der Welt. Nicht, dass ihn das kümmern würde, den mittelgrossen Vierziger, einer Bulldogge,
dem Wappentier des «Bullí», nicht unähnlich. Der Mann könnte auf einer hiesigen Baustelle am
Presslufthammer stehn und würde nicht auffallen. Bei dem Gedanken nimmt das Wort Gast-Arbeiter eine
neue Bedeutung an, während Ferran, der einen sofort duzt, sich für ein paar Fragen auf die Terrasse setzt,
nicht nervös, aber angespannt. Es ist ein Uhr mittags, und man sieht dem Mann an, dass er von sich und
seinen Leuten alles fordert.
Adrià wird geradezu heimgesucht von Ideen, die er umsetzen muss
In Küche und Service arbeiten 45 Personen, der Raum fasst etwa 40 Plätze. Das Lokal des Ferran Adrià ist
auf zweieinhalb Monate hinaus ausgebucht und die Hälfte des Jahres geschlossen. Weil der Koch sich dann
vom Wahnsinn der Arbeit erholen muss, weil er neue Ideen ausbrütet, weil er seine Köche weiterbildet und
einen Internet-Kochkurs ins Web stellen will bis im Herbst. «Es una locura», sagt er über seinen Terminplan.
Natürlich wolle er weniger arbeiten. «Ab 2003 haben wir nur noch abends offen.»
Ferran Adrià ist ein mutiger Mann, auch wenn er unwirsch daherkommt. Er riskiert, zu denken, was andere
nicht wagen, und wird geradezu heimgesucht von Ideen, die er umsetzen muss. «Mich interessieren keine
neuen Gerichte, mich interessieren Techniken und Konzepte», statuiert der Meister. Er nennt als Beispiel
den Rahmbläser, mit dem er Aromasubstanzen in die Form eines Schaums brachte, den man zwar isst und
schmeckt, aber auf der Zunge nicht spürt. «Vergangenheit. Kennen wir. Zur Zeit arbeiten wir dran, Duft und
Geschmack voneinander zu trennen. Die Leute haben das Riechen verlernt.»
Die praktische Umsetzung von Adriàs neustem Konzept fühlt sich seltsam an. Da sitzt man mit Blick über
eine sandige Bucht im klimatisierten Lokal und isst eine Langustine auf ihrem eigenen, erschlagend nach
Jod und Meer schmeckenden Gelee. Dazu schnüffelt man an einem Rosmarinzweig, der separat gereicht
wird, inklusive Gebrauchsanleitung durch die Bedienung, die verstohlen lächelt ob dem seltsamen Bild, das
sich gleich bieten wird: Die Gäste verdrehen ob dem Geschmack von Meeresfrüchten, dem Gefühl von
glitschigem Gelee und dem Duft des erdig-ätherischen Rosmarins unweigerlich lustvoll die Augen.
Wer beschreiben will, wie Ferran Adrià kocht, kommt in Schwierigkeiten. «Dekonstruktivist» wurde er schon
genannt, «Dalí» oder «Picasso der Küche». Die Komplimente wischt Ferran vom Tisch. «Ich bin kein
Künstler, ich bin Koch. Das ist mein Beruf.» Den macht er seit 17 Jahren, immer kreativ und von der Küche
komplett besessen.
Beim nächsten Gang heisst es: «Diese Erbsensuppe nicht zu schnell, aber in einem Zug trinken.» Was sich
im Mund abspielt, ist unerhört und ungeschmeckt: Das warmflüssige, sämige Erbsenpüree weckt erst
heimatliche Suppengefühle, aber je mehr man das Glas kippt, desto mehr fliesst aus der Tiefe ein eiskühler,
mentholiger Minzenaufguss, der die Geschmacksnerven von der Zunge bis ins Stammhirn in helle
Aufregung versetzt.
Über eine ausgeklügelte Dramaturgie steigert Ferran Adrià diese Verwirrung Gang für Gang bis nahe an die
Überforderung. Da gibt es unverblümt sexuelle Anspielungen wie die Ravioli aus Tintenfisch, deren Inhalt
aus flüssiger Kokosmilch sich in das Hinterland der Zunge ergiesst und einen zum Lachen bringt wie ein
unanständiger Witz. Ähnliche Wirkung zeitigt die kalt glänzende, pornografisch pralle Venusmuschel auf
einem heiss-scharfen Gemüseragout.
Es gibt aber auch die brüchig-zarte Poesie des «Algenkrokants» ganz am Anfang des Menüs: Eine
hauchfeine Kombination aus Zucker, Salz und Algenpapier, das auf der Zunge verschwindet wie der
Schaum einer Dünung am Sandstrand. Es folgt ein Akkord der Seltsamkeit: Randensuppe mit einer Kugel
tiefgekühlten Olivenöls, das sich in süsser Hingabe an die Wärme der dunkelroten Flüssigkeit auflöst, dazu
Geleewürfel von Balsamico-Essig und als Strukturgeber ein weisses Jogurtpulver wie Schnee auf Blut.
Mit einem Salto in die Kindheit eines jeden Gastes zurück
Adriàs Küche kennt keine Traditionen, im «Bullí» ist nichts von gestern. «Tradition?», blafft er. «Das ist eine
Manipulation des Zeitablaufs. Ich glaube an Geschichte. Daran, dass Alltägliches wie die Tomate einmal
exotisch war.»
Und so spinnt der Verrückte von Rosas seine Partitur weiter: Er kombiniert Kakao zu Kaninchen, er macht
Nudeln aus Hühnersuppengelatine und serviert sie an getrüffelter Carbonara-Sauce. Er umgiesst bissfeste
Entenmuscheln mit Gelee von Lapsang-Rauchtee und schliesst die Sinfonie des Wahnsinns mit einem Salto
rückwärts in die Kindheit eines jeden Gastes ab – einem süsslichen Kartoffelstock mit Vanille und frischem
Eigelb, wozu man wieder eine Vanilleschote zu schnüffeln bekommt, um den Geschmack via Nase ins
Hyperrealistische zu verstärken.
Nach all den grossen Verrücktheiten dieser Fluxus-Performance folgen endlich die «pequeñas locuras»,
präsentiert auf kubistisch geformtem Silbergeschirr – von Ferran selbst entworfen, damit die
Schokolade-Petitsfours mit japanischem Meerrettich, Tabak oder rotem Pfeffer zur Geltung kommen. Der
Gast ist erschöpft von einer Reise, die sich kein Gaumen träumen lässt.
«Hört auf, immer über diesen Adrià zu schreiben», sagen die Leute in Barcelona, «wir können selbst nicht
mehr hingehen, weil Leute aus der ganzen Welt nach Rosas reisen.» Aber man kann nicht aufhören, über
«El Bullí» zu reden. Unweigerlich erinnert man sich daran, wie Ferran Adrià, der verrückte Meister des
Verschmelzens von Kontrasten, einem die gesamte kulinarische Festplatte zum Absturz gebracht und
kurzerhand neu sortiert hat. Nach einem Essen im «Bullí» isst man anders, das Wortspiel sei vergeben. Man
schätzt auch einfaches Essen mehr denn je, die Rösti zu Hause wird zur Offenbarung.
Aber zuvor trifft man beim Rausgehen nochmals den Künstler, der jetzt, vier Stunden später, nicht mehr
mürrisch ist. Sondern zufrieden darüber, wie er mit seinen Spinnereien die Gäste beglückt hat. Und er
entlässt sie mit einem Handschlag, «hasta pronto» und einem kumpelhaft-wissenden Lächeln.

