24 neu mit George Michael als Terrorist

Die beliebte Fernsehserie 24, die Nullerjahre hindurch prägend auf die TV-Ästhetik, hat in ihrer siebten Auflage ein kleines Problem. Nicht, dass ich sie nicht wie ein bekloppter Durchgeguckt hätte, in drei Schichten à 2 DVD, sondern mir persönlich gefiel es einfach nicht, dass Tony Almedia plötzlich aussieht wie George Michael. Und dass ein Staat in Afrika so heissen soll, wie ein Mitbürger mit Migrationshintergrund «Sankt Gallen» aussprechen würde oder könnte, nämlich “Sangala”. Hat mich in der ganzen Zeit im Weissen Haus total abgelenkt. Schade drum. Weil die zweite Hälfte war ja so dermassen öde, dass ich sie nur aus Sucht Pflichtbewusstsein zu Ende geguckt habe. Hätte ja noch etwas lustiges passieren können. Statt dessen wieder die alte öde Kim-Leier. Werden wir noch erleben, wie der kleine Sohn von Kim zum Geheimdienst geht, um seinen morsch gewordenen Grossvater endlich seiner Pflichten zu entheben?
Weniger Einwanderung zulassen, aber trotzdem jeden Südhang verbauen wollen
Die bescheuerten Liberalen und der rechtsnationale Ländlerblock haben sich einmal mehr dazu bekannt, dass sie nicht ruhen werden, bis der letzte Südhang in der Schweiz mit der Hüslipest zugegüselt ist. http://www.tagesanzeiger.ch/schweiz/standard/Das-Parlament-laesst-die-Alpen-links-liegen/story/17303902
Es ist einfach traurig und ermüdend, wie in der Schweiz politisiert wird; denn einerseits scheint man ja keine Einwanderer zu wollen, aber die Leute, die schon hier leben, sollen das Land trotzdem ungehindert mit ihrem Wahnsinn versauen dürfen.
Wann, wann, wann kommt die Pro-Natura-Landschaftsinitiative? Weshalb wird keine neue Alpeninitiative aufgelegt? Woher kommt der plötzlich wieder erstarkte Schwung der isolationistischen Idiotenfraktion?
Gimer Bonuss und Bire, dänn chumi wieder füre. Zum kindlichen Materialismus.
Nach meiner kurzen, aber intensiven Schicht als Samichlaus am 6. Dezember ging ich mich verschwitzt nach Hause umziehen. Den Bart liess ich unterhalb meines Kinns runterbaumeln, die Kapuze stand offen, der Gurt war lose – ein schauderhaftes Chlaus-Tenü. Ich begegnete einem jungen Paar, das einen Abendspaziergang machte. “Hoi Samichlaus”, sagte die Frau, und hielt ohne weitere Worte die Hand auf. “Schicht schon fertig”, war meine Antwort, stimmte auch, mein Kaffeesack war geleert, die Kinder beschenkt.
Mir kam der Gedanke, dass drei von vier Kindern bei meinem Besuch nur den Vers vom “Sami-niggi-näggi” beherrschten, der allein fürs “wieder hinderem Ofe füre cho” mit den “Nuss und Bire” rausrücken sollte. Unter den Gofen grassiert der reinste Materialismus!, dachte ich. Das Versli klingt ja wie ein befristeter Arbeitsvertrag. Und die Erwachsenen, wie die junge Frau eben, machen es ihnen vor! Dabei wissen die Kinder noch gar nichts davon, wie viele Leute auch dieses Jahr nur ihr Bonüssli in der Birne haben … oder anders gesagt: wie schlau jene sind, die kurz nach der Krise schon wieder hinter dem Ofen der Steuerzahler hervor kamen, um mächtig abzucashen. Es dunklet scho im Tannewald …
Na ja, ich hatte keinesfalls meinen Chlaus-Einsatz mit solch doofem Kulturpessimismus beenden wollen. Kinder sind schlau; sie sind Minimalisten. Daran, dass sich das simpelste Sprüchli durchgesetzt hat, ist vermutlich einfach die Tatsache schuld, dass der Chlaus chronisch viel zu warm hat in den Stuben, die er besucht. Der Chlaus will raus, und zwar asap. Da gibt man sich halt mit dem erstbesten Spruch zufrieden, rückt die Nüsse und Schöggeli raus und keucht erleichtert auf, wenn der Auftritt zu Ende ist. Scheint irgendwie zum Ritual zu gehören.
Dass sich Materialismus und Chlaus-Brauch keineswegs ausschliessen, las ich kürzlich in der «Frankfurter Allgemeinen»; ein Mittelalterforscher hat da belegt, dass Nikolai-Kirchen in den katholischen Regionen eine Art Leitfossil sind, um die Ansiedlung reisender Kaufleute in frühmittelalterlichen Städten zu belegen. Denn der Hl. Nikolaus war der Schutzpatron dieser Kaufleute, die, natürlich die Leute in den Kernstädten mit den Sachen versorgten, welche man im Mittelalter halt so verschenkte. Samichlaus gleich Schenken. Nicht etwa gleich Kinder Belehren, Respektiertwerden oder auch nur gleich “setz dich besser nicht neben deinen Kamin mit deinem Bart”. Aber immerhin: Es ist Tradition und nicht erst so, seit ich den Chlaus mache. Man sieht sich in der langen Linie von Chläusen, die den Materialismus und dessen Kritik aufgrund einer eigenen Erfahrung im gleichen Moment erleben. Muss man auch erst mal hinkriegen! Aber Bärte, die etwas weniger warm geben, wären vermutlich eine Marktlücke.
Küchenpoet
Erschienen am 18. Juni 2000 in der SonntagsZeitung.
Er spinnt und steht dazu: Die Menüs von Starkoch Ferran Adrià sind eigenwillige Gedichte
Kleine Verrücktheiten» stehen zum Schluss des Degustationsmenüs auf der Karte, «pequeñas locuras». Der
Mann, der hier kocht, heisst Ferran Adrià, und etwas Verrücktes hätte es zum Abschluss dieses Essens
nicht mehr gebraucht. Adrià spielt nicht nur über die ganze Länge des Menüs verrückt, er spinnt jeden Tag.
Vielleicht kommt daher sein ausgeprägtes Selbstbewusstsein, wie er da sitzt im Garten seines Lokals «El
Bullí», zwei Stunden ausserhalb Barcelonas in einer Sandbucht beim Städtchen Rosas versteckt. In rauem
Spanisch und recht mürrisch definiert er seine Mission: «Wenn du anders kochen, anders sein willst, ist
dieser Ort hier», er macht eine umfassende Bewegung mit dem rechten Arm, «der Referenzpunkt für dich
und die ganze Welt.»
Ferran Adrià hat seit drei Jahren drei Michelin-Sterne und gilt in der internationalen Fresspresse als
kreativster Koch der Welt. Nicht, dass ihn das kümmern würde, den mittelgrossen Vierziger, einer Bulldogge,
dem Wappentier des «Bullí», nicht unähnlich. Der Mann könnte auf einer hiesigen Baustelle am
Presslufthammer stehn und würde nicht auffallen. Bei dem Gedanken nimmt das Wort Gast-Arbeiter eine
neue Bedeutung an, während Ferran, der einen sofort duzt, sich für ein paar Fragen auf die Terrasse setzt,
nicht nervös, aber angespannt. Es ist ein Uhr mittags, und man sieht dem Mann an, dass er von sich und
seinen Leuten alles fordert.
Adrià wird geradezu heimgesucht von Ideen, die er umsetzen muss
In Küche und Service arbeiten 45 Personen, der Raum fasst etwa 40 Plätze. Das Lokal des Ferran Adrià ist
auf zweieinhalb Monate hinaus ausgebucht und die Hälfte des Jahres geschlossen. Weil der Koch sich dann
vom Wahnsinn der Arbeit erholen muss, weil er neue Ideen ausbrütet, weil er seine Köche weiterbildet und
einen Internet-Kochkurs ins Web stellen will bis im Herbst. «Es una locura», sagt er über seinen Terminplan.
Natürlich wolle er weniger arbeiten. «Ab 2003 haben wir nur noch abends offen.»
Ferran Adrià ist ein mutiger Mann, auch wenn er unwirsch daherkommt. Er riskiert, zu denken, was andere
nicht wagen, und wird geradezu heimgesucht von Ideen, die er umsetzen muss. «Mich interessieren keine
neuen Gerichte, mich interessieren Techniken und Konzepte», statuiert der Meister. Er nennt als Beispiel
den Rahmbläser, mit dem er Aromasubstanzen in die Form eines Schaums brachte, den man zwar isst und
schmeckt, aber auf der Zunge nicht spürt. «Vergangenheit. Kennen wir. Zur Zeit arbeiten wir dran, Duft und
Geschmack voneinander zu trennen. Die Leute haben das Riechen verlernt.»
Die praktische Umsetzung von Adriàs neustem Konzept fühlt sich seltsam an. Da sitzt man mit Blick über
eine sandige Bucht im klimatisierten Lokal und isst eine Langustine auf ihrem eigenen, erschlagend nach
Jod und Meer schmeckenden Gelee. Dazu schnüffelt man an einem Rosmarinzweig, der separat gereicht
wird, inklusive Gebrauchsanleitung durch die Bedienung, die verstohlen lächelt ob dem seltsamen Bild, das
sich gleich bieten wird: Die Gäste verdrehen ob dem Geschmack von Meeresfrüchten, dem Gefühl von
glitschigem Gelee und dem Duft des erdig-ätherischen Rosmarins unweigerlich lustvoll die Augen.
Wer beschreiben will, wie Ferran Adrià kocht, kommt in Schwierigkeiten. «Dekonstruktivist» wurde er schon
genannt, «Dalí» oder «Picasso der Küche». Die Komplimente wischt Ferran vom Tisch. «Ich bin kein
Künstler, ich bin Koch. Das ist mein Beruf.» Den macht er seit 17 Jahren, immer kreativ und von der Küche
komplett besessen.
Beim nächsten Gang heisst es: «Diese Erbsensuppe nicht zu schnell, aber in einem Zug trinken.» Was sich
im Mund abspielt, ist unerhört und ungeschmeckt: Das warmflüssige, sämige Erbsenpüree weckt erst
heimatliche Suppengefühle, aber je mehr man das Glas kippt, desto mehr fliesst aus der Tiefe ein eiskühler,
mentholiger Minzenaufguss, der die Geschmacksnerven von der Zunge bis ins Stammhirn in helle
Aufregung versetzt.
Über eine ausgeklügelte Dramaturgie steigert Ferran Adrià diese Verwirrung Gang für Gang bis nahe an die
Überforderung. Da gibt es unverblümt sexuelle Anspielungen wie die Ravioli aus Tintenfisch, deren Inhalt
aus flüssiger Kokosmilch sich in das Hinterland der Zunge ergiesst und einen zum Lachen bringt wie ein
unanständiger Witz. Ähnliche Wirkung zeitigt die kalt glänzende, pornografisch pralle Venusmuschel auf
einem heiss-scharfen Gemüseragout.
Es gibt aber auch die brüchig-zarte Poesie des «Algenkrokants» ganz am Anfang des Menüs: Eine
hauchfeine Kombination aus Zucker, Salz und Algenpapier, das auf der Zunge verschwindet wie der
Schaum einer Dünung am Sandstrand. Es folgt ein Akkord der Seltsamkeit: Randensuppe mit einer Kugel
tiefgekühlten Olivenöls, das sich in süsser Hingabe an die Wärme der dunkelroten Flüssigkeit auflöst, dazu
Geleewürfel von Balsamico-Essig und als Strukturgeber ein weisses Jogurtpulver wie Schnee auf Blut.
Mit einem Salto in die Kindheit eines jeden Gastes zurück
Adriàs Küche kennt keine Traditionen, im «Bullí» ist nichts von gestern. «Tradition?», blafft er. «Das ist eine
Manipulation des Zeitablaufs. Ich glaube an Geschichte. Daran, dass Alltägliches wie die Tomate einmal
exotisch war.»
Und so spinnt der Verrückte von Rosas seine Partitur weiter: Er kombiniert Kakao zu Kaninchen, er macht
Nudeln aus Hühnersuppengelatine und serviert sie an getrüffelter Carbonara-Sauce. Er umgiesst bissfeste
Entenmuscheln mit Gelee von Lapsang-Rauchtee und schliesst die Sinfonie des Wahnsinns mit einem Salto
rückwärts in die Kindheit eines jeden Gastes ab – einem süsslichen Kartoffelstock mit Vanille und frischem
Eigelb, wozu man wieder eine Vanilleschote zu schnüffeln bekommt, um den Geschmack via Nase ins
Hyperrealistische zu verstärken.
Nach all den grossen Verrücktheiten dieser Fluxus-Performance folgen endlich die «pequeñas locuras»,
präsentiert auf kubistisch geformtem Silbergeschirr – von Ferran selbst entworfen, damit die
Schokolade-Petitsfours mit japanischem Meerrettich, Tabak oder rotem Pfeffer zur Geltung kommen. Der
Gast ist erschöpft von einer Reise, die sich kein Gaumen träumen lässt.
«Hört auf, immer über diesen Adrià zu schreiben», sagen die Leute in Barcelona, «wir können selbst nicht
mehr hingehen, weil Leute aus der ganzen Welt nach Rosas reisen.» Aber man kann nicht aufhören, über
«El Bullí» zu reden. Unweigerlich erinnert man sich daran, wie Ferran Adrià, der verrückte Meister des
Verschmelzens von Kontrasten, einem die gesamte kulinarische Festplatte zum Absturz gebracht und
kurzerhand neu sortiert hat. Nach einem Essen im «Bullí» isst man anders, das Wortspiel sei vergeben. Man
schätzt auch einfaches Essen mehr denn je, die Rösti zu Hause wird zur Offenbarung.
Aber zuvor trifft man beim Rausgehen nochmals den Künstler, der jetzt, vier Stunden später, nicht mehr
mürrisch ist. Sondern zufrieden darüber, wie er mit seinen Spinnereien die Gäste beglückt hat. Und er
entlässt sie mit einem Handschlag, «hasta pronto» und einem kumpelhaft-wissenden Lächeln.
Ali Kebap sagt: Zurück auf die Alp, du urbaner Fremdschämer!
Die Konsequenz des Minarettverbot-Ja: Auswandern nach Pristina, protestantische Kirchen bauen. Die Herleitung: Folgt hier unten.
Während die SVP für ihre trümmligen Initiativen in der Regel etwas über 30 Prozent der Stimmbürger mobilisiert, waren es diesmal 27 Prozent mehr. Das war eine schmerzhafte, aber wirkungsvolle Art, die krisenbedingte Zunahme an Modernisierungsverlierern in diesem Land zu bestimmen.
Es war auch eine wirkungsvolle Art, hochgezogene muslimische Augenbrauen zu sehen, die der Schweiz mit Geraune allerlei Konsequenzen in Aussicht stellten, dabei vor allem vom Geld redend, das der Schweizer so liebt. Als wäre das Geld der reichen Leute aus islamischen Ländern bis gestern wegen unserer grossartigen Toleranz in der Schweiz ausgegeben oder investiert worden. Und nicht wegen unserem grossartigen Talent, investiertes Geld zu vermehren oder schöne Uhren zu bauen.
Egal: Eines der wichtigen Argumente gegen die Initiative war doch immer, dass sich die hier lebenden Muslime gar nicht besonders für Moscheen und noch weniger für Minarette interessieren. Geschweige denn irgendwer anders irgendwo auf der Welt. Wir sind doch nur ein Fliegendreck mitten in Europa. Ich finde, die Schweiz sollte etwas Verständnis dafür erwarten dürfen, dass ein gewisser bildungsferner Anteil der Bevölkerung glaubt, mit einem Minarettverbot den Sonnenbrillenheini zu ärgern, der zwei unserer Jungs seit Monaten gefangen hält. Könnten die Islamerer nicht einfach sagen: «Ok, sind wir halt nicht bei ausnahmslos allen Schweizern beliebt – können wir leben mit. Wir mögen euch ja auch nicht so besonders, mit eurem Bier, euren Bikinis und euren Bratwürsten. Mir eurem Regen und euren Wasserkraftwerken und eurem doofen Baugesetz.» Man muss sich ja nicht unbedingt lieben, um miteinander leben und geschäften zu können. Irgendwie lässt die missbilligende Ankündigung von Vergeltungsmassnahmen und schlechter Presse doch auf die mangelnde Toleranz schliessen, die dieser Religion und von ihr dominierten Systemen innewohnt. Mal sehen, ob nicht der Ober-Imam irgendeines geknechteten Islamer-Landes gegen die Schweiz eine Fatwa erlässt, weil er grad in den nächsten Monaten vorhatte, in Dietlikon-les-Bains oder sonst wo eine Moschee mit Minarett zu bauen. Ganz nebenbei festgehalten, sieht unsere Fahne ja ein bisschen ähnlich aus wie der Danebrog, in dessen Verbrennung Mobs von bärtigen Fanatikern schon einige Übung haben. Sie werden sicher auch mit der quadratischen Schweizer Fahne umgehen können – André Martys Kameramann soll sich schon mal bereit machen. Kleines Spässchen.
Worauf ich ebenfalls verzichten kann: Statements wie das vom Vorsitzenden der Türkischen Gemeinde in Deutschland, Kenan Kolat. «Es zeigt sich, dass die europäischen Gesellschaften noch nicht ganz reif sind für die Zuwanderung und für die Einwanderung», sagte er in der Online-Ausgabe der Süddeutschen Zeitung. Also mir schien es bisher nicht so, als würde der Reifegrad einer Gesellschaft von potenziellen Einwanderern getestet wie die Weichheit eines Camemberts, bevor man dann einrückt, im Gepäck eine Religion, die andere Religionen nicht toleriert – wohl eine Reifegrad-Kennermiene im Gesicht, aber ohne Begeisterung für das Einwanderungsziel. Ist ja nicht tolerant da (ganz im Gegensatz zum paradiesischen Ostanatolien). Aber ebä, sich wegen Herrn Kolat über Gebühr aufzuregen, wäre wohl ein tatsächliches Zeichen von Unreife.
In vielen Blog- und Facebookeinträgen war davon die Rede, dass man sich angesichts des Abstimmungsresultats zur Minarettinitiative seines Schweizerseins schäme (sogar fremdschäme, aber das geht glaubs nicht, denn man ist auch als Nein-Stimmer Teil des Souveräns, halt einfach Teil der Minderheit, die verloren hat). Das würde ja heissen, dass man vor der Abstimmung ganz glücklich mit der Schweiz, oder gar stolz über die doch eher zufällige Zuteilung einer Staatsbürgerschaft gewesen wäre.
Meine Empfindung ist eher die von Indifferenz; die Schweiz ist für uns alle eine haltungsneutrale, pflegeleichte Benutzeroberfläche und hat darum bei christlich geprägten wie muslimischen Einwanderern einen ansehnlichen Erfolg. Die Schweiz ist vielleicht eine Hochburg der gelebten Toleranz, aber darauf sollte man besser nicht stolz sein, denn die hiesige Toleranz gründet zu einem guten Teil auf Pragmatismus, dem kleinen Bruder der Denkfaulheit. Wer sich jetzt für die Schweiz schämt, ist genauso hirnlos wie jener, der sich Mitte November über einen Hilfs-Weltmeistertitel im Fussball freute. Solch ein belangloser, einlullender Nationalistenquark wird ernstgenommen und gefeiert, als hätte irgendjemand ausser den Sportlern selbst und ihren Betreuern etwas dafür geleistet! Die Schweiz ist übrigens auch, und das wäre viel schämenswerter, eine Hochburg der Spekulation und der rücksichtslosen, egoistischen Gier, wovon unsere versaute Landschaft ein deprimierendes Zeugnis ablegt. Dafür hab ich schon länger keinen sich schämen gesehen. Wäre aber wesentlich logischer.
Wer sich für die Schweiz wegen des Ja-Resultats schämt, sollte sich erstens fragen, ob er wirklich zur Urne gepilgert ist, um sein Votum abzugeben (Facebook-Gemecker hinterher ist billig) und ob er zweitens mit dem Schämen nicht warten will bis in zehn Jahren, wenn die Schweiz nicht mehr so attraktiv ist und der Verteilkampf um den kleiner gewordenen Wirtschaftskuchen unter den vielen Leuten in diesem Land intensiver wird. Denn parallel zu all den aktuellen Problemen und den gestern neu eingehandelten Polit-Schwierigkeiten ist die EU daran, die Schweiz für einen erzwungenen Beitritt sturmreif zu schiessen – vermutlich im Wunsch, das renitente Land wenigstens noch während ein paar Jahren als Nettozahler zu erleben, bevor wir ebenfalls in Brüsssel Subventionen beantragen müssen, für die das Geld gar nicht da sein wird. Na gut, das ist jetzt aus dem annähernd hohlen Bauch geschrieben – aber woher sollte man auch ernsthafte Informationen zum Thema bekommen?
Die Modernisierungsverlierer, die für die Initiative gestimmt haben, werden in dieser Art von Zukunft nichts weiter einzubüssen haben als ihr von Appenzeller Käse und Francine Jordi geprägtes Selbstbild. Ihr Leben wird weitergehen wie bisher, fremdbestimmt, hilflos grummelnd über “die da oben”, verworrene Kommentare auf 20min.ch verfassend.
Aber was machen wir urbanen Leute, denen Religion egal ist und die am Islam nur stört, dass er einen dazu zwingt, ständig über dieses öde Thema zu diskutieren? Zurück auf den Acker oder die Alp ist keine Option. Wenn der Lebensstandard in der Schweiz wegen Lohndruck durch Einwanderung und wegen schwindender Einnahmen aus dem Bankengeschäft auf EU-Niveau sinkt: Wann kippt die Attraktivität der Schweiz in ihr Gegenteil und ist es nicht mehr nur eine hässige Modejournalistin, die die das Feld räumt, um „international mit dem Vorurteil über den hohen Lebensstandard in der Schweiz aufzuräumen“ (Wäis Kiani auf Facebook, sehr lustig)? Wann wird die Schweiz wieder zum Auswanderungsland und wann ziehen wir alle als EU-Bürger nach Pristina, schöne protestantische Kirchen bauen? Natürlich zum Beten, nicht im Sinn eines Toleranztests. Und zwischendurch hoffen wir darauf, dass die Landschaftsinitiative angenommen wird.
Gottfried Keller über den State of Play der Medienblogs
In der NZZ schrieb der geschätzte Rainer Stadler (ras) kürzlich über medienkritische Blogs.
Im Blog medienspiegel.ch wurde mit berechtigtem Stolz darauf verwiesen. Lesenswert, weil teils richtig, ist aber auch der Kommentar eines Herrn California und die Dupliken darunter (hoffentlich hab ich die Mehrzahl richtig hingekriegt).
Ich habe «State of Play» sowohl als Film wie als Miniseries gesehen und weiss deshalb, dass Blogs in anderen Kulturen tatsächlich wichtig sind. Aber bei uns sind sie das nun mal nicht, Blogs und insbesondere Medienblogs sind bei uns nichts weiter als unbezahlter Unterhaltungssjournalismus. Und führwahr, was das ist, muss ich ja wissen, hat mich doch Ueli Haldimann höchstselbst im Chefredaktor-Blog vom 29. 3. 07 als Unterhaltungssjournalisten entlarvt … ist leider nicht mehr online, wird aber weiter unten zitiert. Ich fand Haldimann auch sehr unterhaltend. Seinen Blog gibts nicht mehr. Warum wohl? Und warum mögen die Schweizer ihre Medien nicht ausreichend, um ihnen auch mal etwas Kritik zuzumuten? Dazu vielleicht ein andermal mehr. Mir gehts hier um etwas anderes.
Wenn ich gerade keine Blogs lese oder Filme gucke, lese ich gern in meiner Gottfried-Keller-Dünndruckausgabe aus dem Bücherbrocki. In «Die missbrauchten Liebesbriefe» brachte mich eine Passage zum Lachen. Eine Nebenfigur, der Kellner Georg Nase, redet in der Exposition der Geschichte nämlich mit einem alten Wirtshausgänger und gibt sich als einstiger Schriftsteller zu erkennen. Mir schien es, als könnte man die Bloggerszene nicht treffender beschreiben als “Georges d’Esan”, deshalb zitiere ich hier Keller, verdankenswerterweise online gebracht vom Projekt Gutenberg, und bitte, lest das Zitat bis zum Ende, denn die Präzision ist umwerfend. Sogar das in Blogs so beliebte Phänomen des Linkschleuderns hat Keller schon vorweggenommen. Klasse! Die Einsichten Kellers über das «Schriftsteller»-Gewerbe aka Medienblogger sind fast schon schmerzhaft präzise.
Weiter unten kommt dann noch der Text von Ueli Haldimann über meine Person. Aber erst Georg Nase:
«Ich hatte eben keinen Stoff als sozusagen das Schreiben selbst. Indem ich Tinte in die Feder nahm, schrieb ich über diese Tinte. Ich schrieb, kaum daß ich mich zum Schriftsteller ernannt sah, über die Würde, die Pflichten, Rechte und Bedürfnisse des Schriftstellerstandes, über die Notwendigkeit seines Zusammenhaltens gegenüber den andern Ständen, ich schrieb über das Wort Schriftsteller selbst, unwissend, daß es ein echt deutsches und altes Wort ist, und trug auf dessen Abschaffung an, indem ich andere, wie ich meinte, viel geistreichere und richtigere Benennungen ausheckte und zur Erwägung vorschlug, wie zum Beispiel Schriftner, Tinterich, Schriftmann, Buchner, Federkünstler, Buchmeister und so fort. Auch drang ich auf Vereinigung aller Schreibenden, um die Gewährleistung eines schönen und sichern Auskommens für jeden Teilnehmer zu erzielen, kurz, ich regte mit allen diesen Dummheiten einen erheblichen Staub auf und galt eine Zeitlang für einen Teufelskerl unter den übrigen Schmierpetern. Alles und jedes bezogen wir auf unsere Frage und kehrten immer wieder zu den ›Interessen‹ der Schriftstellerei zurück. Ich schrieb, obgleich ich der unbelesenste Gesell von der Welt war, ausschließlich nur über Schriftsteller, ohne deren Charakter aus eigener Anschauung zu kennen, komponierte ›ein Stündchen bei X.‹ oder ›ein Besuch bei N.‹ oder ›eine Begegnung mit P.‹ oder ›einen Abend bei der Q.‹ und dergleichen mehr, was ich alles mit unsäglicher Naseweisheit, Frechheit und Kinderei ausstattete. Überdies betrieb ich eine rührige Industrie mit sogenannten ›Mitgeteilts‹ nach allen Ecken und Enden hin, indem ich allerlei Neuigkeitskram und Klatsch verbreitete. Wenn gerade nichts aus der Gegenwart vorhanden war, so übersetzte ich die Sesenheimer Idylle wohl zum zwanzigsten Male aus Goethes schöner Sprache in meinen gemeinen Jargon und sandte sie als neue Forschung in irgendein Winkelblättchen. Auch zog ich aus bekannten Autoren solche Stellen, über welche man in letzter Zeit wenig gesprochen hatte, wenigstens nicht meines Wissens, und ließ sie mit einigen albernen Bemerkungen als Entdeckung herumgehen. Oder ich schrieb wohl aus einem eben herausgekommenen Bande einen Brief, ein Gedicht aus und setzte es als handschriftliche Mitteilung in Umlauf, und ich hatte immer die Genugtuung, das Ding munter durch die ganze Presse zirkulieren zu sehen. Insbesondere gewährte mir der Dichter Heine die fetteste Nahrung; ich gedieh an seinem Krankenbette förmlich wie die Rübe im Mistbeete.»
Und jetzt noch Ueli Haldimann:
Eins ist nichts, zwei sind viele, drei sind ein Trend
Von Ueli Haldimann
Es gibt eine alte Journalistenregel, die lautet: Eins ist nichts, zwei sind viele, drei sind ein Trend. Nach diesem Motto hat der Unterhaltungsjournalist Hans Georg Hildebrandt in der letzten SonntagsZeitung eine grosse Story geschrieben, in der er mit Aussagen von ein paar Bekannten einen Trend herbeischreibt. Dieser lautet: Immer mehr Leute haben beschlossen, ein Leben ohne Fernseher zu führen.
Illustriert ist die Story mit einem Foto, auf dem eine Mensch ein Fernsehgerät durch eine Glasscheibe wirft. Auf dem zweiten zertrümmert er das Gerät mit dem Vorschlaghammer. Das hat sicher Spass gemacht.
Doch leider lässt sich der im Text gestemmte Trend nicht belegen. Der Fernsehkonsum ist nicht rückläufig. HerrHildebrandt kennt also mindestens zwei Journalistenregeln. Die zweite lautet: Ich lasse mir durch Fakten meine Story nicht kaputtmachen.
Im Text erfahren wir, man gewinne ungemein an Lebensqualität, wenn man all die kultigen TV-Serien und Filme nicht mehr zur vorgegebenen Zeit im Fernsehprogramm schaut. Sondern ab DVD, wenn es einem beliebt. Leuchtet ein. Spätestens dann merkt man auch, dass der Ratschlag der SonntagsZeitung, den Fernseher zu zertrümmern, vielleicht doch nicht so eine gute Idee war.
Ventresca di Tonno
Gleich bei mir um die Ecke an der Dufourstrasse 97 in Zürich hat der Weinküfer Donat Gut einen kleinen Shop aufgemacht. Neben vielen spannenden Produkten verkauft er Ventresca vom Thon aus dem kantabrischen Meer. Die Fischereiindustrie hat sich bekanntlich eben gewisse Beschränkungen auferlegt; aber mit Industrie hat diese Ventresca (steht für den fetten Bauchlappen des Fisches) eh nichts zu tun. Die Familie Olasagasti fängt ihre Thone mit der Angelrute und verarbeitet den Fisch gleich vor Ort. Eine solche Dose aufmachen, heisst, sie verstohlen und ohne jede Beilage einfach weggabeln. Das ist so aromatisch, aber vor allem im Mund so seidig und schmatzig, dass es einem den Rücken runterläuft. Sauteuer ist es auch (CHF 16 der Pop), aber das soll ja so sein mit grossen Vergnügen. Ich empfehle den Besuch bei Donat Gut, insbesondere auch den Weissen des Priorat-Gutes Clos Dominic und die feinen Eier-Tajarin. Der Grappa ist auch nicht zu verachten … ach, geht einfach selbst hin.
Kein Zwergkaminchen: Die Zigarre
Pro-Zigarren-Text aus der SonntagsZeitung. Etwas antiquiert, da der Zigarrenhype längst vorüber ist. Hat mir aber trotzdem gefallen beim Wiederlesen. Nur für themenaffine Leser.
Nichtraucher haben etwas Beschränktes, wenn sie vom Nebentisch aus ihre Nasen rümpfen. «Ein Stumpen», sagen sie gerne, «das stinkt.» Auch Ignoranz ist Pflicht. Zwischen Massenware aus der Stumpenfabrik und handgefertigten Kopfzigarren mit Abschlusswickel wird nicht unterschieden. Statt dessen assoziieren Nichtraucher diese genussvolle Art des Qualmens mit Nadelstreif-Patrons, die nach dem Mittagessen eine Cohiba Lancero für dreissig Franken im Gesicht stecken haben.
Aber die klischeefrohen Zeiten sind vorbei. Zum Glück. Das Zigarrenrauchen, eigentlicher Grund für meine Kuba-Reise Anfang der Neunziger, hätte ich ungern wieder aufgegeben. Ich erinnere mich gut an einen Moment: Am verlassenen Pool dröhnte die Salsa, in der Ferne lag dunstig-verklärt die Stadt Santiago de Cuba, und ich liess den Rauch einer frisch gewickelten Zigarre in den tropischen Himmel steigen. Der Duft in meinem Hotelzimmer war – schnüffel, schnüffel – einfach balsamisch. Bis heute erinnert mich jede gerauchte Zigarre an diese verzauberte Minute. Und bis heute ist jedes Rauchritual ein Genuss, während Hektik und Haarausfall ihre Plätze auf der Prioritätenliste räumen. Ruhe kehrt ein, der Horizont rückt ein Stück weg, die Stunde des Zigarrengenusses wird zu einem einzigen zufriedenen Lächeln.
Einige Vorbehalte der Tabakhasser sind berechtigt. Toscanelli und andere bitumenschwarze Erzeugnisse der Tessiner Zigarrenindustrie gehören nur im Freien geraucht, auf der Skiterrasse zum Schümli-Pflümli. Aber es ist nicht alles schlecht, was braun ist und brennt. Zu viele ausgewiesene Geniesser sind unter den Zigarrenrauchern.
Zu den differenziertesten Tabakfreunden gehörte sicher Hermann Burger. Als sprachmächtiger Schweizer Autor und Freund von Bundesrat Kaspar Villiger widmete er jedes Kapitel seines letzten Buchs «Brenner» einer anderen Zigarre. Der kranke Erzähler vertieft sich in Gespräche mit einem emeritierten Professor, in die Geschichte des Brenner- oder eben Villiger-Clans sowie in den Genuss der «trockenen Trunkenheit». Burger beschreibt, wie ihn die Gerüche seines geliebten Rauchzeugs Proust verwandt in verschiedene Welten entführen, und versteigt sich zur Aussage, er esse nur, um rauchen zu können.
Zigarrenrauchen ist die schönste Verknüpfung von Poesie und Luxus, von geschichtsbewusstem Kolonialwarengenuss und hedonistischem Abfackeln einer Zehn- oder meinetwegen Zwanzigfrankennote.
Obwohl es in Honduras und der Dominikanischen Republik längst fast ebenbürtige Provenienzen gibt, glaube ich an die Legende vom besten Tabak der Welt, der nun mal auf Kuba wächst und dort auch am unmaschinellsten und leidenschaftlichsten gepflegt wird. Weshalb sollte es sonst in glücklichen Städten wie Zürich eine «Casa del Habano» geben, wo ausschliesslich kubanische Zigarren im begehbaren Humidor auf Käufer warten? Die Varianten sind so zahlreich wie die Aromen, die eine gute Zigarre zu entfalten in der Lage ist. Nicht unerwähnt bleiben soll auch die angenehme Wirkung der legalen Droge Nikotin: «Es beruhigt mich und gibt mir gleichzeitig Energie», wie Arnold Schwarzenegger verharmlosend sagte.
In Massen genossen, wird die Zigarre der Gesundheit nicht mehr schaden als ein Spaziergang an der frischen Winterluft, ganz im Gegensatz zur gefässtötenden Zigarette. Doch sollte man die Zigarre nie mit dem Zwergkaminchen der inhalierten Alltagshektik auf eine Stufe stellen. Wenn die Zigarre im Aschenbecher ihr Leben aushaucht, sollte man ein gutes Essen hinter sich haben und ein Glas Portwein vor sich. Glück im Alltag ist vielleicht selten, aber ein Teil davon ist käuflich. Wer etwas dagegen hat, versteht nicht zu leben.
Beichtstuhlmusik

Finger weg oder Ohrenweh.
Kurzkolumne aus dem «Trend»-Bund der SonntagsZeitung, erschienen 1999. Meine Polemik blieb natürlich ohne jede Wirkung, die Truppe feiert derzeit ihr zehnjähriges Bestehen.
Wir hatten Wassermusik, wir hatten Feuerwerksmusik und wir hatten Fahrstuhlmusik. Als neusten Ausfluss der globalen Unterhaltungsindustrie liefert man uns konsequenterweise Beichtstuhlmusik: Die Retortengruppe «Gregorian» präsentiert zum festlichen Jahresende ihr Album «Masters of Chant». Es kommt daher, als hätte ein verwirrter Doktor Guildo Horn mit Uriella gekreuzt und ins Kloster gesperrt. Das Produkt stellt gemäss Promo-Text «die Popmusik auf den Kopf und konfrontiert sie mit einem Choralstil, der sich um das Jahr 600 unter Papst Gregor dem Ersten in Kirchen und Abteien entwickelte.» Natürlich ist solche Musik nur nach dem Verzehr einer Klinikpackung Ponstan geniessbar. Das aufgeblasene Geseire des Pressetextes, das wie die Musik an die Formation Enigma («Sade, donne-moi, Sade, dis-moi») erinnert, ist einfach ekelhaft. Die «zwölf enigmatischen Choral-Sänger» und ihr «spirituelles Sound-Ereignis» klingen abgeschmackt wie Hostien hundert Jahre jenseits des Ablaufdatums. Das ginge ja alles, und «Brothers In Arms» können sie meinetwegen behalten. Aber musste sich diese Armee der Schreckensmönche an schönen Songs wie «Vienna» von Ultravox und «Losing my Religion» von REM vergreifen? Dafür werden sie in der Hölle braten. Verzichten Sie auf den Kauf dieses Albums, ausser Sie möchten wissen, wie «Nothing Else Matters» von Metallica klingt, wenn man es mit Millennium-Geraune wattiert. «Ist der Song neu?», könnte man analog zum Weichspüler-Werbespot aus dem Fernsehen fragen. «Nein», wäre die Antwort, «mit Choral gewaschen.»
Schnäuze für Big Brother
Wer erinnert sich noch an die Schweizer Ausgabe von «Big Brother» auf dem längst verstorbenen Sender TV3? Ich schrieb damals für die «SonntagsZeitung» eine wöchentliche Kolumne, in der ich auf die vergangenen Tage zurückblickte und Erkenntnisse zu gewinnen versuchte. Der folgende Text widmet sich dem Phänomen, dass es in der Schweiz kein anständiges Proletariat mehr gibt. Muss um das Jahr 2000 herum gewesen sein. Unschuldige Zeiten. Wobei, irgendeine fremdenfeindliche Abstimmung war auch damals ein Thema. Welche es war, werde ich vielleicht noch nachschlagen …
Bei aller Liebe zum Schweizer «Big Brother» stellen sich mitunter Abnützungserscheinungen ein. Ich verschwende meine Zeit darum ab und zu auch mit der deutschen Neuauflage.
Dort dominiert nicht das Aneinandervorbeimogeln ohne Konflikte, als wäre jeder Teilnehmer eine eigene Sprachregion. Vielmehr wird das dröhnend proletarische Selbstbewusstsein von Leuten wie dem bärtigen «Rocker» Harry gepflegt. In der Glattfelder Engnis versuchen nur immer alle, so gut wie möglich dazustehen, sogar vor der frisch zugezogenen Katze Filou. Die Rüebli-RS-Atmosphäre, die Küchenclown Stefan verbreitet, wird von seinen Mitspielern nicht mal bis zum Grenzwert vergiftet. Das kommt daher, dass der biedere Schweizer Mittelstand im «BB»-Haus übervertreten ist. Was wiederum seinen Grund darin hat, dass die Schweiz der Schweizer Bürger nur aus Mittelstandspersönlichkeiten besteht, die sich am liebsten vom Getriebe der Welt ungestört in einem isolierten Furzgehege aufhalten würden. Sie haben sogar eine Abstimmung organisiert, um zu erfahren, wie verbreitet dieser Wunsch schon ist.
Richtige Proleten, wie man sie bei «Big Brother» Deutschland antrifft, gibts bei uns nicht mehr, weil es keine Jobs mehr für sie gibt. Versicherungsverkäufer oder Kreditsachbearbeiterinnen sind eben Schweizer, Stahlarbeiter und Kanalreiniger sind eher Südosteuropäer mit unsexy Schnauz.
Dass sie mit ihrer Lage unzufrieden sind, ist nachvollziehbar. Erst dürfen sie nicht bei «Big Brother» mitmachen (mit Ausnahme von Spurenelement-Secondo Nadim, der freundlicherweise die gesamte Libidosumme des Containers für sich beansprucht), und heute Abend müssen sie sich anhören, wie viel Prozent der Schweizer Mittelstandspersonen ihre Kanäle lieber wieder selber putzen und die Schweiz in ein proletenfreies Mittelstands-«Big Brother» verwandeln wollen.
Ich mache da nicht mit, sondern plädiere für ein Proll-Brother mit lauter Kanalputzern. Die können dann die Freuden des Nichtstuns geniessen, sich gegenseitig die Schnäuze bürsten und brauchen sich isolationsbedingt nicht drüber aufzuregen, dass sich ein zählbarer Prozentsatz der Schweizer Bürger gegen ihre Existenz ausspricht.
In diesem Container würde es sicher lustiger als im Glattfelder Don’t-Think-Tank. Und die Schweiz könnte sich wieder mit der deutschen Version messen, wo man sich schon am dritten Tag prolo-gerecht im Whirlpool näher gekommen ist.