Jürgen Dollase, Jamie Oliver, Dieter Bohlen und ich
Eben stolperte ich über eine Kritik von FAZ-Gastroautor Jürgen Dollase zu Jamie Olivers neuem Kochbuch. Das veranlasste mich, eine acht Jahre alte Kritik von SonntagsZeitung-Gelegenheits-Gastroautor H.G. Hildebrandt zu Jamie Olivers verflixtem Kochstil hier rein zu posten. Wow, erster Post seit ziemlich langer Zeit. Ich wünsche trotzdem Genuss.
Die Freude darüber ist nicht überall gleich gross. Und das nicht erst, seit man am britischen Institute for Environmental Health festhielt: «Jamie Oliver sprüht Speichel über die Speisen und steckt die Finger in den Risotto, nachdem er sie abgeleckt hat.» Jamie Oliver geht manchen Leuten richtig auf die Nerven. Zum Beispiel einem britischen Webforum-Autor, der dem Koch die schlimmste aller Anbiederungen nachweist, nämlich die an die «Working Class» oder Arbeiterschicht. «Es ist nur Stil und keine Substanz hinter seinem imitierten Cockney-Slang», schreibt Andrew Feathers in 3ammagazine.com. «Ich hasse Jamie Oliver und alles, wofür er steht.»
Da gibt es eine Menge zu hassen. Zum Beispiel steht Jamie Oliver für die wahllose Weiterempfehlung irgendwelcher Musik und Kleider, die ihm von einschlägigen Anbietern geschenkt worden sind, wobei er diese Promotion noch als kumpelhaft dargebotene Stilberatung camoufliert.
Das Schlimmste an Jamie Oliver ist aber seine Küche und der Erfolg, den sie bei Hobbyköchen auch hier zu Lande in wachsendem Ausmass geniesst. Denn Jamie Oliver preist in seinen Sendungen und Büchern Gerichte an, die auf Zufallsbasis zusammengestoppelt sind und bei denen kaum je der reine Geschmack eines Produkts im Vordergrund steht.
Es wirft ein schlechtes Licht auf Kontinentaleuropas Küche, wenn ein Engländer sich an seinen Herden breit macht, der sich einzig dadurch auszeichnet, dass er «die Hände immer voller Kräuter und stets eine Flasche Olivenöl Extra Vergine zur Hand hat», wie ein Buchbesprecher den schwatzenden Dampfkochtopf lobte.
Klar: In England findet man es lustig, wenn einer pro Sendung sechsmal die lustige Wortkombination «extra virgin» in den Mund nimmt und sich in Sauglattismus ergeht, wie einen Lachs für die Zubereitung im Ofen in Zeitungspapier einzuwickeln. Aber die Schweiz wohnt Tür an Tür mit der gesündesten und simpelsten Küche der Welt, nämlich der italienischen. Genau jener Küche, die von Jamie Oliver pausenlos geplündert und auf schludrige Weise den Kochgewohnheiten überarbeiteter und vereinsamter Endzwanziger angepasst wird.
Im Sinn einer Verteidigung unseres guten Verhältnisses zu Italiens Herden sollte man der Oliver-Küche das Vertrauen entziehen: Wir haben sie nicht nötig. Wer je mit etwas Ambition am Herd stand und für seine Freunde kochte, wird Gram empfinden, wenn er im Gegenzug zu einem Menü aus Jamie Olivers Holzhammerkombüse eingeladen wird: Was der Brite während seiner schnoddrig präsentierten Kochereien zubereitet und in den Ofen schiebt, sieht vielleicht halbwegs lecker aus. Die Realität ist aber kein Ort, an dem gleich um die Ecke ein Food-Stylist zur Verfügung steht, um etwas wie den eingangs erwähnten Birnensalat schön anzurichten.
15 minderprivilegierte Jugendliche schwups zu Küchenchefs gemacht
So wirkt die Oliver-Küche schmuddlig und schmeckt Leuten, die von der hiesigen Küche verwöhnt sind, kaum so gut wie dem Vorrat an Freundeskreis-Darstellern, die in den Kochsendungen jeweils Olivers Kreationen verspeisen und eine aufgeräumte Dinnerparty simulieren müssen. Viele Anhänger von Jamie Olivers Küche führen an, dass er immerhin «Spass am Kochen» verbreite. Aber Kochspass ist kein Selbstzweck, und den Speisen nicht ihren Geschmack zu lassen, keine moderne Küche.
Überhaupt nicht mehr zu trauen ist Jamie Oliver, seit der «Naked Chef» seine neuste Sendung lanciert hat: Dafür eröffnete er in London ein Restaurant namens «15», wo er fünfzehn Jugendliche aus minderprivilegierten Kreisen unter den Augen der Fernsehkameras zu Küchenchefs ausbildete. Die stehen jetzt für Londons Hipsters am Herd eines boomenden Lokals. Jamie Oliver entwickelte sich damit zu einem kochenden Dieter Bohlen. Und von denen reicht einer locker.
Smartspiderman. Zu den Zürcher Wahlen.

Nur zur Inspiration von Leuten, die hier zufällig vorbeikommen und ohne missionärrischen Ansatz: Ich habe auf www.smartvote.ch mein politisches Profil erstellt. Aufgrund des von mir ausgefüllten, zugegebenermassen von gegensätzlichen Wünschen geprägten Fragebogens, entstand folgende Liste von Stadträten, die ich wählen könnte – es sei denn, sie würden bis zum Wahltermin noch irgendwelchen ungeschickten Kram von sich geben. Oder sie würden wie André Odermatt beim grafischen Vergleich seines mit meinem Profil schon ergeben, dass wir das Heu bigoscht nicht auf der gleichen Bühne haben. Auch der heftige Ausschlag in Richtung „Law & Order“ beim Profil von Richard Rabelbauer legt nahe, dass sein Name nicht auf meinem Wahlzettel erscheinen wird.
Es hat mir gefallen, dass Smartvote Denise Wahlen von der GLP als Top-Empfehlung angibt, aber der ganze parawissenschaftliche Hintergrund von Frau Wahlen mag mir nicht so recht passen. Irgendwie ist also für mich nicht wirklich was bei in den kommenden vier Jahren.
Trotzdem hier meine vom Computer generierte Liste, die ich mehrheitlich ignorieren werde:
Denise Wahlen
André Odermatt (André who?)
Richard Rabelbauer (keine Stimme für einen Richard)
Martin Waser (werde ich wohl wählen, weil er eingearbeitet ist)
Urs Egger (wähle ich als Gegengewicht zum nächsten)
Daniel Leupi (war eh klar wegen Velo)
Ruth Genner (warum nicht)
Corine Mauch (faute de mieux)
Martin Vollenwyder (leutselig, volksnah, Zahlenmensch – mein genaues Gegenteil, also vertrauenswürdig)
Smartvote ist ein grossartiges Tool, besten Dank. Weitere, von gesundem Menschenverstand inspirierte Empfehlungen gibts bei www.votez.ch.
Einer der letzten Adrià-Schüler im «El Bulli» ist Schweizer
Wie man dem Diners’ Blog der NY Times hat entnehmen müssen, will Ferran Adrià sein „El Bulli“ (hier zu meiner Repo aus dem Jahr 2000) statt nur für die nächsten zwei Jahre (wie angekündigt) gleich ganz zumachen und anstelle des legendenumwobenen Restaurants eine Kochakademie installieren.
Ralph Schelling, ein junger Koch aus der Schweiz, hat noch im vergangenen Herbst ein Stage im „El Bulli“ absolvieren dürfen. Er ist zweifacher Finalist des Kochwettbewerbs «La Cuisine des Jeunes», der von «Schweizer Fleisch» organisiert wird, und Sieger im «Culinary Cup» 2008.
Das «Bulli» war nicht Ralphs einzige Station letztes Jahr, denn er verbrachte ganze 14 Monate auf Reisen in Spanien, lernte auch von den legendären Köchen im Baskenland und bei Heston Blumenthal im «Fat Duck». Eben hat er sich temporär von seinem Job in der Küsnachter «Kunststube» verabschiedet. Kurz: Schelling dürfte der am komplettesten ausgebildete und kreativste junge Koch sein, den die Schweiz im Moment hat. Man muss damit rechnen, in Zukunft noch viel von ihm zu hören.
Warum ich das alles erzähle: Am Sonntag 21. Februar kochte Ralph Schelling live für ein Shooting, das ich für die «Küchen»-Jahresausgabe von «IdealesHEIM» und «Atrium» produzierte. Die Story wird auch in den beiden Heften erscheinen.Es war ein klasse Sonntagnachmittag. Mehr demnächst hier und in den erwähnten Heften.
Das Ende der Schweiz (according to Newsweek)
Den Artikel http://www.newsweek.com/id/233207 sollte man sich nicht entgehen lassen. Liest sich wie aus «Spiegel Online» übersetzt und noch etwas zusätzliche Säure zugegossen.
Achtung, dies ist kein Medienblog. Aber sich einen Kommentar zu folgendem Satz zu verkneifen, wäre ja albern: „Today, however, Switzerland’s cities are grubby, its trains run late, its highways are always under repair, and its politicians often seem provincial.“ Welche von diesen Vorhaltungen stimmt? Ich weiss nur eine. Und dass der Verfasser von Neid getrieben ist. Man kann allerdings kaum bezweifeln, dass schlechte Presse auf Dauer schadet, auch wenn das meiste nicht stimmt oder sich auf temporäre Phänomene bezieht, die über den Horizont des Verfassers hinausgehen.
Der letzte Abschnitt ist trotz doofer Generalisierungen und abwesenden Newswerts einen Gedanken wert: „Still another myth, much touted at home and by Euro-skeptics elsewhere, has been Switzerland’s purported freedom from EU shackles.“ Da ist natürlich was dran. Die EU-Frage muss demnächst neu gestellt werden, und es wird schwierig, einen Weg an der Mitgliedschaft vorbei zu finden; wir sind als Nettozahler einfach zu sexy, wenn PIIGS mit leeren Taschen dastehen.
Eingeholt von der Vergangenheit
Für die „Bellevue“-Seite im Tages-Anzeiger vom 11. Februar 2010 grub Autor Beat Metzler den «Nightlife Guide“ aus, den ich vor 15 Jahren verfasste. Da der grösste Teil der Story aus Quotes meiner Texte besteht (hier jetzt auch online zu lesen) hoffe ich, die Copyrights des Tagi nicht zu ritzen, wenn ich die Geschichte hier nochmals publiziere. Szene-Archäologie in full effect! Ein Telefongespräch mit meiner Person und eine oder zwei aktuelle Quotes hätten der Story aber sicher nicht geschadet. Und jetzt gehts los.
Der Lack der Coolness ist ab
Wie tief in der Vergangenheit das Jahr 1995 liegt, beweisen damalige Zigarettenwerbungen. Keine Warnhinweise verunstalteten die Päcklein. Den Werbern stand das ganze Kartonrechteck zur Verfügung, eine Freiheit, die sie mit endlosen Logovariationen auslebten.
Ähnlich wie den Zigi-Schachteln ist es dem Zürcher Nachtleben ergangen. 1995 gab es – im Unterschied zu heute – viel Platz für viele Ideen, wie der «Nightlife-Guide» aus dem Jahr 1995 zeigt. Die dünne Broschüre, die den Zürchern die Navigation durch ihre nächtliche Stadt erleichtern sollte, erzählt mehr als ein dickes Geschichtsbuch. Sie berichtet, was 15 Jahre «Aufbruch» mit einer Stadt anrichten. Und wie kurz das Verfallsdatum von Coolness ist.
1995 wirft Zürich das Joch der restriktiven Gastro-Gesetze ab. Die Verschiebung der Sperrstunde auf zwei Uhr feiert HG Hildebrandt, Journalist und Autor des «Guide», als durchschlagenden Erfolg. Denn es bestehe «das Bedürfnis für ein Leben nach Mitternacht.»
Heute nur noch gewöhnlich
Die Hochblüte der illegalen Bars nähert sich gerade ihrem Ende. Das legale Angebot kann mit der von Techno hochgeschraubten Party-Euphorie aber noch nicht mithalten. Gerade mal 12 «Partylocations» weiss der «Nightlife-Guide» aufzulisten. Zwei davon liegen in Schlieren. Die Kaserne oder die Katakombe (heute Hive) werden «nur einmal im Monat für einen Abend freigegeben». Regelmässige Veranstaltungen gibts im Dynamo, dem Kanzlei, dem X-tra (das damals noch Palais X-tra hiess und fast beim Hardturm draussen lag), der Roten Fabrik, dem Oxa, dem Roxy und dem Luv. Ein Angebot, das heutige Nachtschwärmer, die per Internet und SMS täglich neue Partyeinladungen kriegen, leer schlucken lässt. Trotzdem nannte der Autor Zürich schon damals eine «Metropole des Nachtlebens».
Erstaunlich ist, wie viele der aufgelisteten Bars und Klubs sich durch die Zeit retten konnten. Die Orte sind geblieben, gewechselt haben Publikum und Ruf. Denn nichts blättert so schnell ab wie der Lack der Coolness. Wissen zu viele Menschen davon (und verbreiten dieses Wissen in «Nightlife-Guides»), löst sie sich auf wie Rauch in einem gut durchlüfteten Fumoir. Als ausgesprochen hip galten 1995: das Babalu («Brüll- und Brabbelstimmung»), der Schlauch («stilvollster Billardsaal der Stadt»), der 2. Akt («am nächsten Tag krankmelden»), das Don Weber («Treffpunkt der Geschmacksvollen»), das Iroquois («Musik direkt von New York und viel Lokalprominenz»), die Limmatbar (hatte einen «Nagelklotz») und die Wüste («eine neue Gastro-Generation und Cyber-Gazetten»). Heute sind das gewöhnliche Orte, wo gewöhnliche Menschen gewöhnliche Getränke zu gewöhnlicher Musik trinken. Sogar das Zic-Zac und die Spaghetti-Factory bekamen das «In-Place»-Etikett geschenkt – 2010 schwer nachvollziehbar. Und ob das Kaufleuten noch heute als «ewig überlaufener Szenetempel» leuchten darf, müsste man diskutieren.
Vor 15 Jahren konzentrierte sich das Nachtleben auf das Niederdorf. Obwohl man schon damals über die Touristenströme, welche die Altstadt fluteten, jammerte, «brummte im Sommer die Rosenhof-Galaxis», und auch sonst ortet der «Guide» hier die meisten «Hot-Spots». Der Exodus in die Kreise 4 und 5 hatte gerade erst begonnen. Tonangebend im Coolness-Orchester waren 1995 die Werber. Ein Besuch der «Kreativen», die Rollkragenpullover zu langen Haaren kombinierten, sicherten jedem Lokal seinen Platz im Szenehimmel. Bestätigte das Ausgehmagazin «Forecast» (1992 bis 2006) die Wertschätzung, war der Laden jeden Abend voll. Ein weiterer Erfolgsgarant hiess «Mexicanita». Margueritas und pseudospanische Namen betrachteten die Zürcher von 1995 als ausserordentlich modern. Auch wer Krokodil- und Straussenfleisch servierte (Turm), gehörte definitiv dazu.
Prominente Gastro-Leichen
Schön einfach schien es vor 15 Jahren zu- und hergegangen zu sein. Doch man sollte nicht leichtfertig über ehemals coole Orte oder coole Menschen spotten. Mit Sicherheit wird man es 2025 total komisch finden, dass die Zürcher 2010 ein paar umgenutzte Cabarets im Kreis 4 für angesagt hielten.
Weiter wird man in 15 Jahren einige tote Lokale beklagen. Das kann man auch heute tun: Das Luv, damals «supi-hip», verschwand 1999, seine Betreiber prägen das Zürcher Nachtleben aber weiterhin. Das Dillon’s an der Almendstrasse («kollektives Unbewusstes der Popkultur») liess sich 2005 von der morbiden Musik, die dort gespielt wurde, mitreissen. Die Fröhlichkeitdes Cubanito («Arschwackelpudding-Alarm») half 2005 nichts mehr gegen die finanziellen Nöte seiner Betreiber. Heute befindet sich im gleichen Raum die Alte Börse. Weitere prominente Gastro-Leichen sind das Back-und-Brau im Steinfels-Areal, dessen Bier perfekt in die ehemalige Seifenfabrik passte, und das Gusto Mondial, eines der ersten «Szene-Lokale» im Kreis 4. Auch die Messe im Roxy, der «Kirche der wahren und ewigen Disco», ist schon lange ausgefeiert.
24 neu mit George Michael als Terrorist
Die beliebte Fernsehserie 24, die Nullerjahre hindurch prägend auf die TV-Ästhetik, hat in ihrer siebten Auflage ein kleines Problem. Nicht, dass ich sie nicht wie ein Bekloppter durchgeguckt hätte, in drei Schichten à 2 DVD, sondern mir persönlich gefiel es einfach nicht, dass Tony Almeida plötzlich aussieht wie George Michael. Und dass ein Staat in Afrika so heissen soll, wie ein Mitbürger mit Migrationshintergrund «Sankt Gallen» aussprechen würde oder könnte, nämlich „Sangala“. Hat mich in der ganzen Zeit im Weissen Haus total abgelenkt. Schade drum. Weil die zweite Hälfte war ja so dermassen öde, dass ich sie nur aus Sucht Pflichtbewusstsein zu Ende geguckt habe. Hätte ja noch etwas Lustiges passieren können. Statt dessen wieder die alte öde Kim-Leier. Werden wir noch erleben, wie der kleine Sohn von Kim zum Geheimdienst geht, um seinen morsch gewordenen Grossvater endlich seiner Pflichten zu entheben?
Weniger Einwanderung zulassen, aber trotzdem jeden Südhang verbauen wollen
Die bescheuerten Liberalen und der rechtsnationale Ländlerblock haben sich einmal mehr dazu bekannt, dass sie nicht ruhen werden, bis der letzte Südhang in der Schweiz mit der Hüslipest zugegüselt ist. http://www.tagesanzeiger.ch/schweiz/standard/Das-Parlament-laesst-die-Alpen-links-liegen/story/17303902
Es ist einfach traurig und ermüdend, wie in der Schweiz politisiert wird; denn einerseits scheint man ja keine Einwanderer zu wollen, aber die Leute, die schon hier leben, sollen das Land trotzdem ungehindert mit ihrem Wahnsinn versauen dürfen.
Wann, wann, wann kommt die Pro-Natura-Landschaftsinitiative? Weshalb wird keine neue Alpeninitiative aufgelegt? Woher kommt der plötzlich wieder erstarkte Schwung der isolationistischen Idiotenfraktion?
Gimer Bonuss und Bire, dänn chumi wieder füre. Zum kindlichen Materialismus.
Nach meiner kurzen, aber intensiven Schicht als Samichlaus am 6. Dezember ging ich mich verschwitzt nach Hause umziehen. Den Bart liess ich unterhalb meines Kinns runterbaumeln, die Kapuze stand offen, der Gurt war lose – ein schauderhaftes Chlaus-Tenü. Ich begegnete einem jungen Paar, das einen Abendspaziergang machte. „Hoi Samichlaus“, sagte die Frau, und hielt ohne weitere Worte die Hand auf. „Schicht schon fertig“, war meine Antwort, stimmte auch, mein Kaffeesack war geleert, die Kinder beschenkt.
Mir kam der Gedanke, dass drei von vier Kindern bei meinem Besuch nur den Vers vom „Sami-niggi-näggi“ beherrschten, der allein fürs „wieder hinderem Ofe füre cho“ mit den „Nuss und Bire“ rausrücken sollte. Unter den Gofen grassiert der reinste Materialismus!, dachte ich. Das Versli klingt ja wie ein befristeter Arbeitsvertrag. Und die Erwachsenen, wie die junge Frau eben, machen es ihnen vor! Dabei wissen die Kinder noch gar nichts davon, wie viele Leute auch dieses Jahr nur ihr Bonüssli in der Birne haben … oder anders gesagt: wie schlau jene sind, die kurz nach der Krise schon wieder hinter dem Ofen der Steuerzahler hervor kamen, um mächtig abzucashen. Es dunklet scho im Tannewald …
Na ja, ich hatte keinesfalls meinen Chlaus-Einsatz mit solch doofem Kulturpessimismus beenden wollen. Kinder sind schlau; sie sind Minimalisten. Daran, dass sich das simpelste Sprüchli durchgesetzt hat, ist vermutlich einfach die Tatsache schuld, dass der Chlaus chronisch viel zu warm hat in den Stuben, die er besucht. Der Chlaus will raus, und zwar asap. Da gibt man sich halt mit dem erstbesten Spruch zufrieden, rückt die Nüsse und Schöggeli raus und keucht erleichtert auf, wenn der Auftritt zu Ende ist. Scheint irgendwie zum Ritual zu gehören.
Dass sich Materialismus und Chlaus-Brauch keineswegs ausschliessen, las ich kürzlich in der «Frankfurter Allgemeinen»; ein Mittelalterforscher hat da belegt, dass Nikolai-Kirchen in den katholischen Regionen eine Art Leitfossil sind, um die Ansiedlung reisender Kaufleute in frühmittelalterlichen Städten zu belegen. Denn der Hl. Nikolaus war der Schutzpatron dieser Kaufleute, die, natürlich die Leute in den Kernstädten mit den Sachen versorgten, welche man im Mittelalter halt so verschenkte. Samichlaus gleich Schenken. Nicht etwa gleich Kinder Belehren, Respektiertwerden oder auch nur gleich „setz dich besser nicht neben deinen Kamin mit deinem Bart“. Aber immerhin: Es ist Tradition und nicht erst so, seit ich den Chlaus mache. Man sieht sich in der langen Linie von Chläusen, die den Materialismus und dessen Kritik aufgrund einer eigenen Erfahrung im gleichen Moment erleben. Muss man auch erst mal hinkriegen! Aber Bärte, die etwas weniger warm geben, wären vermutlich eine Marktlücke.
Küchenpoet
Erschienen am 18. Juni 2000 in der SonntagsZeitung.
Er spinnt und steht dazu: Die Menüs von Starkoch Ferran Adrià sind eigenwillige Gedichte
Kleine Verrücktheiten» stehen zum Schluss des Degustationsmenüs auf der Karte, «pequeñas locuras». Der
Mann, der hier kocht, heisst Ferran Adrià, und etwas Verrücktes hätte es zum Abschluss dieses Essens
nicht mehr gebraucht. Adrià spielt nicht nur über die ganze Länge des Menüs verrückt, er spinnt jeden Tag.
Vielleicht kommt daher sein ausgeprägtes Selbstbewusstsein, wie er da sitzt im Garten seines Lokals «El
Bullí», zwei Stunden ausserhalb Barcelonas in einer Sandbucht beim Städtchen Rosas versteckt. In rauem
Spanisch und recht mürrisch definiert er seine Mission: «Wenn du anders kochen, anders sein willst, ist
dieser Ort hier», er macht eine umfassende Bewegung mit dem rechten Arm, «der Referenzpunkt für dich
und die ganze Welt.»
Ferran Adrià hat seit drei Jahren drei Michelin-Sterne und gilt in der internationalen Fresspresse als
kreativster Koch der Welt. Nicht, dass ihn das kümmern würde, den mittelgrossen Vierziger, einer Bulldogge,
dem Wappentier des «Bullí», nicht unähnlich. Der Mann könnte auf einer hiesigen Baustelle am
Presslufthammer stehn und würde nicht auffallen. Bei dem Gedanken nimmt das Wort Gast-Arbeiter eine
neue Bedeutung an, während Ferran, der einen sofort duzt, sich für ein paar Fragen auf die Terrasse setzt,
nicht nervös, aber angespannt. Es ist ein Uhr mittags, und man sieht dem Mann an, dass er von sich und
seinen Leuten alles fordert.
Adrià wird geradezu heimgesucht von Ideen, die er umsetzen muss
In Küche und Service arbeiten 45 Personen, der Raum fasst etwa 40 Plätze. Das Lokal des Ferran Adrià ist
auf zweieinhalb Monate hinaus ausgebucht und die Hälfte des Jahres geschlossen. Weil der Koch sich dann
vom Wahnsinn der Arbeit erholen muss, weil er neue Ideen ausbrütet, weil er seine Köche weiterbildet und
einen Internet-Kochkurs ins Web stellen will bis im Herbst. «Es una locura», sagt er über seinen Terminplan.
Natürlich wolle er weniger arbeiten. «Ab 2003 haben wir nur noch abends offen.»
Ferran Adrià ist ein mutiger Mann, auch wenn er unwirsch daherkommt. Er riskiert, zu denken, was andere
nicht wagen, und wird geradezu heimgesucht von Ideen, die er umsetzen muss. «Mich interessieren keine
neuen Gerichte, mich interessieren Techniken und Konzepte», statuiert der Meister. Er nennt als Beispiel
den Rahmbläser, mit dem er Aromasubstanzen in die Form eines Schaums brachte, den man zwar isst und
schmeckt, aber auf der Zunge nicht spürt. «Vergangenheit. Kennen wir. Zur Zeit arbeiten wir dran, Duft und
Geschmack voneinander zu trennen. Die Leute haben das Riechen verlernt.»
Die praktische Umsetzung von Adriàs neustem Konzept fühlt sich seltsam an. Da sitzt man mit Blick über
eine sandige Bucht im klimatisierten Lokal und isst eine Langustine auf ihrem eigenen, erschlagend nach
Jod und Meer schmeckenden Gelee. Dazu schnüffelt man an einem Rosmarinzweig, der separat gereicht
wird, inklusive Gebrauchsanleitung durch die Bedienung, die verstohlen lächelt ob dem seltsamen Bild, das
sich gleich bieten wird: Die Gäste verdrehen ob dem Geschmack von Meeresfrüchten, dem Gefühl von
glitschigem Gelee und dem Duft des erdig-ätherischen Rosmarins unweigerlich lustvoll die Augen.
Wer beschreiben will, wie Ferran Adrià kocht, kommt in Schwierigkeiten. «Dekonstruktivist» wurde er schon
genannt, «Dalí» oder «Picasso der Küche». Die Komplimente wischt Ferran vom Tisch. «Ich bin kein
Künstler, ich bin Koch. Das ist mein Beruf.» Den macht er seit 17 Jahren, immer kreativ und von der Küche
komplett besessen.
Beim nächsten Gang heisst es: «Diese Erbsensuppe nicht zu schnell, aber in einem Zug trinken.» Was sich
im Mund abspielt, ist unerhört und ungeschmeckt: Das warmflüssige, sämige Erbsenpüree weckt erst
heimatliche Suppengefühle, aber je mehr man das Glas kippt, desto mehr fliesst aus der Tiefe ein eiskühler,
mentholiger Minzenaufguss, der die Geschmacksnerven von der Zunge bis ins Stammhirn in helle
Aufregung versetzt.
Über eine ausgeklügelte Dramaturgie steigert Ferran Adrià diese Verwirrung Gang für Gang bis nahe an die
Überforderung. Da gibt es unverblümt sexuelle Anspielungen wie die Ravioli aus Tintenfisch, deren Inhalt
aus flüssiger Kokosmilch sich in das Hinterland der Zunge ergiesst und einen zum Lachen bringt wie ein
unanständiger Witz. Ähnliche Wirkung zeitigt die kalt glänzende, pornografisch pralle Venusmuschel auf
einem heiss-scharfen Gemüseragout.
Es gibt aber auch die brüchig-zarte Poesie des «Algenkrokants» ganz am Anfang des Menüs: Eine
hauchfeine Kombination aus Zucker, Salz und Algenpapier, das auf der Zunge verschwindet wie der
Schaum einer Dünung am Sandstrand. Es folgt ein Akkord der Seltsamkeit: Randensuppe mit einer Kugel
tiefgekühlten Olivenöls, das sich in süsser Hingabe an die Wärme der dunkelroten Flüssigkeit auflöst, dazu
Geleewürfel von Balsamico-Essig und als Strukturgeber ein weisses Jogurtpulver wie Schnee auf Blut.
Mit einem Salto in die Kindheit eines jeden Gastes zurück
Adriàs Küche kennt keine Traditionen, im «Bullí» ist nichts von gestern. «Tradition?», blafft er. «Das ist eine
Manipulation des Zeitablaufs. Ich glaube an Geschichte. Daran, dass Alltägliches wie die Tomate einmal
exotisch war.»
Und so spinnt der Verrückte von Rosas seine Partitur weiter: Er kombiniert Kakao zu Kaninchen, er macht
Nudeln aus Hühnersuppengelatine und serviert sie an getrüffelter Carbonara-Sauce. Er umgiesst bissfeste
Entenmuscheln mit Gelee von Lapsang-Rauchtee und schliesst die Sinfonie des Wahnsinns mit einem Salto
rückwärts in die Kindheit eines jeden Gastes ab – einem süsslichen Kartoffelstock mit Vanille und frischem
Eigelb, wozu man wieder eine Vanilleschote zu schnüffeln bekommt, um den Geschmack via Nase ins
Hyperrealistische zu verstärken.
Nach all den grossen Verrücktheiten dieser Fluxus-Performance folgen endlich die «pequeñas locuras»,
präsentiert auf kubistisch geformtem Silbergeschirr – von Ferran selbst entworfen, damit die
Schokolade-Petitsfours mit japanischem Meerrettich, Tabak oder rotem Pfeffer zur Geltung kommen. Der
Gast ist erschöpft von einer Reise, die sich kein Gaumen träumen lässt.
«Hört auf, immer über diesen Adrià zu schreiben», sagen die Leute in Barcelona, «wir können selbst nicht
mehr hingehen, weil Leute aus der ganzen Welt nach Rosas reisen.» Aber man kann nicht aufhören, über
«El Bullí» zu reden. Unweigerlich erinnert man sich daran, wie Ferran Adrià, der verrückte Meister des
Verschmelzens von Kontrasten, einem die gesamte kulinarische Festplatte zum Absturz gebracht und
kurzerhand neu sortiert hat. Nach einem Essen im «Bullí» isst man anders, das Wortspiel sei vergeben. Man
schätzt auch einfaches Essen mehr denn je, die Rösti zu Hause wird zur Offenbarung.
Aber zuvor trifft man beim Rausgehen nochmals den Künstler, der jetzt, vier Stunden später, nicht mehr
mürrisch ist. Sondern zufrieden darüber, wie er mit seinen Spinnereien die Gäste beglückt hat. Und er
entlässt sie mit einem Handschlag, «hasta pronto» und einem kumpelhaft-wissenden Lächeln.
Ali Kebap sagt: Zurück auf die Alp, du urbaner Fremdschämer!
Die Konsequenz des Minarettverbot-Ja: Auswandern nach Pristina, protestantische Kirchen bauen. Die Herleitung: Folgt hier unten.
Während die SVP für ihre trümmligen Initiativen in der Regel etwas über 30 Prozent der Stimmbürger mobilisiert, waren es diesmal 27 Prozent mehr. Das war eine schmerzhafte, aber wirkungsvolle Art, die krisenbedingte Zunahme an Modernisierungsverlierern in diesem Land zu bestimmen.
Es war auch eine wirkungsvolle Art, hochgezogene muslimische Augenbrauen zu sehen, die der Schweiz mit Geraune allerlei Konsequenzen in Aussicht stellten, dabei vor allem vom Geld redend, das der Schweizer so liebt. Als wäre das Geld der reichen Leute aus islamischen Ländern bis gestern wegen unserer grossartigen Toleranz in der Schweiz ausgegeben oder investiert worden. Und nicht wegen unserem grossartigen Talent, investiertes Geld zu vermehren oder schöne Uhren zu bauen.
Egal: Eines der wichtigen Argumente gegen die Initiative war doch immer, dass sich die hier lebenden Muslime gar nicht besonders für Moscheen und noch weniger für Minarette interessieren. Geschweige denn irgendwer anders irgendwo auf der Welt. Wir sind doch nur ein Fliegendreck mitten in Europa. Ich finde, die Schweiz sollte etwas Verständnis dafür erwarten dürfen, dass ein gewisser bildungsferner Anteil der Bevölkerung glaubt, mit einem Minarettverbot den Sonnenbrillenheini zu ärgern, der zwei unserer Jungs seit Monaten gefangen hält. Könnten die Islamerer nicht einfach sagen: «Ok, sind wir halt nicht bei ausnahmslos allen Schweizern beliebt – können wir leben mit. Wir mögen euch ja auch nicht so besonders, mit eurem Bier, euren Bikinis und euren Bratwürsten. Mir eurem Regen und euren Wasserkraftwerken und eurem doofen Baugesetz.» Man muss sich ja nicht unbedingt lieben, um miteinander leben und geschäften zu können. Irgendwie lässt die missbilligende Ankündigung von Vergeltungsmassnahmen und schlechter Presse doch auf die mangelnde Toleranz schliessen, die dieser Religion und von ihr dominierten Systemen innewohnt. Mal sehen, ob nicht der Ober-Imam irgendeines geknechteten Islamer-Landes gegen die Schweiz eine Fatwa erlässt, weil er grad in den nächsten Monaten vorhatte, in Dietlikon-les-Bains oder sonst wo eine Moschee mit Minarett zu bauen. Ganz nebenbei festgehalten, sieht unsere Fahne ja ein bisschen ähnlich aus wie der Danebrog, in dessen Verbrennung Mobs von bärtigen Fanatikern schon einige Übung haben. Sie werden sicher auch mit der quadratischen Schweizer Fahne umgehen können – André Martys Kameramann soll sich schon mal bereit machen. Kleines Spässchen.
Worauf ich ebenfalls verzichten kann: Statements wie das vom Vorsitzenden der Türkischen Gemeinde in Deutschland, Kenan Kolat. «Es zeigt sich, dass die europäischen Gesellschaften noch nicht ganz reif sind für die Zuwanderung und für die Einwanderung», sagte er in der Online-Ausgabe der Süddeutschen Zeitung. Also mir schien es bisher nicht so, als würde der Reifegrad einer Gesellschaft von potenziellen Einwanderern getestet wie die Weichheit eines Camemberts, bevor man dann einrückt, im Gepäck eine Religion, die andere Religionen nicht toleriert – wohl eine Reifegrad-Kennermiene im Gesicht, aber ohne Begeisterung für das Einwanderungsziel. Ist ja nicht tolerant da (ganz im Gegensatz zum paradiesischen Ostanatolien). Aber ebä, sich wegen Herrn Kolat über Gebühr aufzuregen, wäre wohl ein tatsächliches Zeichen von Unreife.
In vielen Blog- und Facebookeinträgen war davon die Rede, dass man sich angesichts des Abstimmungsresultats zur Minarettinitiative seines Schweizerseins schäme (sogar fremdschäme, aber das geht glaubs nicht, denn man ist auch als Nein-Stimmer Teil des Souveräns, halt einfach Teil der Minderheit, die verloren hat). Das würde ja heissen, dass man vor der Abstimmung ganz glücklich mit der Schweiz, oder gar stolz über die doch eher zufällige Zuteilung einer Staatsbürgerschaft gewesen wäre.
Meine Empfindung ist eher die von Indifferenz; die Schweiz ist für uns alle eine haltungsneutrale, pflegeleichte Benutzeroberfläche und hat darum bei christlich geprägten wie muslimischen Einwanderern einen ansehnlichen Erfolg. Die Schweiz ist vielleicht eine Hochburg der gelebten Toleranz, aber darauf sollte man besser nicht stolz sein, denn die hiesige Toleranz gründet zu einem guten Teil auf Pragmatismus, dem kleinen Bruder der Denkfaulheit. Wer sich jetzt für die Schweiz schämt, ist genauso hirnlos wie jener, der sich Mitte November über einen Hilfs-Weltmeistertitel im Fussball freute. Solch ein belangloser, einlullender Nationalistenquark wird ernstgenommen und gefeiert, als hätte irgendjemand ausser den Sportlern selbst und ihren Betreuern etwas dafür geleistet! Die Schweiz ist übrigens auch, und das wäre viel schämenswerter, eine Hochburg der Spekulation und der rücksichtslosen, egoistischen Gier, wovon unsere versaute Landschaft ein deprimierendes Zeugnis ablegt. Dafür hab ich schon länger keinen sich schämen gesehen. Wäre aber wesentlich logischer.
Wer sich für die Schweiz wegen des Ja-Resultats schämt, sollte sich erstens fragen, ob er wirklich zur Urne gepilgert ist, um sein Votum abzugeben (Facebook-Gemecker hinterher ist billig) und ob er zweitens mit dem Schämen nicht warten will bis in zehn Jahren, wenn die Schweiz nicht mehr so attraktiv ist und der Verteilkampf um den kleiner gewordenen Wirtschaftskuchen unter den vielen Leuten in diesem Land intensiver wird. Denn parallel zu all den aktuellen Problemen und den gestern neu eingehandelten Polit-Schwierigkeiten ist die EU daran, die Schweiz für einen erzwungenen Beitritt sturmreif zu schiessen – vermutlich im Wunsch, das renitente Land wenigstens noch während ein paar Jahren als Nettozahler zu erleben, bevor wir ebenfalls in Brüsssel Subventionen beantragen müssen, für die das Geld gar nicht da sein wird. Na gut, das ist jetzt aus dem annähernd hohlen Bauch geschrieben – aber woher sollte man auch ernsthafte Informationen zum Thema bekommen?
Die Modernisierungsverlierer, die für die Initiative gestimmt haben, werden in dieser Art von Zukunft nichts weiter einzubüssen haben als ihr von Appenzeller Käse und Francine Jordi geprägtes Selbstbild. Ihr Leben wird weitergehen wie bisher, fremdbestimmt, hilflos grummelnd über „die da oben“, verworrene Kommentare auf 20min.ch verfassend.
Aber was machen wir urbanen Leute, denen Religion egal ist und die am Islam nur stört, dass er einen dazu zwingt, ständig über dieses öde Thema zu diskutieren? Zurück auf den Acker oder die Alp ist keine Option. Wenn der Lebensstandard in der Schweiz wegen Lohndruck durch Einwanderung und wegen schwindender Einnahmen aus dem Bankengeschäft auf EU-Niveau sinkt: Wann kippt die Attraktivität der Schweiz in ihr Gegenteil und ist es nicht mehr nur eine hässige Modejournalistin, die die das Feld räumt, um „international mit dem Vorurteil über den hohen Lebensstandard in der Schweiz aufzuräumen“ (Wäis Kiani auf Facebook, sehr lustig)? Wann wird die Schweiz wieder zum Auswanderungsland und wann ziehen wir alle als EU-Bürger nach Pristina, schöne protestantische Kirchen bauen? Natürlich zum Beten, nicht im Sinn eines Toleranztests. Und zwischendurch hoffen wir darauf, dass die Landschaftsinitiative angenommen wird.


